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Belohnung für Bürger : Hinweise auf Straftäter können lukrativ sein

Trotz hoher Belohnung noch immer nicht gefasst: der mutmaßliche Mörder von Tristan Brübach Bild: dpa

Immer wieder bittet die Polizei die Bevölkerung um Mithilfe zur Aufklärung von Straftaten. Und lockt mit Geld: In Hessen wird jährlich ungefähr ein Dutzend Belohnungen ausgeschrieben.

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          Als halb Deutschland rätselte, wohin Jürgen Schneider denn verschwunden sei und wie man ihn aufspüren könne, wusste Norbert Blüm Rat: Die Deutsche Bank, einst einer der wichtigsten Kreditgeber und dann Hauptopfer des Frankfurter Milliardenpleitiers, solle doch gefälligst eine Million Mark Belohnung aussetzen, empfahl der Sozialminister. Sie hat es nicht getan, vielleicht aber eine „Bank in Paraguay“. So lautete zumindest damals eines der vielen wilden Gerüchte in dieser Affäre. Wie auch immer, Geld ist - mit ziemlicher Sicherheit - nicht geflossen. Zielfahnder des Bundeskriminalamtes entdeckten den Immobilienschwindler im Mai 1995, etwa ein Jahr nach seiner Flucht, auf einer Straße in Miami. Schneider wollte gerade, ohne Toupet vermeintlich gut getarnt, eine Zeitung holen.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das war ein großer Fahndungserfolg, es gab für die Beamten viel Lob und Anerkennung, aber keine Belohnung. Weil es eben die Aufgabe eines Kriminalbeamten ist, Straftäter zu schnappen. Die Richtlinien zur „Auslobung von Belohnungen“, die es auch in Hessen gibt, stellen jedoch zur Sicherheit noch einmal ausdrücklich fest, dass Polizisten, Justizbedienstete „sowie Angehörige anderer Behörden, die in Erfüllung ihrer Berufspflichten handeln“, leer ausgehen.

          10.000 Euro zustimmungspflichtig

          Wer Belohnungen in welcher Höhe aussetzen kann, ist strikt geregelt. Bei Beträgen bis zu 5000 Euro obliegt das dem Polizeipräsidenten oder dem Chef der Staatsanwaltschaft, Summen bis zu 10.000 Euro müssen das Landeskriminalamt und die Generalstaatsanwaltschaft zustimmen, und soll es noch mehr sein, ist das Innen- oder Justizministerium gefragt. Für die Höhe gibt es theoretisch kein Limit - wie viel ausgegeben werden soll, um Taten aufzuklären oder verurteilte Straftäter zu ergreifen, ist eine Frage von Gespür und Ermessen. Am häufigsten wird versucht, nach Banküberfällen Hinweise auf den von der Überwachungskamera gefilmten, meist maskierten Täter zu erlangen; dabei liegt die Spanne meist zwischen 1000 und 3000 Euro. Die derzeit höchste Summe in Deutschland, 130.000 Euro, soll helfen herauszufinden, wo sich der mehr als 90 Jahre alte Aribert Heim aufhält, der als einer der schlimmsten KZ-Ärzte gilt. Immerhin 100.000 Mark hatte das Bundeskriminalamt vor 40 Jahren für die Ergreifung „anarchistischer Gewalttäter“ ausgesetzt. Ob Andreas Baader, Jan Carl Raspe und andere Mitglieder der „Roten Armee Fraktion“ auch deshalb 1972 in Frankfurt festgenommen werden konnten, weil es Hinweise „aus der Bevölkerung“ oder gar aus dem Umfeld der Terroristen gab, ist offengeblieben.

          Wie überhaupt Diskretion („Die Hinweise werden auf Wunsch vertraulich behandelt“, heißt es stets auf den Fahndungsplakaten) dazu gehört, die Informanten zu schützen. Das gilt vor allem dann, will man Tipps aus der „Szene“ erhalten. In Frankfurt wurde das zuletzt im Fall des ermordeten Betreibers einer Wettfirma versucht. Die 5000 Euro hatten Personen aus dem kriminellen Umfeld veranlassen sollen, ihren Grundsätzen zum Trotz doch mit der Polizei zu sprechen. Geplaudert hat keiner, der mutmaßliche Schütze wurde durch fleißige Recherche und Zufall ermittelt. Er war am Tattag in der Nähe von Frankfurt aufgegriffen und wegen eines älteren Haftbefehls festgenommen worden. Allerdings verknüpfte die Kripo erst viel später die Vergangenheit des Verdächtigen als Mann für „spezielle Aufträge“ in Berlin mit dem mysteriösen Anschlag in Frankfurt.

          Privatleute stockten Belohnung auf

          Auch Bürger können eine Belohnung aussetzen, um die Suche nach Straftätern voranzubringen. Allerdings wiederum nicht als Anreiz für Polizei und Justiz: Solche Angebote seien zurückzuweisen, heißt es in dem ministerialen Runderlass. Der in der Region bekannteste Fall, der eine solche Initiative bewirkte, ist der bestialische Mord an dem Jungen Tristan Brübach vor 17 Jahren im Frankfurter Stadtteil Höchst. Die Staatsanwaltschaft hatte schon früh 15.000 Euro für Hinweise in Aussicht gestellt, dann stockten Privatleute aus München die Summe um 5000 Euro auf, und schließlich gab ein Unternehmer aus dem Rhein-Main-Gebiet weitere 80.000 Euro dazu. Das geschah im Herbst 2013, als sich ein sogenannter Profiler des Falles angenommen und versucht hatte, die Psyche des Mörders und mögliche Auffälligkeiten zu ergründen. Außerdem wurde das Verbrechen noch einmal in einem Fernsehfilm thematisiert. Die damals aufkeimende Hoffnung der Ermittler, doch noch auf eine Spur zu stoßen, hat sich bisher jedoch nicht erfüllt.

          Insgesamt werden Belohnungen eher selten ausgelobt. Das Justizministerium schätzt, dass dies im Jahr in Hessen durchschnittlich zwischen acht- und sechzehnmal geschehe. Noch weniger sicher sind Erkenntnisse darüber, wie oft danach wichtige Hinweise eingehen - das geschehe in zehn bis 50 Prozent der Fälle, schätzt man im Ministerium.

          Ob der Tipp entscheidend für die Aufklärung einer Straftat war oder welchen Anteil er jeweils daran hatte, darüber gibt es mitunter Streit. Allerdings dürfte es schwierig werden, Belohnungen einzuklagen. Schließlich lässt sich der kriminalistische Wert eines Hinweises oft nur subjektiv einschätzen. Laut Generalstaatsanwaltschaft ist in den vergangenen fünf Jahren 16 Mal darüber befunden worden, ob Belohnungen ausgezahlt werden sollen. Ob es darüber zu Rechtsstreitigkeiten kam, ist den Strafverfolgern nicht bekannt.

          Wer Polizei und Justiz in ihrer Arbeit unterstützt, der darf zumindest damit rechnen, dass ihm der Polizeipräsident schreibt und seine Anerkennung ausspricht. Das ist, schön gerahmt, schon ein Wert an sich.

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