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Hinduisten in Frankfurt : Vom Hindukusch in die Milchfabrik

  • -Aktualisiert am

„Hinduismus ist eine weibliche Religion“

Nachdem Gardezi 2006 zum Vorsitzenden gewählt worden war, machte er sich mit Elan an die Arbeit. Den bis dahin kärglich eingerichteten Tempel ließ er komplett umbauen. Die viereckigen Fabriksäulen in der Mitte des Saals wurden abgerundet, sie passen nun zur orientalischen Atmosphäre des Tempels. Die Statuen rund um den Altar zeigen unter anderem Vishnu, Shiva und den elefantenköpfigen Ganesha. „Es heißt immer, Hindus glauben an mehrere Götter oder Tiere, aber es gibt nur einen Gott, der verschiedene Körper hat“, erklärt Gardezi. Das für Europäer befremdliche Kastensystem spiele bei den afghanischen Hindus keine Rolle. „Gott sei Dank nicht“, fügt er entschieden hinzu. Hindus müssten vor allem an ihren Taten gemessen werden. Wer Gutes tue, der bekomme auch Gutes zurück - spätestens im nächsten Leben.

Zwei mal die Woche treffen sich Gläubige im Tempel, beten gemeinsam und bringen vor dem Altar Opfergaben dar.
Zwei mal die Woche treffen sich Gläubige im Tempel, beten gemeinsam und bringen vor dem Altar Opfergaben dar. : Bild: Slesiona, Patrik

Am Dienstag ist Frauentag im „Aasa Mai“-Tempel. Auf dem roten Teppichboden sitzen links die Frauen, rechts einige Männer. „Das hat sich so ergeben“, sagt Gardezi. Im Tempel gebe es keine Trennung der Geschlechter. Ein stoischer älterer Herr hebt dann auch die Grüppchenbildung auf, setzt sich auf die Seite der Frauen, die bunte Kleider und Kopftücher tragen. Im Tempel zieht auch Gardezi ein rotes Tuch auf den Kopf. „Der Hinduismus ist eine weibliche Religion“, sagt er. „Aasa Mai“ bedeute „Mutter der Hoffnung“. Die Göttin Durga ist die Schutzpatronin des Tempels. Auch deshalb betrübe ihn die zunehmende Gewalt gegen Frauen in Indien, sagt Gardezi.

Sprachkurse in Deutsch und Hindi

Die Hindus in Afghanistan hatten besonders unter der Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 zu leiden. Sie wurden von den Islamisten gezwungen, gelbe Erkennungszeichen an ihrer Kleidung zu tragen. Hindu-Frauen durften nur mit Burka in die Öffentlichkeit gehen. Krieg und Machtwechsel änderten nicht viel. „Präsident Karzai hat viel versprochen, doch es ist fast wie vor dem Krieg“, sagt Gardezi, der immer noch Kontakt nach Afghanistan hat. Wenn die Internationale Schutztruppe Ende des Jahres das Land verlasse, werde es noch schlimmer. „Dann kommen die Taliban zurück.“ Kinder in Afghanistan könnten heute besser mit einem Gewehr als mit dem Kugelschreiber umgehen. „Es wächst eine Generation ohne Wissen heran“.

Der Frankfurter Verein hat vor allem zwei Aufgaben: die eigene Kultur an die Kinder weitergeben und den Mitgliedern, von denen viele Flüchtlinge sind, bei der Integration in die deutsche Gesellschaft helfen. Dafür werden Sprachkurse in Deutsch und Hindi angeboten. Gardezi wünscht sich, dass das von den Frankfurter Politikern stärker beachtet wird. „Wir haben schon Frau Roth eingeladen, doch sie kam nie. Mal schauen, ob es Herr Feldmann anders macht.“ Integration sei schließlich Kommunikation, „doch wenn eine Seite taub ist, kann die andere nichts tun“.

Nach dem Gottesdienst essen die Gläubigen zusammen in der Teestube. Es riecht nicht mehr nach Räucherstäbchen, stattdessen erfüllt der Duft von orientalischen Gewürzen den Raum. Dienstags gibt es Linsen, Reis und Chapati-Brot. Dazu werden schwarzer und grüner Tee serviert. „Ohne Tee können wir nicht leben, wie ihr nicht ohne Bier“, sagt Jaganath Gardezi und lacht.

Hindus in Frankfurt

Außer der „Aasa Mai“-Vereinigung gibt es noch vier weitere eingetragene Hindu-Vereine in der Mainmetropole. Der Tempel des Kulturvereins Inthumantram steht seit 1998 in Bockenheim, die Vereinigung war sechs Jahre zuvor von tamilischen Flüchtlingen aus Sri Lanka gegründet worden. Tamilen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet besuchen den der Muttergottheit Amman gewidmeten Tempel, der in einer ehemaligen Autowerkstadt Platz gefunden hat. Der Sri-Katpaga-Vinayakar-Tempel der im Jahr 1999 gegründeten Frankfurter Hindugemeinde wird ebenfalls vorwiegend von Tamilen aus Sri Lanka besucht. Zu den 120 Mitgliedern zählen aber auch viele Inder. Der Tempel im Osthafen ist dem Elefantengott Ganesha gewidmet.

In Bockenheim residiert die Gemeinde Vishwa Hindu Parishad. Sie war ursprünglich der Treffpunkt aller Hindugruppen Frankfurts. Die Vereinigung wurde 1964 in Indien gegründet und verfügt über ein internationales Netz von Verbänden, ihren Tempel im Bockenheimer Gewerbegebiet hat sie seit 1989. Die 300 Mitglieder des Vereins kommen vor allem aus Indien, aber auch aus Suriname, Afghanistan und Afrika.

Der Rhein-Main-Bengali Verein hat 130 Mitglieder, in erster Linie Westbengalen aus Indien. Die Schutzpatronin des Vereins ist die Göttin Durga. Die Bengalen haben keinen eigenen Tempel und richten ihre Feste in gemieteten Räumen aus. Um einen eigenen Tempel zu bauen, fehlt das Geld. Alle Hindutempel in Frankfurt haben gemeinsam, dass sie in ehemaligen Werkstätten und Fabriken beherbergt und von außen kaum als Tempel zu erkennen sind. Der einzige in Deutschland deutlich sichtbare Tempel ist der Sri Kamadschi Ampal im nordrhein-westfälischen Hamm. Er ist der zweitgrößte Hindutempel Europas und wichtiges Zentrum für Europäer indischer Herkunft.

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