https://www.faz.net/-gzg-872tf

Hilmar Hoffmann wird 90 : Als Menschenfänger ein Meister

Mann des Wortes: als Leseförderer, als Goethe-Präsident wie als Buchautor Bild: dpa

Kultur für alle. Diese Devise hat der Kulturdezernent Hilmar Hoffmann nicht nur verkündet, sondern auch realisiert. Heute wird er 90 Jahre alt.

          Das Gehen fällt ihm mittlerweile ein wenig schwer. Aber dennoch ist Hilmar Hoffmann auch mit 90 Jahren noch ein stattlicher Mann. Und Jammern ist dem früheren Frankfurter Kulturdezernenten ohnehin schon immer zuwider gewesen. Hoffmann hat seinen Stolz.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jetzt im hohen Alter denkt der gebürtige Bremer manchmal an seine Jugendjahre zurück, an die Horst-Wessel-Oberschule in Oberhausen etwa, wo er als Siebzehnjähriger sein Notabitur machte. Wie fast alle in seinem Alter geriet auch er damals in die Indoktrinations-Maschine der Nationalsozialisten und wurde zum begeisterten Jungscharführer. Erst sein Kriegseinsatz als Fallschirmjäger in der Normandie öffnete ihm angesichts der vielen toten Kameraden die Augen für das Verbrecherische des Regimes.

          Der „Stellvertreter Goethes auf Erden“

          Kultur war ihm damals schon Nahrung, er ist mit einem Bändchen mit Hölderlin-Gedichten ins Feld gezogen und konnte die Verse des Dichters bald auswendig. Später, als er als Goethe-Präsident zum ersten Mal einen Termin bei Bundeskanzler Helmut Kohl hatte, hat ihm seine lebenslange Vertrautheit mit Hölderlin die Gunst Kohls eingetragen. Er wurde danach bei dringenden Angelegenheiten immer sofort zum Kanzler durchgestellt.

          Da war er freilich schon eine nationale Berühmtheit, nämlich der wohl bekannteste Kulturpolitiker Deutschlands, dessen 1979 aufgestelltes Programm „Kultur für alle“ fast überall schon offizielle Politik geworden war. Manche sprachen damals von dem Präsidenten mit dem langen weißen Haar als dem „Stellvertreter Goethes auf Erden“. Die Ironie hat Hoffmann verstanden, er konnte über den Titel schmunzeln, aber er hat ihm durchaus auch ein wenig geschmeichelt.

          Machte „Krankfurt“ zur echten Kulturstadt

          Was in ihm steckt, hat Hoffmann schon am Anfang seiner Karriere in Oberhausen als jüngster Direktor einer Volkshochschule bewiesen: Er gründete 1954 die Westdeutschen Kurzfilmtage, die später in „Internationale Kurzfilmtage Oberhausen“ umbenannt wurden, und machte damit nicht nur die Ruhrgebiets-Stadt zu einem Mekka der Filmkunst, sondern lernte dabei im Laufe der Jahre bedeutende Regisseure von Alexander Kluge über Roman Polanski bis zu István Szabó kennen. Die Stadt Oberhausen wusste, was sie an Hoffmann hatte, und machte ihn 1965 zum Sozial- und Kulturdezernenten.

          Das waren Lehrjahre für sein Meisterstück, vielmehr seine Meisterstücke, die er zwischen 1970 und 1990 in Frankfurt als Kulturdezernent ablieferte. Hoffmann hat in dieser Zeit aus „Krankfurt“, wie nicht nur die Achtundsechziger die Mainmetropole gerne verunglimpften, eine echte Kulturstadt gemacht. Das einzigartige Museumsufer mit seinen links und rechts des Mains aufgefädelten Häusern vom Museum für Angewandte Kunst bis zum Filmmuseum auf der Sachsenhäuser Seite, das Museum für Moderne Kunst bis zum Jüdischen Museum auf der Frankfurter Seite sind sein Werk – und das seiner konservativen Mitstreiter, des Oberbürgermeisters Walter Wallmann und des Stadtkämmerers Ernst Gerhardt (CDU).

          Nicht nur Triumphe in Frankfurt

          Es erscheint als Ironie in der Lebensgeschichte des Sozialdemokraten Hoffmann, dass er seinen Tatendrang am stärksten als Mitglied eines CDU-dominierten Magistrats entfalten konnte. Aber Hoffmann hat sich nie von parteipolitischen Vorgaben beeindrucken lassen. Er suchte Verbündete für seine Kulturprojekte und vereinnahmte jeden, der ihn zu unterstützen bereit war. Als Menschenfänger war Hoffmann ein Meister.

          Hoffmann hat freilich in Frankfurt nicht nur Triumphe gefeiert. Er hat auch jede Menge kritischer Situationen meistern müssen, den Fassbinder-Skandal etwa, als Ignatz Bubis und andere Mitglieder der Jüdischen Gemeinde im Schauspielhaus die Bühne besetzten, um die Aufführung des in ihren Augen judenfeindlichen Stücks „Die Stadt, der Müll und der Tod“ zu verhindern. Hoffmann hat damals eine Eskalation verhindert, indem er dem Intendanten Günther Rühle noch im Saal untersagte, mit dem Spiel zu beginnen.

          Er blieb Frankfurt treu

          Ausgerechnet unter dem SPD-Oberbürgermeister Volker Hauff hat Hoffmann dann 1990 das Handtuch geworfen. Er wollte nicht akzeptieren, dass Hauff seinen langjähriger Mitstreiter, den Baudezernenten Hans-Erhard Haverkampf, nicht mehr in der Stadtregierung haben wollte. Vielleicht war auch etwas Amtsmüdigkeit mit im Spiel: Hoffmann hatte seine großen Vorhaben vollendet, neue markante Ziele waren nicht in Sicht mit Ausnahme eines Neubaus für das Völkerkundemuseum. Der ist denn auch bezeichnenderweise unter den drei bisherigen Nachfolgern Hoffmanns im Amt des Kulturdezernenten nicht zustande gekommen.

          In seiner Nach-Frankfurt-Phase als Präsident der Stiftung Lesen und des Goethe-Instituts hat Hoffmann die Früchte seiner vorhergehenden Arbeit ernten können. Er war längst ein bundesweit geschätzter Kulturpolitiker, den alle wichtigen Leute kannten und umgekehrt. Er hat seine Kontakte, seine Erfahrung und seine Verhandlungskunst genutzt, um zuerst Geld für die Leseförderung zu akquirieren und danach, um neue Goethe-Institute durchzusetzen und Kürzungen im Etat zu verhindern.

          Frankfurt ist er auch in dieser Zeit treu geblieben. Hier saß er in den vergangenen Jahren in seinem Haus in Oberrad jeden Tag am Schreibtisch und verfasste Bücher über Frankfurt, seine Oberbürgermeister, seine starken Frauen und was ihn sonst interessierte. Man sieht ihn immer noch in der Oper, im Theater und bei wichtigen Kulturveranstaltungen. Er ist eine Frankfurter Eminenz, keine graue, sondern eine farbige, ein großer Kommunikator, ein Menschenfänger eben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.