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Hilfe für Drogenabhängige : Trifft ein Junkie einen Banker

  • -Aktualisiert am

Seit fünf Monaten „Buddys“: Thomas Flohm (links) und Michael Ortmann Bild: Patricia Kühfuss

Der eine versucht, seine Sucht in den Griff zu bekommen, der andere will Gutes tun. Ein Programm der Drogenhilfe hat Michel Ortmann und Thomas Flohm zusammengebracht. Sie verbindet mehr, als sie gedacht hätten.

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          Wenn Michael Ortmann früher Geschäfte gemacht hat, dann sahen seine Partner nicht unbedingt aus wie Geschäftsleute. In seinem Umfeld waren fast immer andere, Menschen wie er: Drogenabhängige, Alkoholiker, Kriminelle. Noch immer ist er Teil einer Szene, von der er sich nie wirklich lösen konnte. Das will er nun endlich ändern – mit der Hilfe von Thomas Flohm. Der 23 Jahre jüngere Mann soll ihm dabei helfen, wieder ein geregeltes Leben zu führen.

          Buddy für Drogenabhängige

          Einmal in der Woche trifft sich das Tandem aus Bankmitarbeiter und Abhängigem. Manchmal, um nicht mehr zu tun, als Kaffee zu trinken. Andere Male, um gemeinsam zu kochen oder Fahrrad zu fahren. „Buddy Care“ heißt das Projekt des Vereins Integrative Drogenhilfe, an dem sie seit fünf Monaten teilnehmen. Ein Jahr lang wird ein Freiwilliger zum „Buddy“, also Kumpel eines Drogensüchtigen, und nimmt ihn regelmäßig mit in ein Leben, fernab von Sucht und Konsum.

          Ohne das Projekt hätten sich Flohm und Ortmann, der seinen richtigen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, wohl nie getroffen. Unterschiedlicher könnten sie kaum sein, äußerlich wie in ihrer Lebensgeschichte. Flohm hat Betriebswirtschaftslehre studiert und kam im vergangenen Jahr wegen des Jobangebots einer Bank nach Frankfurt. Schon während seines Studiums habe er sich sozial engagieren wollen, aber nicht die Zeit dafür gefunden, erzählt der junge Mann mit schwarzer Brille und Kurzhaarschnitt. Als er dann umzog und die Drogenszene am Hauptbahnhof sah, entschloss er sich, Abhängigen zu helfen. „Ich konnte ihnen die körperlichen Folgen ihrer Sucht ansehen, das war wahnsinnig schockierend.“ Kurze Zeit später meldete er sich als Ehrenamtlicher für das Projekt.

          Konzertbesuche, Radtouren, Saunagänge – ganz unterschiedliche Dinge haben die beiden schon unternommen. Für das Projekt selbst spielt es keine Rolle, was sie gemeinsam machen – nur, dass sie sich überhaupt treffen, möglichst einmal in der Woche. Denn die Drogensüchtigen sollen schlichtweg wieder Kontakt bekommen zum normalen Leben und Menschen außerhalb ihrer Szene, in der viele von ihnen gefangen sind. Acht Euro bekommt Ortmann für jedes Treffen von der Integrativen Drogenhilfe, zum Beispiel um Getränke oder Tickets zu bezahlen. Das Geld kann er aber auch für größere Unternehmungen sparen.

          Ausblenden von Problemen

          „Unser Highlight bislang? Eindeutig das Rock-Konzert von Danko Jones“, sagt Ortmann und deutet auf den Eintrag in einem schwarzen Notizbuch, in dem er die gemeinsamen Treffen vermerkt hat. Er sei überrascht gewesen, dass beide einen so ähnlichen Musikgeschmack hätten, wo sie sich doch in vielen anderen Aspekten so sehr unterschieden.

          Ortmann begann schon in seiner Jugend, Drogen zu nehmen. Es reizte ihn, den Kick zu spüren, die Probleme auszublenden, zur Gruppe dazuzugehören. „Ich bin einfach mitgeschwommen“, erzählt der Mann mit schulterlangen braunen Haaren. Jeder in seinem Bekanntenkreis habe das gemacht. Dazu kamen schon früh Alkoholprobleme und Kriminalität. Mehrere Male saß er im Gefängnis, weil er mit Drogen gehandelt hatte, zuletzt 2011. Irgendwie habe er sich den Konsum schließlich finanzieren müssen.

          Beim ersten Treffen sind beide nervös

          Nun versucht er, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. 2012 begann er eine Methadon-Therapie. Regelmäßig geht er seither zum Arzt, um den Heroin-Ersatzstoff einzunehmen. Seinen Konsum bekomme er dadurch langsam unter Kontrolle. Immer weniger Drogen nehme er zusätzlich zum Methadon, Für den Kick, den er anders nicht kriegen kann. Seit diesem Jahr wohnt er in einer betreuten Wohngruppe und arbeitet in einer Wäscherei der Integrativen Drogenhilfe. Dort erfuhr er auch von „Buddy Care“.

          Was sie gemeinsam unternehmen wollen, entschieden Flohm und Ortmann schon bei ihrem ersten Treffen. Aufgeregt waren beide, bevor sie sich das erste Mal sahen. Damals wussten sie fast nichts voneinander. „Die Organisatorin hat mir nur gesagt, dass ich mich nicht erschrecken solle, wenn Thomas wie ein echter Banker in Anzug kommt“, sagt Ortmann und lacht. Beide hätten sich aber in kurzer Zeit immer besser kennengelernt.

          Schulung für brenzlige Situationen

          Das Wichtigste für beide ist Offenheit. Jeder darf alles fragen, auch Persönliches - das ist die Grundlage ihrer Treffen. Zentral ist auch der Kontakt auf Augenhöhe, sagt Flohm: „Wir Buddys sind eben keine Helfer oder Berater, sondern ganz normale Menschen.“

          Geschult wurde er dennoch für das Projekt. Zwei Tage lang bereitet ein Seminar die „Buddys“ auf verschiedene Situationen vor. Dabei wurde Flohm auch erklärt, wie er reagieren solle, wenn ein Drogendealer vorbeikommt. Bisher ist so etwas aber noch nicht passiert.

          Wird Ortmann eines Tages clean?

          In sieben Monaten endet ihr Jahr als „Buddy Care“-Tandem. Danach wollen sie sich aber auch weiterhin treffen. „Wir haben ja schließlich beide etwas davon“, sagt Flohm. Immer wieder eröffne Ortmann ihm wegen seiner großen Lebenserfahrung neue Blickwinkel. Sein Drogenproblem kann Michael Ortmann letztlich nur selbst bekämpfen – das weiß er. Dass er irgendwann einmal völlig clean wird, glaubt Ortmann nicht. Aber sein „Buddy“ hilft ihm dabei, schon jetzt wieder eine andere Welt und andere Menschen zu erleben – und ein Stück Lebensqualität zurückzubekommen.

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