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Hilfe für demente Menschen : Eine Robbe zum Erinnern

  • -Aktualisiert am

Schlüsselreize auszulösen ist das Geheimnis der Computer-Robbe. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Sie kam aus Japan, jetzt soll ein kleiner Roboter auch in Deutschland demente Menschen aufheitern, sie beruhigen und zum Gespräch anregen.

          Er ist so süß. Weich und flauschig, fast wie ein übergroßes Wollknäuel. Dunkle Wimpern umrahmen riesige schwarze Augen. Weißes Fell verschluckt eine winzige Stupsnase fast gänzlich. Sechs samtene Schnurrbarthaare ragen aus dem pelzigen Mondgesicht. Verletzlich sieht er aus, unbeholfen. Mit seinen tapsigen Bewegungen und den quiekenden Lauten ist er einem Baby gar nicht so unähnlich. Aber Paro ist kein Mensch, Paro ist eine Robbe. Er wurde geschaffen um zu helfen. Paro ist ein Roboter.

          Der japanischer Wissenschaftler Takanori Shibata erfand ihn 1993, seit 2010 ist er auch in Deutschland als Therapiemittel in mehr als 40 Einrichtungen für Demenzkranke im Einsatz. „Paro löst genetisch veranlagte Schlüsselreize aus“, sagt Tobias Bachhausen, der Geschäftsführer des deutschen Vertriebs. Und tatsächlich passt Paro mit seinem niedlichen Äußeren und den leisen Pfeiftönen, die denen einer Babyrobbe so ähnlich sind, perfekt in das Kindchenschema. Wer ihn sieht, will ihn sofort bekuscheln und versorgen.

          Im bunten Fransenkleid

          Demenzkranke Menschen soll Paro aufheitern, beruhigen und zum Gespräch anregen. Mit verborgenen Berührungssensoren an Flossen, Rücken, Kinn und Hals registriert Paro ganz genau, ob ihn jemand streichelt oder schlägt. Winzige Mikrofone verraten ihm die Richtung, aus der eine Stimme kommt. Lichtsensoren in der Nase zeigen ihm, wohin er schauen muss, um direkten Blickkontakt mit dem Patienten aufzunehmen. Ruft man ihn beim Namen, merkt Paro sich das und antwortet mit Quieken, leichten Flossenbewegungen und einem sanften Wiegen des Kopfes. Bei Demenzkranken löst er ungeahnte Reaktionen aus.

          Magdalena Neff sitzt in dem kleinen Speisesaal im ersten Stock der Roh’schen Stiftung in Kleinwallstadt im Landkreis Miltenberg und starrt gegen die Wand. Auf ihrem Schoß sitzt Annamagdalena, eine große Stoffpuppe im bunten Fransenkleid. Eng umschlungen hält Neff die Puppe, als fürchtete sie, jemand könnte sie ihr wegnehmen. Gleich gibt es Abendbrot. Klassische Musik dringt durch den Raum, einige Bewohner des Altenheims wiegen sich im Takt.

          Ein Stück Vergangenheit zurückgeben

          Weißes Haar reicht Magdalena Neff bis zur Schulter, über der gebügelten Bluse trägt sie eine pinkfarbene Strickjacke, um den Hals ist der Schal mit Blümchenmuster drapiert. Die Füße stecken in Pantoffeln und ruhen auf dem kleine Trittbrett des Rollstuhls. 91 Jahre ist Neff alt. Redet man mit ihr, kann sie sich schon eine halbe Stunde später nicht mehr an das Gespräch erinnern. Die Frau leidet unter schwerer Demenz. Sie lebt in ihrer eigenen Welt.

          Doch als sie die Roboter-Robbe Paro sieht, zieht sich ein Lächeln über ihr faltiges Gesicht. Es ist, als würde man dieser Frau ein Stück Vergangenheit zurückgeben, ein Stück von dem, was sie einst so sehr geliebt hat und was jetzt verschwunden ist, irgendwo in den Wirren ihrer Gedanken. Glücklich drückt sie Paro an sich, streichelt ihn, liebkost seinen Kopf. Dann beginnt sie zu summen. „Wie gemalt siehst du aus, wie gemalt.“ Sanft wiegt sie Paro in den Armen, schaukelt mit dem Oberkörper hin und her.

          „Herausforderung des Jahrhunderts“

          Die Robbe reagiert sofort, quiekt zufrieden, öffnet und schließt die Augen, dreht den Kopf. Magdalena Neff ist wie gebannt. Dann huscht ein Schatten über ihr Gesicht. „Brauchst nicht weinen, nicht weinen“, sagt sie. „Ach du armes Ding, wo ist denn deine Mama? Nicht weinen, du sollst es gut haben. Bei uns ist es auch schön.“ Sanft hält sie die Flosse. „Er ist so lieb. Bist du müde, ja? Müde? Wir tun dir nicht weh, gibt ein schönes Sofabett und dann kommst du bei mir ins Zimmer, da ist noch viiiiiel Platz, ja - so ist gut.“ Liebevoll stupst sie mit ihrer Nase gegen Paros. „Einen großen Auslauf kriegst du. Im Garten kannst du dann alles durcheinander machen, ja, ja, ja.“

          Magdalena Neff ist einer von etwa 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, die an demenziellen Erkrankungen leiden. Bis 2050 wird sich diese Anzahl verdoppeln. Das geht aus einem Bericht der Fachhochschule Frankfurt hervor. In der Roh’schen Stiftung sind von 109 Bewohnern 75 betroffen. Als „Herausforderung des Jahrhunderts“ bezeichnet Frau Theis, die Leiterin der Stiftung, die Krankheit. „In spätestens zehn Jahren wird jeder in unserer Gesellschaft entweder direkt oder indirekt betroffen sein.“ Das liege auch daran, dass die Menschen immer älter würden, ihre Körper aber für das hohe Alter nicht geschaffen sein. „Demenz ist der Preis für die Langlebigkeit,“ sagt Margit Theis.

          Hilfskräfte werden durch die Robbe nicht ersetzt

          Demenz - eine Diagnose, die für viele Betroffene und Angehörige wirkt wie ein Hammerschlag auf den Kopf. Was kann schlimmer sein, als nach und nach sein Kurzzeitgedächtnis zu verlieren, geliebte Erinnerungen und Fähigkeiten einfach zu vergessen? Was ist schlimmer, als irgendwann nicht mehr lesen zu können?

          „Für Menschen, die ihren eigenen Gedächtnisverlust noch bemerken, ist der Leidensdruck am größten,“ sagt Theis. Deshalb sei es umso wichtiger, Wege zu finden, um mit der Demenz umzugehen. „Ich finde Paro gut,“ sagt sie. „Ob er mehr bewirkt, als ein ganz normales Tier, weiß ich aber nicht.“ Kann ein Roboter wirklich Menschen oder Tiere ersetzen? Eine Frage, auf die Theis eine klare Antwort hat: „Paro kann Hilfskräfte auf gar keinen Fall ersetzen. Die Robbe darf nur ein Zusatz zu der menschlichen Versorgung sein. Alles andere wäre Missbrauch,“ sagt die Heimleiterin.

          5700 Euro kostet die Technik

          Wirkung zeigt der Roboter bei fast allen Heimbewohnern, allerdings ist das nicht immer positiv. Manch einer lehnt Paro auch ab, schüttelt den Kopf, wenn man ihm die Robbe auf den Schoß legt, schiebt sie weg. Andere haben Angst, „Beißt der auch?“, fragen sie. Vielleicht liegt das daran, dass sie ihn als unecht erkennen. Eigentlich soll genau das verhindert werden, wie Vertriebs-Geschäftsführer Bachhausen erläutert. Deshalb sei Paro auch keine Katze und kein Hund. Ein Tier, mit dem Menschen zu eng zusammenlebten, könne nicht den gleichen Effekt haben wie eine Robbe. Denn Fehler, die eine Roboter-Katze machte, könne ein Mensch zu leicht erkennen; dann würde er den Roboter nicht mehr akzeptieren. „Uncanny Valley“, nennt sich dieses Phänomen, und bei Paro soll es andersherum wirken. „Man honoriert, dass er das tut, was man erwarten würde. Dass er zum Beispiel den Kopf hebt, wenn man ihn streichelt,“ sagt Bachhausen.

          Bei den meisten Bewohnern scheint es zu wirken. „Ja, was man net alles erlebt“, ruft Babette Schindler, als sie Paro sieht. „Ein Baby. Das ist ja toll, da haben sie mir aber was Schönes mitgebracht“, freut sie sich und lächelt. Lachen - das ist eine der häufigsten Reaktionen, die man bei den Demenzkranken beobachten kann, sobald sie Paro sehen, berühren oder auf dem Arm mit sich herumtragen. „Waldi“ nennt Thea Gewinnus den kleinen Roboter liebevoll, tadelt ihn, weil er wieder zu viele Leckerlis gegessen hat und gibt ihm zum Abschluss einen Kuss auf die Nase. Für manche Bewohner ist die Robbe Waisenkind, Baby, Haustier und Spielzeug zugleich.

          Allerdings ein teures. Etwa 5700 Euro kostet das kleine Technikwunder, für viele Einrichtungen ist das ein zu hoher Preis. Deshalb muss Paro nach einer Testwoche in der Roh’schen Stiftung auch wieder zurück zum Händler.

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