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Hilfe für demente Menschen : Eine Robbe zum Erinnern

  • -Aktualisiert am

Magdalena Neff ist einer von etwa 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, die an demenziellen Erkrankungen leiden. Bis 2050 wird sich diese Anzahl verdoppeln. Das geht aus einem Bericht der Fachhochschule Frankfurt hervor. In der Roh’schen Stiftung sind von 109 Bewohnern 75 betroffen. Als „Herausforderung des Jahrhunderts“ bezeichnet Frau Theis, die Leiterin der Stiftung, die Krankheit. „In spätestens zehn Jahren wird jeder in unserer Gesellschaft entweder direkt oder indirekt betroffen sein.“ Das liege auch daran, dass die Menschen immer älter würden, ihre Körper aber für das hohe Alter nicht geschaffen sein. „Demenz ist der Preis für die Langlebigkeit,“ sagt Margit Theis.

Hilfskräfte werden durch die Robbe nicht ersetzt

Demenz - eine Diagnose, die für viele Betroffene und Angehörige wirkt wie ein Hammerschlag auf den Kopf. Was kann schlimmer sein, als nach und nach sein Kurzzeitgedächtnis zu verlieren, geliebte Erinnerungen und Fähigkeiten einfach zu vergessen? Was ist schlimmer, als irgendwann nicht mehr lesen zu können?

„Für Menschen, die ihren eigenen Gedächtnisverlust noch bemerken, ist der Leidensdruck am größten,“ sagt Theis. Deshalb sei es umso wichtiger, Wege zu finden, um mit der Demenz umzugehen. „Ich finde Paro gut,“ sagt sie. „Ob er mehr bewirkt, als ein ganz normales Tier, weiß ich aber nicht.“ Kann ein Roboter wirklich Menschen oder Tiere ersetzen? Eine Frage, auf die Theis eine klare Antwort hat: „Paro kann Hilfskräfte auf gar keinen Fall ersetzen. Die Robbe darf nur ein Zusatz zu der menschlichen Versorgung sein. Alles andere wäre Missbrauch,“ sagt die Heimleiterin.

5700 Euro kostet die Technik

Wirkung zeigt der Roboter bei fast allen Heimbewohnern, allerdings ist das nicht immer positiv. Manch einer lehnt Paro auch ab, schüttelt den Kopf, wenn man ihm die Robbe auf den Schoß legt, schiebt sie weg. Andere haben Angst, „Beißt der auch?“, fragen sie. Vielleicht liegt das daran, dass sie ihn als unecht erkennen. Eigentlich soll genau das verhindert werden, wie Vertriebs-Geschäftsführer Bachhausen erläutert. Deshalb sei Paro auch keine Katze und kein Hund. Ein Tier, mit dem Menschen zu eng zusammenlebten, könne nicht den gleichen Effekt haben wie eine Robbe. Denn Fehler, die eine Roboter-Katze machte, könne ein Mensch zu leicht erkennen; dann würde er den Roboter nicht mehr akzeptieren. „Uncanny Valley“, nennt sich dieses Phänomen, und bei Paro soll es andersherum wirken. „Man honoriert, dass er das tut, was man erwarten würde. Dass er zum Beispiel den Kopf hebt, wenn man ihn streichelt,“ sagt Bachhausen.

Bei den meisten Bewohnern scheint es zu wirken. „Ja, was man net alles erlebt“, ruft Babette Schindler, als sie Paro sieht. „Ein Baby. Das ist ja toll, da haben sie mir aber was Schönes mitgebracht“, freut sie sich und lächelt. Lachen - das ist eine der häufigsten Reaktionen, die man bei den Demenzkranken beobachten kann, sobald sie Paro sehen, berühren oder auf dem Arm mit sich herumtragen. „Waldi“ nennt Thea Gewinnus den kleinen Roboter liebevoll, tadelt ihn, weil er wieder zu viele Leckerlis gegessen hat und gibt ihm zum Abschluss einen Kuss auf die Nase. Für manche Bewohner ist die Robbe Waisenkind, Baby, Haustier und Spielzeug zugleich.

Allerdings ein teures. Etwa 5700 Euro kostet das kleine Technikwunder, für viele Einrichtungen ist das ein zu hoher Preis. Deshalb muss Paro nach einer Testwoche in der Roh’schen Stiftung auch wieder zurück zum Händler.

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