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Hildegard von Bingen : Kommen als Tourist, gehen als Pilger

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Zugkräftig: Die Skulptur in Eibingen zeigt Hildegard von Bingen. Bild: Eilmes, Wolfgang

Rüdesheim und Bingen profitieren vom Interesse an Hildegard von Bingen - vor allem, seit sie zur Kirchenlehrerin erhoben worden ist. Von Oliver Bock

          RÜDESHEIM/BINGEN. Mehr Besucher, mehr Pilger und viele wirtschaftliche Impulse. Die Erhebung der Hildegard von Bingen zur Heiligen und zur Kirchenlehrerin durch Papst Benedikt XVI. im Oktober hat den Pilgerfahrten an die früheren Wirkungsstätten Hildegards einen Schub gegeben. Einen Schub, den Bingen und Rüdesheim in den nächsten Jahren verstetigen wollen, um sich gemeinsam und nachhaltig als „Land der Hildegard“ zu profilieren. Der Binger Oberbürgermeister Thomas Feser (CDU) sieht für beide Städte und für den Dreiklang der drei ehemaligen Wirkungsstätten Disibodenberg, Rupertsberg und Eibingen ein „Potential ohne Ende“ Bingen ist bei der Präzisierung seiner Pläne, wie Hildegard im Sinne der Stadt beworben werden kann, deutlich weiter als Rüdesheim. Bingen hat sogar einen ausformulierten „Zehn Punkte-Programm zur kulturtouristischen Etablierung von Bingen als Hildegard-Stadt“ vorgelegt. Geht es nach Feser, wird der Beiname „Hildegard-Stadt“ sogar schon bald auf den gelben Orteingangsschildern von Bingen stehen.

          Optimistisch sehen auch die 25 Kreuzschwestern auf dem Binger Rochusberg in die Zukunft. Sie wollen bis 2015 rund 2,5 Millionen Euro in ein neues Hotel mit 21 Zimmern investieren. Das Haus soll an der Stelle erreichtet werden, an der bis 1920 ein inzwischen abgerissenes Hotel gestanden hat. Die Schwestern sehen ein wachsendes Interesse an ihrem Hildegard-Forum, das zugleich Begegnungsstätte, Heilkräutergarten und Restaurant ist. Schwester Maria sieht in der Heiligsprechung die notwendige Neuorientierung bei der Interpretation der Heiligen. Hildegard werde nicht länger nur als „Kräuterweib“ gesehen, sondern als Heilkundige mit einem ganzheitlichen Ansatz und einer klaren Botschaft.

          Die kommt auch in der Privatwirtschaft an. Ganz bewusst hat beispielsweise das Unternehmen Cell Immun seinen Firmensitz nach Bingen verlegt und das stattliche ehemalige Gesundheitsamt erworben, dessen Umbau und Sanierung gerade in den letzten Zügen liegt. Cell Immun will selbst Naturheilkunde mit klassischer Schulmedizin verbinden, um Patienten mit einer integrativen Therapie zu helfen. Den Umzug aus Speyer lässt sich das Unternehmen rund sechs Millionen Euro kosten. Für das Unternehmen ist Hildegard auch ein Standortfaktor.

          Bürgermeister Feser und sein Rüdesheimer Amtskollege Volker Mosler (CDU) sind sich einig, dass sie mit der Heiligen Hildegard ein „unheimliches Pfund mit weltweitem Bekanntheitsgrad“ haben. Feser schwärmt von den bis heute gültigen Werten, die die Heilige Hildegard verkörpere. Sie habe immer ihre eigene Meinung vertreten und klar Position bezogen: „Das fehlt uns heute.“ Bingen und Rüdesheim wollen einen Tourismus auf „seriösem, angemessenem Niveau“ fördern, „keinen billigen Massentourismus.“ Das ist auch die Ansicht von Schwester Maria, die Fingerspitzengefühl bei der touristischen Vermarktung einfordert. Ihrer Ansicht nach aber hat sich das Niveau der Besucher schon jetzt erhöht und ebenso die Bereitschaft, sich mit Hildegard näher zu beschäftigen: „Viele kommen als Touristen und gehen als Pilger.“

          In Rüdesheim soll der grenz- und stromüberschreitende Hildegardweg die Wirkungsstätten der Heiligen bald noch besser miteinander verbinden. Rüdesheim will die Benediktinerinnen der Eibinger Abtei darin unterstützen, den Großparkplatz neu zu ordnen und den bisweilen chaotischen Verkehr beruhigen. Der neue Parkplatz soll bis zu 80 Autos und vier Reisebusse aufnehmen. Auch der Neubau einer Toilettenanlage ist an der viel besuchten Abtei in der Planung.

          In Bingen reifen Pläne für ein Fünf-Sterne-Hotel mit 100 Zimmern unmittelbar neben dem Fähranleger auf dem ehemaligen Landesgartenschaugelände. Das käme auch Rüdesheim zugute, ist Bürgermeister Mosler sicher. Sein Amtskollege Feser ist zudem überzeugt, dass es notwendig ist, den „Hildegard-Informationsdschungel“ zu lichten. Dazu will Bingen unter anderem seine Dauerausstellung im Museum neu ausrichten, wissenschaftliche Vorträge anbieten und den Rupertsberg besser erlebbar machen. Das Fehlen einer historischen Wirkungsstätte Hildegards wird im Binger Zehn-Punkte-Plan als „das größte Manko einer touristischen Nutzung“ beschrieben.

          Das nicht mehr sichtbare Kloster auf dem Rupertsberg solle daher „in Form einer virtuellen Projektion“ sichtbar werden, heißt es in dem Plan. Die Veranstaltungsreihe Hildegard-Herbst soll erweitert und besser beworben werden. Eine neue „und in ihrer Art völlig neuartige Biografie“ soll in Kooperation mit einem Ingelheimer Verlag das Leben Hildegards erstmals aus einem konsequent regionalen Blickwinkel darstellen. Auch ein Reiseführer durch das „Land der Hildegard“ ist geplant.

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