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„Hier bin ich“ in Wiesbaden : Ratloses Mittelschichtspaar

  • -Aktualisiert am

Familientheater: Jacob (Tom Gerber, Mitte) ist entsetzt über die Äußerungen seines Sohnes Sam (Leonard Altaras, links). Bild: Karl & Monika Forster

Wenn die Liebe schleichend vergeht: Jonathan Safran Foers Roman „Hier bin ich“ ist im Staatstheater Wiesbaden zu sehen. Bis zur Pause trägt und unterhält die von Adriana Altaras gewählte Sitcom-Lesart perfekt.

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          Auf den ersten Blick scheint es gar nicht so schwierig zu sein, Jonathan Safran Foers Roman „Hier bin ich“ auf die Bühne zu bringen, besteht er doch trotz seiner nahezu 700 Seiten Umfang zu einem sehr großen Teil aus perfekt gebauten Sitcom-Dialogen, nach deren böse hellsichtigen Woody-Allen-Pointen sich mancher Dramatiker die Finger lecken würde. Die im Buch sich über viele hundert Seiten hinziehende Auflösung der Ehe und Familie von Jacob und Julia Bloch ist klug destilliert eine brillante Boulevardtragödie mit hohem Wiedererkennungspotential.

          Beim Erscheinen des Romans vor drei Jahren stritten sich die Rezensenten darüber, ob der zweite Teil des Romans ernst zu nehmen sei oder einfach eine geschmackliche Entgleisung des Autors, der mit dem Buch sehr offensichtlich seine gescheiterte Ehe mit der Schriftstellerin Nicole Krauss verarbeitet hat. Denn kurioserweise lässt Foer die private Katastrophe sich in einer globalen spiegeln und schickt dafür den ganzen Nahen Osten in einen umfassenden Krieg, ausgelöst durch ein verheerendes Erdbeben mit Epizentrum im Toten Meer. Ist die Verquickung des persönlichen Unglücks mit einer solchen, die Existenz Israels bedrohenden Menschheitstragödie ein ironischer Kommentar des Autors über die typische Hybris eines egozentrischen Künstlers? Zielen die den gesamten Text durchziehenden, schrecklich wirkungsvollen Holocaust-Gags, wie sie ohnehin nur einem jüdischen Autor halbwegs erlaubt sind, auf die Selbstdemaskierung eines Schriftstellers, der seinen weltweiten Ruhm nicht zuletzt der subtilen Auseinandersetzung mit der Schoa in seinem Romandebüt „Alles ist erleuchtet“ verdankt?

          Vieles in der Schwebe

          Der Roman lässt verschiedene Lesarten zu und lässt absichtsvoll vieles in der Schwebe. Und genau dieses Oszillieren wird bei der theatralischen Umsetzung des Stoffes zum alles entscheidenden Problem. Wenn man nämlich, wie Adriana Altaras in ihrer nun im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden uraufgeführten Bearbeitung nach der Pause kunstvoll zusammengeschnittene Nachrichtenbilder als Liveticker über ein Dutzend Monitore im Zuschauerraum zeigt, wird die Gewaltexplosion in Israel als sehr real wahrgenommen, und selbst eine kurz darauf hingeworfene, blödsinnige Musterungsszene mit dem sich vergeblich freiwillig zum Kriegsdienst für Israel meldenden New Yorker Intellektuellen Jacob ist als ironisches Dementi zu schwach. Wo das Buch uneindeutig wird und ausfranst, reagiert Adriana Altaras mit einer ganzen Reihe hingetupfter, oft in sich schlüssiger, einander aber widersprechender Szenen, die die dramaturgische Schwäche des Buchs, ob vom Autor intendiert oder nicht, verdoppeln und Ratlosigkeit hinterlassen.

          Bis zur Pause indes trägt und unterhält die von Altaras gewählte Sitcom-Lesart perfekt. Vor allem Tom Gerber als Jacob und Adina Vetter als seine Frau Julia gelingt es überzeugend, durch den Comedy-Ton mit seinen zahlreichen Gag-Punchlines hindurch die ratlose Trauer eines Mittelschichtspaares zu zeigen, das dem schleichenden Vergehen ihrer Liebe und Zersetzung der Familie mit den drei in Computerwelten abdriftenden Söhnen nichts mehr entgegenzusetzen hat. Die äußeren Auslöser, wie etwa das Auffinden pornographischer SMS an eine angeblich nur platonische Geliebte Jacobs oder der Konflikt um die rassistischen Äußerungen des vor seiner Barmizwa stehenden ältesten Sohns Sam (Leonard Altaras), sind nur Indikatoren dafür, dass dieser Liebe lange schon die Fundamente abhandengekommen sind. Der Versuch, im alten Liebesnest-Motel der Jugend das im Ehe-Alltag zerriebene Glück wiederzubeleben, scheitert kläglich.

          Als tragikomisches Ehedrama mit viel jüdischem Humor, einer ebenso chaotischen wie auch liebenswerten Ostküstensippe inklusive inkontinenten Hundes und radikal-misanthropischen Großvaters (Uwe Kraus) und einem die vielen kurzen Einzelszenen höchst wirkungsvoll strukturierenden variablen Bühnenbild (Gisbert Jäkel) mit sich immer neu öffnenden Hintergründen und Kästen überzeugt das Wiesbadener „Hier bin ich“-Destillat vom ersten Moment an. Noch mutigeres Weglassen, gerade im zweiten Teil, hätte vollends begeistert.

          Nächste Aufführungen am 20. und 21. Februar, am 1., 20. und 21. März im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden

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