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Heißes Spielzeug : Dampfmaschinen im Kinderzimmer

  • -Aktualisiert am

Aus den meisten Kinderspielzimmern verbannt: die Dampfmaschine (Symbolbild) Bild: dpa

Sie waren für die Kinder ihrer Zeit das, was Computerspiele heute sind: topaktuelles Spielzeug. Kleine Geräte und Maschinen aus der Ära der industriellen Revolution sind im Museum Großauheim derzeit zu sehen.

          Feine, handbemalte Gesichter, klappernde Schaukelsitze, klopfende Hämmer: Zwischen 1870 und dem Zweiten Weltkrieg stand ganz oben auf den Wunschzetteln vieler Kinder technisches Blechspielzeug aller Art. Riesenräder, damals „Russische Schaukel“ genannt, Karussells, Werkzeug- oder Wurstmaschinen, Dampfloks und Dampfschiffe im Miniaturformat – 100 Jahre nach der Erfindung der rotierenden Dampfmaschine durch den Engländer James Watt (1769) setzte sein bahnbrechendes dreiteiliges Antriebssystem auch bis dato statisches oder handbetriebenes Spielzeug in wundersame Bewegung. Unter dem Titel „Watt is en Dampfmaschin? 150 Jahre Dampf, Technik, Spiel“ zeigt das Museum für Industriegeschichte in Großauheim mehr als 200 Beispiele dieses fein gearbeiteten Spielzeugabbilds der industriellen Revolution aus drei großen Frankfurter Privatsammlungen.

          „Viele andere moderne Entwicklungen wurden schneller in Spielzeug umgewandelt, beispielsweise bei Spielzeugkutschen, Puppenmode oder -mobiliar“, berichtet Wolf Kaiser, leidenschaftlicher Sammler des dampfgetriebenen Blechspielzeugs. „Bei der Dampfmaschine dauerte es ganze 100 Jahre.“ 1866 begann als Pionier der Nürnberger Ernst Plank mit der industriellen Fertigung von Blechspielzeug und ersten Mini-Dampfmaschinen, Firmen wie die der Gebrüder Bing, J. Schoenner und G. Carette, alle in Nürnberg, zogen nach. Möglich geworden durch feinere Drehmaschinen, wie sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch in der Werkzeug- und Nähmaschinenherstellung Verwendung fanden, entstanden zuerst Mini-Dampfmaschinen und Blechspielzeug, das durch Uhrwerksantrieb mechanisch bewegt wurde.

          Die Feinheiten der Technik

          Seit Anfang der 1880er Jahre wurden schließlich beide technischen Neuerungen zusammengeführt und das massenhaft gefertigte neue Spielgerät auch durch Dampf betrieben. „Entscheidend waren der Schritt vom dreiteiligen System der riesigen, rotierenden Dampfmaschine zur kleinteiligen Fertigung, die viel weniger Kraftverlust und feinere Abstimmung des Antriebs auf die Geräte möglich machten“, erklärt Kaiser, der als kleiner Junge in den dreißiger Jahren von seinem Vater eine Spielzeug-Dampfmaschine geschenkt bekam und seither begeisterter Sammler ist.

          Ein klapperndes Mühlrad, rauchende Dampfloks, Musikanten oder Figuren in Spitzenkleid und Matrosenanzug im Karussell – noch bis zum 23. Juni führen Kaiser und zwei ebenso begeisterte Kollegen immer sonntags durch die Ausstellung und erläutern die Feinheiten der Technik ebenso wie die Geschichte von Herstellung und Pflege ihrer Schätze.

          Ihr ganzer Stolz: „Alle ausgestellten Exponate funktionieren noch“, so Kaiser. Museumsleiterin Beate Hofmann dankt es ihren ehrenamtlichen Helfern: „Wir haben hier in Großauheim lange keine Ausstellung mehr gehabt, die so sehr generationenübergreifend besucht wurde“, sagt sie. Das liebevoll bemalte, rollende, hämmernde, sich drehende Blechspielzeug spreche ganze Familien an: Väter und Söhne, Großeltern und Enkelinnen stünden staunend und diskutierend vor diesen Miniaturmodellen einer untergegangenen Welt.

          Dampfmaschinenschau

          Die Ausstellung im Museum Großauheim, Pfortenwingert 4, ist am Wochenende von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Informationen unter www.hanau.de/kultur/museen/gra/index.html

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