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Hessisches Landesmuseum : Messel unter dem Teppich und hinter der Decke

  • -Aktualisiert am

Ein Einblick in das, was sich hinter der Baustelle verbirgt: das Laboratorium des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt. Bild: Kretzer, Michael

Die Sanierung des Landesmuseums bedeutet auch die Wiederentdeckung von Darmstadts berühmtem Architekten. Am Samstag findet ein Tag der Offenen Baustelle statt.

          Theo Jülich ist ein Mensch mit großem Grundvertrauen. So stand er im Eingang des Hessischen Landesmuseums, blickte auf offene Kanalschächte, Holzeinschalungen und unverputzte Mauern und war dennoch guter Dinge. „Ich glaube manchmal selbst nicht, dass wir bis 2013 fertig werden. Aber ich muss meinen Baufachleuten glauben“, sagte der Museumsdirektor und versprach, im März 2013 interessierte Darmstädter nicht mehr über eine Baustelle zu führen, sondern durch ein saniertes Museum. In dieses würden bis zur Eröffnung im darauffolgenden Herbst sämtliche wichtigen Ausstellungsobjekte zurückgekehrt sein - fünf Jahre nachdem die Objekte in Außendepots abtransportiert wurden, um den Bau Alfred Messels frei zu machen für die Generalsanierung.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Neugierige Museumsfreunde müssen freilich so lange nicht warten. Am Samstag findet ein „Tag der Offenen Baustelle“ statt, der, wenn Jülichs Baufachleute recht behalten, der vorerst letzte sein wird. Zwischen 13 und 17 Uhr besteht Gelegenheit, sich durch die zwei Ebenen des rund 20.000 Quadratmeter großen Gebäudekomplexes führen zu lassen, der zwischen 1897 und 1902 entstanden ist. Die Teilnahme an den Führungen darf empfohlen werden, und das nicht nur, weil das Landesmuseum die schönste aller Darmstädter Baustellen ist. Obwohl die Handwerker noch allerorten zugange sind und jeder Besucher einen Helm aufziehen muss, sind auch erste reizvolle Einblicke möglich.

          Das Bauwerk Alfred Messels soll wieder im strahlenden Glanz erscheinen

          Sie lassen erahnen, dass das Bauwerk Alfred Messels, das nach dem Zweiten Weltkrieg verschiedene Eingriffe erfahren hat, an unterschiedlichen Stellen tatsächlich auf den ursprünglichen Entwurf des Großstadtarchitekten zurückgeführt wird, der durch das Berliner Kaufhaus Wertheim seinen internationalen Ruhm begründet und durch den Entwurf für das Pergamon-Museums verewigt hat.

          Jülich und Mitarbeiter können Messels wiederhergestellte Architektenhandschrift schon sehr anschaulich zum Beispiel im Römischen Lichthof zeigen, eine der vier Stationen der Führungen. Für das monumentale römische Mosaik des Oceanus aus Bad Vilbel hatte er im Großherzoglichen Universalmuseum in Darmstadt einst ein pseudorömisches Peristyl geschaffen, das eine Tageslichtdecke in Form eines Walmdachs besaß und einen Umgang mit dorischen Säulen und Architrav, von dem aus sechs Türen in die umgebenden Räume abgingen.

          Messel waren Blickachsen und Sichtbezüge wichtig

          In der Nachkriegszeit waren vier dieser sechs Wandöffnungen jedoch geschlossen und das Mosaik über eine moderne flache Kunstlichtdecke beleuchtet worden. Bei der Sanierung entdeckten die Handwerker unter der Kunstlichtdecke die alte Walmdachkonstruktion, die jetzt wiederhergestellt und mit neuem Glas versehen ist, so dass Tageslicht in den Raum strömt. Die ursprünglichen Wandöffnungen sind ebenfalls wiederhergerichtet. Der Römische Hof hat nun eine Transparenz, die erkennen lässt, wie sehr Messel wert auf Blickachsen und Sichtbezüge legte und wie es ihm gelang, durch die Kombination von Licht und einer zurückhaltenden, an Naturstein orientierten Farbgebung eine sehr stille Eleganz zu erzeugen.

          Wieder freigelegt sind die verschütteten Spuren des Darmstädter Architekten, von dem in der Stadt sonst nur noch die Villa Ostermann auf der Mathildenhöhe erhalten ist, auch ansatzweise in der zweischiffigen Säulenhalle des Landesmuseums, dem Laboratorium. Von Messel eigentlich als Ausstellungsraum für Gipsabdrücke antiker Großplastiken konzipiert, wurde der monumentale Raum in den siebziger Jahren als Ausstellungsfläche für altdeutsche Tafelmalerei hergerichtet. Zum Schutz der Kunstwerke waren Teppichboden verlegt und eine Klimaanlage unter einer abgehängten Decke angebracht worden. Inzwischen ist diese Technik entfernt und der Blick wieder freigelegt auf die mit Ziegelsteinen gemauerten Tonnengewölbe, der unter dem Teppich versteckte Terrazzoboden ist restauriert.

          Der Kostenrahmen in Höhe von 50 Millionen Euro wurde eingehalten 

          Worüber sich Jülich, von Haus aus Mediävist, besonders freut, ist die Renaissance des romanischen Hauses. Messel hatte in einem der Innenhöfe des Museums zunächst den Nachbau eines Kreuzgangs vorgesehen, an Stelle dessen sind aber eine gotische Kirche und ein romanisches Haus entstanden. Vor dessen Nordseite war 1938 bei Arbeiten für einen Luftschutzbunker eine weitere, den Eindruck störende Gebäudeachse gesetzt worden. Diese Zutat ist mittlerweile entfernt und die ursprüngliche Nordwand des romanischen Hauses von Messel rekonstruiert, wobei erhaltene Elemente wie ein Rundbogenfries wiederverwendet wurden. Entstanden ist ein charmanter Hof, der künftig öffentlich zugänglich sein soll und mittelalterliche Bauteile zeigen wird.

          Wie Jülich erläuterte, wurde der vom Land Hessen vorgegebene Kostenrahmen in Höhe von 50 Millionen Euro nahezu eingehalten. Nach Stand der Dinge sei mit Kostensteigerungen von rund fünf Millionen Euro zu rechnen, was sich bei einem denkmalgeschützten Bauwerk im Rahmen des Üblichen bewege. Inbegriffen in diesen stolzen Preis ist auch die Wiederherstellung der homogenen Dachlandschaft des Museums, die wie früher unter Großherzog Ernst Ludwig ausschließlich aus einer edlen Kupferabdeckung besteht.

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