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Hessischer Verfassungsschutz : Der integre Islamwissenschaftler

  • -Aktualisiert am

Arbeit im Dunklen: Der hessische Verfassungsschutz warnt, schützt und überwacht. Bild: dpa

Wer beim hessischen Verfassungsschutz arbeitet, hat eine tadellose Vergangenheit und weiß über Extremismus Bescheid. In jüngster Zeit bewerben sich zunehmend auch Geisteswissenschaftler.

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          Sebastian P. gilt als vertrauenswürdig. Er trinkt wenig Alkohol und nimmt keine Drogen. Er hat noch nie etwas Unrechtes getan und schuldet niemandem Geld. Wäre das nicht so, würde P. einen anderen Arbeitgeber haben. Denn das hessische Landesamt für Verfassungsschutz stellt nur Bewerber ein, die einen tadellosen Lebenslauf vorweisen können. Ob er tatsächlich einwandfrei ist, findet die Behörde mit einer „Sicherheitsüberprüfung“ heraus, bei der mitunter auch Bekannte des Bewerbers befragt werden. Drei Menschen musste P. dafür angeben, Verwandte durften nicht darunter sein. Die Prüfung dauerte. Die Stelle bekam er erst nach einem Jahr.

          Ungewöhnlich ist so eine Zeitspanne nicht. Der Verfassungsschutz will sicherstellen, dass er nur geeignete Leute einstellt. Schließlich gehen viele Mitarbeiter mit geheimen Informationen um. Bei P. aber deutet alles darauf hin, dass er eine integre Person ist - auch das Erscheinungsbild: schwarzer Anzug, Krawatte, feinrandige Brille. Er spricht ruhig, Gestik und Mimik sind zurückhaltend.

          Identitäten klären, Analysen erstellen

          Seit dreieinhalb Jahren arbeitet P. in der Behörde in Wiesbaden. Für den Islamwissenschaftler, der sein Alter mit „Anfang dreißig“ angibt, kam die Stellenausschreibung wie gerufen. Er hatte sich nach seinem Examen besonders nach Stellen bei Nachrichtendiensten umgeschaut. Dass die Wahl auf ihn fiel, verdankt er auch dem Studium, durch das er Kenntnisse auf einem für den Verfassungsschutz wichtigen Gebiet hat: dem Islamismus. Sein Interesse am Islam reicht in die Zeit vor dem Studium zurück. „Ich wollte mich von Anfang an mit dem Nahen Osten beschäftigen“, sagt er. Dazu sei ein islamwissenschaftliches Studium allein nicht ausreichend, weil es Sprache und Kultur in den Mittelpunkt stelle. Man benötige aber auch politisches Hintergrundwissen. Deshalb habe er als zweites Fach Politikwissenschaft studiert.

          Beim Verfassungsschutz erstellt er, vereinfacht gesagt, Analysen. Taucht im Internet ein Dschihadisten-Video auf, ist es an ihm, die Identität des „Gotteskriegers“ zu klären, seine Botschaft zu entschlüsseln und mögliche Verbindungen zu anderen Extremisten ausfindig zu machen. Häufig führten Spuren in soziale Netzwerke. P. spricht wichtige Sprachen der islamischen Welt: Arabisch, Türkisch, Persisch - nicht fließend, aber gut genug, um solche Videos zu verstehen. Vom angeblich aufregenden Agentenleben hat seine Tätigkeit aber kaum etwas: „Wir sind eine Verwaltungsbehörde und sitzen am Schreibtisch.“

          Juristen, Politologen und Historiker gesucht

          Manchmal aber ist er doch unterwegs. Dann hält P. Vorträge vor Gemeindebediensteten, Justizbeamten oder Lehrern. Unlängst hat er Bürgermeistern erklärt, was Islamismus ist und woran Islamisten zu erkennen seien.

          Außer Islamwissenschaftlern, die der Verfassungsschutz besonders nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 suchte, können sich Juristen, Politologen oder Historiker bei der hessischen Behörde bewerben - „vorzugsweise mit einschlägiger Schwerpunktsetzung“, wie es heißt. Wer also ergänzend zum Hochschulabschluss Wissen über rechten, linken oder islamischen Extremismus besitzt, hat gute Chancen - vorausgesetzt, eine Stelle ist ausgeschrieben. Das ist jedoch nicht oft der Fall: „Im Jahr 2012 hat das Landesamt keine Bewerber im höheren Dienst eingestellt, alle Stellen waren besetzt“, heißt es. Von den rund 255Arbeitsplätzen im Verfassungsschutz lassen sich 25 dieser Laufbahn zuordnen. Im gehobenen Dienst sind es gut 190 Mitarbeiter, zwölf davon haben 2012 angefangen. Voraussetzung ist ein Bachelorabschluss. Von Herbst an beabsichtigt das Amt, eine duale Ausbildung anzubieten, mit der Berufseinsteiger einen Bachelorabschluss direkt über das Landesamt erwerben können. So will man junge Leute schon frühzeitig an sich binden.

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