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Hessischer Philologenverband : Verteidigung des Gymnasiums

Für Vielfalt: Der hessische Philologenverband will am mehrgliedrigen Schulsystem festhalten. Bild: Fiechter, Fabian

„Einheitsschulen“ und „Einheitslehrer“ sind dem Hessischen Philologenverband ein Graus. Er kämpft weiterhin für den Erhalt des Gymnasiums.

          3 Min.

          Einheit ist ein ziemlich ambivalenter Begriff. Während der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands kaum jemand nachtrauert, fließen für den Erhalt der Einheitswährung Milliarden. Die Deutsche Einheit wird sogar so wertgeschätzt, dass ein eigener Feiertag an sie erinnert. Beim Hessischen Philologenverband weckt das Wörtchen allerdings ausschließlich negative Konnotationen. „Einheitslehrer“, „Einheitsschule“ - davon wollen die Gymnasiallehrer aber auch gar nichts wissen. Das haben sie auf ihrem Gymnasialtag in Grünberg deutlich gemacht.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Knapp zwei Wochen vor der Landtagswahl diente das Treffen vor allem dazu, die berufs- und bildungspolitische Position der Philologen herauszuarbeiten. Hierfür hatten sie Kultusministerin Nicola Beer (FDP) und die bildungspolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen eingeladen. Die Gäste sollten erklären, was sie für den Fall einer Fortführung oder Übernahme der Regierung, mit dem, wie es der Verbandsvorsitzende Knud Dittmann ausdrückte, „Erfolgsmodell Gymnasium“ vorhaben.

          Sitzenbleiben um Standard zu halten

          Seit den Bildungsreformen der siebziger Jahre befinden sich die Gymnasien in permanenter Verteidigungshaltung. Wenn auch die Angriffe schon einmal schärfer waren, so prägt doch ein gewisser Argwohn das Verhältnis der Philologen zur Kultuspolitik. Da reicht schon ein vermeintlich harmloses und zudem selbst von den Grünen kaum noch verwendetes Etikett wie das der „Neuen Schule“, um gereizte Reaktionen hervorzurufen. Doch Mathias Wagner (Die Grünen) gibt sich auf dem Gymnasialtag alle Mühe, die Bedenken zu zerstreuen. Seine Partei wolle den Schulen „Verlässlichkeit und Perspektiven“ geben. Maßgeblich seien die Eltern, und da diese für ihre Kinder weiterhin den direkten Weg zum Abitur wünschten, bedeute das, dass die Gymnasien unter grüner Regierungsbeteiligung nicht angetastet würden.

          Der Unterstützung der derzeitigen Landtagsmehrheit, vertreten von Günter Schork (CDU) und Mario Döweling (FDP), können sich die Oberschulen ohnehin sicher sein. Barbara Cárdenas (Die Linke) bekennt sich hingegen freimütig zu ihrer Rolle als „Feindbild“ der Philologen. Ihrer Meinung nach sollten die Gymnasien in einer „Schule für alle“ aufgehen. Obwohl sich das viel besser anhört als „Einheitsschule“, kann Cárdenas damit erwartungsgemäß nicht überzeugen. Während sie Querversetzungen an andere Schulformen und Sitzenbleiben abschaffen will, halten die Philologen diese Instrumente für nötig, um den Standard der Hochschulreife zu halten.

          Es ist für Gymnasien einfacher geworden, Schwerpunkte zu setzen

          Vor den bildungspolitischen Sprechern hatte schon Kultusministerin Beer den Gymnasiallehrern Rede und Antwort gestanden. Sie bekommt vergleichsweise wenig Klagen und viel Lob zu hören. Vor allem die auf durchschnittlich 105 Prozent der Pflichtstunden gesteigerte Unterrichtsversorgung wird gewürdigt.

          Die meisten Gymnasien profitierten von zusätzlichen Lehrerstellen, sagt Christof Ganß, der im Verband den schulpolitischen Ausschuss leitet. An seinem Gymnasium, der Georg-Büchner-Schule in Darmstadt, werde das Personal zum Beispiel als Ansprechpartner der Schüler in einem „Auszeit-Raum“ eingesetzt. Wie die stellvertretende Verbandsvorsitzende Roswitha Stengl-Jörns sagt, ist es auch für die Gymnasien jetzt einfacher, Schwerpunkte zu setzen. An ihrer Schule, dem Taunusgymnasium in Königstein, geschehe dies im Englisch-Unterricht, für den die Eingangsklassen aufgeteilt würden. Kinder mit sehr guten Vorkenntnissen würden in einer „Advanced English“-Gruppe besonders gefordert.

          Keine zusätzliche Behörde einführen

          Kritik äußern die Lehrer an bürokratischen Belastungen durch die Kultuspolitik. Die Schulinspektionen brächten einen hohen Aufwand mit sich, der nicht durch den Ertrag gerechtfertigt sei. Grundsätzlich sei nichts dagegen einzuwenden, „dass Schulen auch einmal von außen betrachtet werden“, sagt Ganß. Bei der Bewertung müsse jedoch schulformbezogen differenziert werden, da Methoden und Lernziele an einem Gymnasium anders seien als an einer Hauptschule.

          Auch den Sinn des neuen Landesschulamts zweifeln die Gymnasiallehrer an. Wenn die Politik eine bessere Schule wolle, solle sie nicht eine zusätzlich Behörde einführen, sondern „bei den einzelnen Lehrern ansetzen“, sagt Stengl-Jörns. Die hessischen Gymnasiallehrer müssten 27 Stunden Unterricht pro Woche halten. Dies sei der Spitzenwert in Deutschland und gehe zu Lasten der Qualität.

          Auch finanzielle Dimension

          Ein weiteres Feld, auf dem die Gymnasiallehrer gegen die ihrer Auffassung nach drohende Vereinheitlichung kämpfen, ist das der Lehrer-Ausbildung. Diese müsse weiterhin „schulformbezogen“ sein, fordert der Vorsitzende Dittmann, und wendet sich damit gegen Pläne der SPD und der Linken, die Lehramtsstudiengänge zusammenzuführen. Aber auch die Pläne der schwarz-gelben Koalition, ein frühes Praxissemester einzuführen, stoßen bei den Teilnehmern des Gymnasialtags auf Skepsis. Vor dem Ersten Staatsexamen seien die Lehramtsstudenten noch nicht genügend auf den Unterricht vorbereitet. Das Praxissemester, so ein anderes Argument, würde es den Studenten erschweren, sich ein solides fachliches Fundament zu erarbeiten. Wissenschaftliches Denken und Arbeiten seien aber Kernkompetenzen von Gymnasiallehrern, die ihre Schüler in der Oberstufe an die Hochschulwelt heranführen müssten.

          Freilich hat die Abneigung der Philologen gegen den „Einheitslehrer“ nicht nur eine pädagogische, sondern auch eine finanzielle Dimension. An ihrer besseren Bezahlung im Vergleich zu den Kollegen an Haupt-, Real- und Grundschulen wollen die Gymnasiallehrer jedenfalls nicht rütteln lassen. „Wir brauchen Anreize, um gute Akademiker in die Schulen zu bekommen“, sagt Stengl-Jörns. Gerade in Mangelfächern wie Mathematik und Physik reiche ein Grundschullehrergehalt eben nicht aus, um mit der Bezahlung in der Wirtschaft konkurrieren zu können.

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