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Hessischer Friedenspreis : Hoffnung für die Elenden in den Favelas

  • -Aktualisiert am

Mann des Friedens: Rubem César Fernandes im Hessischen Landtag Bild: dpa

Der brasilianische Aktivist Rubem César Fernandes ist mit dem Hessischen Friedenspreis für seinen Kampf gegen Gewalt ausgezeichnet worden.

          Brasilien hat eine der höchsten Mordraten, und Rio de Janeiro gilt nicht nur als eine der schönsten, sondern auch als eine der gefährlichsten Großstädte der Welt. „Mit Rio verbinden die meisten Menschen einen Traum, für viele ist es ein Albtraum“, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) Donnerstag bei der Verleihung des Hessischen Friedenspreises an den Brasilianer Rubem César Fernandes.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass es in Rio wieder Hoffnung gibt. Tatsächlich ist die Zahl der Menschen, die an der Copacabana durch Mord oder Totschlag ums Leben kommen, in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich zurückgegangen.

          Fernandes rief Wohltätigkeitsorganisation ins Leben

          Zu den 50 gefährlichsten Metropolen zählten allein 16 brasilianische Großstädte, sagt Michael Brzoska, wissenschaftlicher Direktor am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. „Rio gehört nicht dazu.“ Tatsächlich sei Rio de Janeiro in Sachen urbaner Gewalt längst kein abschreckendes Beispiel mehr, sondern ein Vorbild, berichtete Laudator Brzoska.

          Vor zwei Jahrzehnten hat der heute 71 Jahre alte Fernandes mit rund drei Dutzend Mitstreitern den Kampf gegen die ausufernde Gewalt in den Favelas, den Armutsvierteln, aufgenommen. Heute arbeiten für die von Fernandes ins Leben gerufene Nichtregierungsorganisation „Viva Rio“ rund 5000 Festangestellte und mehr als tausend freiwillige Helfer. „Sie haben den Hoffnungslosen eine Perspektive auf ein Leben ohne Kriminalität, ohne Gewalt gegeben“, lobte Ministerpräsident Bouffier.

          Einsatz gegen Gewalt und Armut in Städten

          Während der mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis bisher stets an Vermittler in zwischenstaatlichen Konflikten und Bürgerkriegen ging, stand in diesem Jahr zum ersten Mal ein Mann im Blickpunkt, dessen Lebensziel die Verringerung städtischer Gewalt und Armut ist. Mut, Einfallsreichtum, Beharrlichkeit und schier unerschöpfliche Energie sind das Erfolgsrezept von Fernandes. „Wir vermissen sogar manchmal die Gewalt“, sagte er bei der Entgegennahme des Preises im Landtag scherzhaft. „Denn das ist ja schließlich unsere Kompetenz.“

          Längst aber hat sich „Viva Rio“ von einer Bewegung gegen Gewalt zu einer bedeutenden Wohlfahrtsorganisation entwickelt. „Wir sind von einem sozialen Labor zu einem sozialen Dienstleister geworden“, sagt Fernandes. Organisiert werden Ausbildungs- und Arbeitsplätze, Sport- und Kulturangebote, aber auch Kredite zum Aufbau von Kleinunternehmen. Dabei arbeitet „Viva Rio“ auch mit großen Finanzinstituten und der Börse zusammen, wenn diese sich für soziale Projekte engagieren wollen.

          „Danke“: Fernandes bedankt sich bei Ministerpräsident Bouffier (CDU) für die Auszeichnung mit dem Hessischen Friedenspreis.

          Nicht zuletzt habe die Organisation unter dem Motto „Rio, entwaffne dich“ rund 500.000 illegal in Privatbesitz befindliche Waffen eingesammelt, sagte Brzoska. Im Tausch für ihre Gewehre und Pistolen hätten die Besitzer unter anderem Gutscheine für den Besuch von Sportveranstaltungen erhalten. Fernandes habe das Problem der Kleinfeuerwaffen als Katalysator gewalttätiger Auseinandersetzungen auf die internationale politische Bühne gebracht.

          Kämpft gegen brasilianische Drogenmafia

          Nicht unumstritten war seine Entscheidung, auch mit der von vielen als hoffnungslos korrupt eingestuften Polizei zu kooperieren. Im Bestreben, der brasilianischen Drogenmafia den Nährboden für ihre Geschäfte zu entziehen, plädiert Fernandes für eine Entkriminalisierung von Cannabis. Das strikte Verbot von Verkauf und Konsum helfe letztlich den Kriminellen, argumentiert er.

          Den Hessischen Friedenspreis sehe er als Ermutigung an, seinen Kampf fortzusetzen, sagte Fernandes. „Viva Rio“ ist inzwischen nicht nur in vielen anderen Städten Brasiliens aktiv, sondern auch in Haiti, und dem Engagement scheinen keine Grenzen gesetzt. Gestern kündigte Fernandes die Beteiligung seiner Organisation an einem Fonds zur nachhaltigen Nutzung des brasilianischen Regenwaldes und zur wirtschaftlichen Entwicklung der Amazonas-Region an.

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