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Pfungstädter Übernahme : Brauereikauf mit Emotionen

  • -Aktualisiert am

Uwe Lauer Bild: Ramona Laurisch

Ein hessischer Anlagenbauer übernimmt die Traditionsbrauerei Pfungstädter. Ein Neubau auf dem Fabrikgelände soll Mitte 2021 beginnen.

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          Es ist schon eine Weile her, seit Uwe Lauer das erste Mal Kontakt mit Pfungstädter Bier hatte: Damals, als Lehrjunge, wenn er von seinem Heimatörtchen Ober-Beerbach ins benachbarte Pfungstadt fuhr, um etwas zu erleben. „Da gab es eine Disco, Kneipen, es war was los“, erinnert sich der heute Sechsundfünfzigjährige. Und Bier gab es auch. „Natürlich das gute regionale.“ Dass er heute, knapp 40 Jahre später, Eigentümer jener Brauerei ist, von deren Bier er einst seinen ersten Schwips hatte, hätte Lauer seinerzeit jedoch nicht gedacht. Seit Donnerstag aber ist bekannt: Die Lauer GmbH, ein Anlagenbauer aus dem südhessischen Seeheim-Jugenheim (Kreis Darmstadt-Dieburg), wird die finanziell angeschlagene Brauerei übernehmen. Bis 2023, so die Pläne, soll auf einem 5000 Quadratmeter großen Teilstück des einstigen Brauereigeländes ein Neubau entstehen. Das Areal wiederum kauft Lauer vom Unternehmer Daniel Hopp zurück, der das rund 45.0000 Quadratmeter große gesamte Brauereigelände jüngst erworben hatte und dort mit dem Projektentwickler Conceptaplan ein Wohngebiet errichten möchte. Logistik, Abfüllung und Flaschenreinigung der neuen Brauerei dagegen werden ins Pfungstädter Industriegebiet ausgelagert, wo Lauer ein rund 10.000 Quadratmeter großes Grundstück von der Stadt kaufen werde. Zwei stünden zur Auswahl, welches er nehmen werde, sei jedoch noch nicht entschieden, sagt Lauer.

          Ursprünglich hatte der Neu-Brauer Industrie-Isolierer gelernt. Doch schon kurz nach Ende der Lehrzeit, parallel zur Meisterschule, trieb Lauer 1986 seine Selbständigkeit voran. „Ich hatte keine Lust mehr, angestellt sein“, erzählt er. Bald widmete er sich dem Komplettanlagenbau unter anderem für Chemie- und Pharmaunternehmen. Inzwischen verzeichnet sein rund 500 Mitarbeiter zählendes Unternehmen 120 Millionen Euro Jahresumsatz.

          Zur Brauerei kam Lauer, der die Geschehnisse um das Unternehmen in den Medien verfolgt hatte, durch ein Telefonat. „Ich habe zum Hörer gegriffen, beim Geschäftsführer der Pfungstädter angerufen und mein Interesse bekundet“, erzählt er. Nach mehreren Gesprächen habe er den Zuschlag erhalten.

          Zwar hatte die Lauer GmbH bisher mit dem Geschäftsfeld von Pfungstädter wenig zu tun. Allerdings: „Betriebstechnische Anlagen ähneln sich alle, ganz gleich ob damit Pillen, Insulin oder Bier hergestellt werden“, so Lauer. Außerdem solle die Pfungstädter Brauerei als Schwesterunternehmen der Gesellschaft weitgehend autark bleiben.

          Wettbewerbsfähig agieren

          Deren aktueller Geschäftsführer Stefan Seibold werde die Position weiter ausfüllen. Zudem möchte Lauer 45 der 76 Mitarbeiter übernehmen. Für die 31 übrigen werde geprüft, ob sie beim Anlagenbauer selbst eine Anstellung erhalten können, sagt der Geschäftsführer.

          Sein Anspruch sei, in Zukunft wieder wettbewerbsfähig sein. „Denn Pfungstädter ist eine Topmarke“, ist er sich sicher. „Am Renommee müssen wir nichts machen.“ Das Bier sei sogar in Frankreich, Schweden, China und Italien bekannt. Allerdings seien die Anlagen, auf denen aktuell gebraut wird, für den Ausstoß an Bier, den der Markt inzwischen abnehme, überdimensioniert.

          „Also müssen die Anlagen energetisch effizienter werden.“ Das soll im geplanten Brauerei-Neubau der Fall sein. Ende Dezember 2023 müssen die neuen Gebäude stehen – sowohl auf dem alten Brauereigelände als auch im Industriegebiet. Bis dato werde noch auf den bisherigen Anlagen weitergebraut. Der Übergang verlaufe nahtlos, versichert Lauer. 150.000 Hektoliter Bier soll die neue Brauerei jährlich ausstoßen, das entspricht der Menge, die zuletzt gebraut wurde. Ziel sei selbstverständlich auch, wirtschaftlich zu agieren. „Am Ende des Tages müssen Euros verdient werden“, sagt der Geschäftsmann.

          Millionengeschäft ist nicht das Ziel

          Durch neue Anlagen und den geplanten Personalabbau werde das aber sicherlich gelingen. Ab dem vierten Quartal werde Lauer die Brauerei voraussichtlich übernehmen, ab diesem Zeitpunkt rechnet er mit der „schwarzen Null“, wie er sagt. „Millionen aus dem Unternehmen rauszuziehen“ sei jedoch kein Ziel und unrealistisch. Außer dass der Brauereikauf aus regionaler Verbundenheit zu Pfungstadt auch eine emotionale Komponente für ihn habe, lege Lauer eher Wert darauf, dass weiterhin gutes Bier aus Pfungstadt komme. Bekannte Sorten wie Urquell, Radler und Pils sollen deswegen erhalten bleiben.

          Außerdem spielt das Unternehmen mit dem Gedanken, auch kleine Mengen Craft Beer zu brauen. In der ebenfalls auf dem Brauereigelände entstehenden Gaststätte, zu der auch ein Biergarten mit altem Baumbestand gehört, sollen Besucher den Brauern dann bei ihrer Arbeit zuschauen können. Erste Planungen liefen bereits, Lauer hofft, Mitte 2021 mit dem Bau beginnen zu können. Dann allerdings knattert der Unternehmer sicher nicht mehr mit dem Moped nach Pfungstadt. Der bekennende Sportwagenfan wird vermutlich im Auto anreisen.

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