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Hessische Wirtschaft : Im Grunde läuft es gerade richtig gut

Es brummt, egal in welcher Branche. Bild: dpa

Der Staatsschuldenkrise zum Trotz: Die hessische Wirtschaft wächst so stark wie lange nicht.

          3 Min.

          Es wird investiert, und zwar nach Kräften. Nicht nur am Flughafen. Anfang nächsten Jahres beginnt der Chemiekonzern Clariant, der 1997 die Spezialchemiesparte der Hoechst AG erwarb, im Frankfurter Westen mit dem Bau eines Forschungszentrums für 500 Mitarbeiter. 100 Millionen Euro soll der Bau kosten, in dem künftig an neuen Produkten getüftelt wird. 21 Millionen Euro steckt das Unternehmen Interxion in ein neues Rechenzentrum im Frankfurter Osten. Und auch im Einzelhandel wird Geld ausgegeben, wo es nur geht. Im Isenburg-Zentrum ist die Modernisierung gerade abgeschlossen. Das Main-Taunus-Zentrum steht vor der Eröffnung seiner Erweiterung. Auch das Hessen-Center soll größer werden.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Die Wirtschaft Hessens läuft auf Hochtouren, der Schuldenkrise zum Trotz. Selbst die nüchternen Statistiker haben zuletzt alle Zurückhaltung aufgegeben: „Bauhauptgewerbe bleibt in Schwung“, „Private bleiben in Kauflaune“, „Betten und Kneipen gut gefüllt“ - so lauteten einige Veröffentlichungen des Statistischen Landesamts aus den vergangenen Tagen. Im ersten Halbjahr, so hat die Wiesbadener Behörde ausgerechnet, wuchs das Bruttoinlandsprodukt Hessens, also die Summe aller Waren und Dienstleistungen, im Vergleich zum ersten Halbjahr 2010 um 4,3 Prozent - so stark wie lange nicht.

          Das spiegelt sich auch in den Arbeitslosenzahlen

          Dass Hessen damit wieder einmal über dem Bundesdurchschnitt lag, fand schon kaum mehr Beachtung. Denn bereits im Abschwung war es diesem Bundesland besser ergangen als anderen. Geringerer Rückgang der Wirtschaftsleistung in der Krise, stärkeres Wachstum im Aufschwung: Offenbar stimmt der Branchenmix. Besser kann es gar nicht laufen.

          Das spiegelt sich auch in den Arbeitslosenzahlen. In manchen Regionen des Rhein-Main-Gebiets kann man nahezu von Vollbeschäftigung sprechen. Im Hochtaunuskreis lag die Arbeitslosenquote im September bei 3,9 Prozent, im Main-Taunus-Kreis bei 4,3 Prozent. Wer etwas kann, wird nicht lange nach einem Arbeitsplatz suchen müssen. Für ganz Hessen sind schon bei der Arbeitsverwaltung 41.000 offene Stellen registriert. In Wahrheit, so schätzt die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, dürfte sich die Zahl unbesetzter Stellen sogar auf knapp 100.000 belaufen. In immer mehr Branchen dreht sich der Markt: Es fehlt nicht an Jobs, sondern an Leuten, die sie besetzen. Schon jetzt, so hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC dieser Tage ausgerechnet, bleiben im Gesundheitswesen Hessens 14.000 Stellen frei. Das lasse sich nur mit Überstunden und dem Einsatz nicht zureichend qualifizierten Personals ausgleichen.

          Ablühlung, aber keine Rezession

          Aber wie lange wird die hessische Wirtschaft noch so dynamisch wachsen? Erste Anzeichen finden sich, dass der Schwung nachlässt. So wachsen zwar die Auftragseingänge in der Industrie weiter, aber nur noch langsam. Vor allem kommen weniger Bestellungen aus dem Ausland. Zudem trübt die anhaltende Berichterstattung über die Schuldenkrise auch die Stimmung der Unternehmer. Als die Industrie- und Handelskammer Frankfurt vor einigen Wochen ihre Mitglieder fragte, wie es um ihre Betriebe stehe, gaben 46 Prozent an, es laufe alles gut. Doch nur noch 26 Prozent meinten, es werde noch besser kommen. Im Frühjahr hatten sich noch 38 Prozent so optimistisch gezeigt.

          Das muss alles noch kein Anlass zu tiefer Sorge sein. Ralf Geruschkat, der neue Chefvolkswirt der Kammer, spricht von einer Abkühlung, aber von einer Rezession will er nichts wissen. „Ich wette auf Wachstum“, sagt er zu den Aussichten des Rhein-Main-Gebiets für 2012. „Alle Daten sind solide.“ Am Ende könnte es dennoch so weit kommen, dass die Wirtschaft darunter leidet, dass alle sagen, angesichts der Schuldenkrise müsste sie doch eigentlich leiden. „Das hat viel mit Psychologie zu tun“, meint Geruschkat und warnt vor „zu viel Panik“.

          Ist also alles rundherum gut

          Auch die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, Gertrud Traud, mag noch nicht recht glauben, dass es mit dem unerwartet starken Aufschwung schon vorbei sein soll. Sie glaubt zwar ebenso wenig wie Geruschkat, dass die hessische Wirtschaft im nächsten Jahr abermals so stürmisch wächst wie in diesem, prognostiziert aber immer noch einen Anstieg des hessischen Bruttoinlandsprodukts in Höhe von 1,8 Prozent - wiederum über dem Bundesdurchschnitt. Sorgen um die Arbeitsplätze muss man sich nach ihren Worten bei solchen Raten nicht machen: Von 1,5 Prozent Zuwachs an entstünden vielmehr weiter zusätzliche Stellen, prognostiziert Traud.

          Das deckt sich auch mit der neuesten Umfrage der hessischen Industrie- und Handelskammern, wonach jedes fünfte Mitgliedsunternehmen weitere Menschen einstellen will, während nur jedes zehnte an Stellenabbau denkt. Ist also alles rundherum gut? Die Fachleute haben sich angewöhnt, keine Prognose ohne Fußnote abzugeben. Falls ein unvorhergesehenes Ereignis eintrete, könne natürlich alles anders kommen, sagt etwa Geruschkat. An solchen Ereignissen allerdings war im zurückliegenden Jahrzehnt kein Mangel.

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