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Agrarsubventionen für Hessen : 261 Euro Überlebenshilfe

Honigtopf: Wer als Bauer solche Blühstreifen anlegt, erhält zusätzliche EU-Gelder dafür. Bild: dpa

„Bauern sind EU-Beamte auf Feldern“ lautet ein Vorurteil angesichts der Subventionen aus Brüssel. Das ist zwar Unsinn, doch ohne die vielen Millionen aus Europa könnten Hessens Landwirte nicht bestehen.

          Peter Voss-Fels redet nicht drum herum. Auf die Frage nach der Bedeutung der Agrarsubventionen für die Bauern sagt er: „Die gemeinsame Agrarpolitik ist essentiell für die hessische Landwirtschaft.“ Was der langjährige Generalsekretär des Bauernverbands mit Sitz in Friedrichsdorf über die Landwirtschaft zwischen Kassel und dem Odenwald sagt, gilt für seine Branche bundesweit. Denn auch wenn die Landwirte auf unterschiedlichem Grund ackern, gelten für sie am Markt doch die gleichen Bedingungen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ob ein Bauer im Vogelsberg seine Kuh melkt oder im Allgäu – die Erzeugerpreise unterscheiden sich regional jeweils nur um ein paar Cent je Liter. Weizen kostet so viel, wie das Korn an der Warenterminbörse wert ist. Und ob Schweine teurer werden oder billiger, hängt im Zweifel von internationalen Trends ab. Zuletzt konnten etwa Mäster in Hessen ihre Tiere zu höheren Preisen verkaufen als noch vor wenigen Wochen. Das liegt, wie es heißt, an der Schweinepest in China. Dort liegt der Schweinebestand etwa ein Drittel tiefer als vor einem Jahr, wie das Fachorgan „Top Agrar“ meldet, deshalb führt China mehr Schweinefleisch ein als vor der Krise.

          Auswirkungen auf Wettbewerbsfähigkeit

          Der Blick auf die Notierungen der Terminbörsen gehört für viele Landwirte zu den täglichen Gepflogenheiten, denn die Preise schwanken ständig. Hinzu kommt: Die europäisch vorgeschriebenen Standards für die Tierhaltung und die Bewirtschaftung von Feldern sind im internationalen Vergleich hoch – und damit die Kosten zu Lasten auch hessischer Landwirte. Die Vorgaben wirken sich folglich auf die Wettbewerbsfähigkeit aus, wie Voss-Fels erläutert.

          Vor diesem Hintergrund komme der europäischen Agrarpolitik eine mit den Direktzahlungen stabilisierende Rolle zu. Immerhin 39 Prozent des 145 Milliarden Euro umfassenden EU-Haushalts entfallen auf den Landwirtschaftsetat. Das sind 57 Milliarden Euro. Nach Angaben des Bundesagrarministeriums flossen 2017 etwa 6,5 Milliarden Euro davon nach Deutschland, an fast 330.000 Begünstigte.

          Für die Umwelt belohnen

          Die Bauern in Hessen bekommen allerdings nur einen Bruchteil dieser Milliardensumme, denn Landwirtschaft spielt zwischen Kassel und dem Odenwald eine weitaus geringere Rolle als zum Beispiel in Bayern und Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Niedersachsen. Für dieses Jahr können die etwa 16.000 hessischen Höfe aber immerhin mit insgesamt 210 Millionen Euro an Direktzahlungen rechnen, wie es in Friedrichsdorf heißt.

          In den Genuss dieser Gelder kommen vereinfacht gesagt Landwirte mit Ackerflächen, denn berechnet werden die Zuschüsse anhand der Hektar je Hof. Demnach überweist die öffentliche Hand je Hektar, das sind jeweils 10.000 Quadratmeter, genau 176 Euro. Eine sogenannte Greening-Prämie von 85 Euro je Hektar kommt hinzu. Mit diesem Extrazuschuss will die Europäische Union die von ihr verlangten besonderen Bemühungen von Bauern für die Umwelt belohnen. Landwirte sollen nach ihren Vorgaben fünf Prozent ihrer Felder innerhalb eines Wirtschaftsjahrs nicht beackern. Vielmehr sollen sie die Flächen brach liegen lassen oder können alternativ Blühstreifen für Insekten anlegen. Insofern kann ein Landwirt insgesamt 261 Euro je Hektar an Direktzahlungen aus Brüssel erwarten.

          „Eine gesellschaftliche Leistung“

          Diese Finanzhilfen machen je Hof bis zur Hälfte des Betriebsgewinns aus, wie Voss-Fels berichtet. Er kennt auch das daraus abgeleitete Vorurteil, Landwirte seien letztlich nur noch „EU-Beamte auf den Feldern“. Dies werde der Leistung der Bauern aber nicht gerecht, hebt er hervor. Denn umgerechnet auf den Umsatz je Hektar, betrage die Direktzahlung nicht mehr als 15 Prozent. Rechenbeispiel: Wer je Hektar zehn Tonnen Weizen erntet und 180 Euro je Tonne am Markt erhält, erlöst bereits 1800 Euro. Voss-Fels gibt außerdem zu bedenken, die Bauern bewirtschafteten die Kulturlandschaft. „Dies ist eine gesellschaftliche Leistung, und dafür gibt es gesellschaftliches Geld“, sagt er.

          Der Bauernverband könnte sich aber eine Reform der Direktzahlungen zugunsten kleinerer Höfe vorstellen. So könnte die EU für die ersten Hektar mehr zahlen als für weitere. „Wir haben in Hessen zwar Betriebe mit 500 oder 1000 Hektar, aber eben auch solche mit nur 30 Hektar, die würden von einer solchen Reform profitieren“, sagt Voss-Fels.

          Auf anderen Feldern der Agrarpolitik redet die Europäische Union dagegen weit weniger mit als noch vor Jahren. So gehört die Milchquote seit Ende März 2015 der Wirtschaftsgeschichte an. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Milchbauern klare Mengenvorgaben zu beachten. Wollte sie mehr Milch verkaufen, als die laut Quote durften, mussten sie Anteile zukaufen. Dies sollte den Markt stabilisieren. So richtig geklappt hat das aber nicht, wie Voss-Fels in der Rückschau sagt.

          In der Vergangenheit schwankte der Milchpreis ebenso, wie es seit April 2015 der Fall ist. Zwar lieferten die Bauern nach dem Ende der Quote zunächst tendenziell zu viel an die Molkereien, doch der darauf folgende Preisverfall wirkte sich disziplinierend aus. Ein marktwirtschaftlicher Effekt. 2008 und 2009 zu Zeiten der Wirtschaftskrise gingen die Milchpreise auf Talfahrt, erlösten Bauern zum Teil nur 20 Cent je Liter – jetzt sind es um die 33 Cent.

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