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Industrie will Kosten senken : Hessische IG Metall sieht 49 Krisenbetriebe

Mobilisiert: Mitglieder der IG Metall bei einem Protest in Frankfurt Bild: dpa

Die IG Metall sieht Krisenzeichen in der Autoindustrie in Hessen: Mehr als die Hälfte der Unternehmen wollten Kosten senken. Ein Stellenabbau ist auch problematisch für die Gewerkschaft.

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          Nach Ansicht der Industriegewerkschaft Metall ist der Aufschwung in Hessen vorbei. „Es gibt so gut wie keine Neueinstellungen mehr“, sagte Jörg Köhlinger, Leiter des Gewerkschaftsbezirks Mitte. Vor allem die Autohersteller und die Zulieferer seien stark betroffen. Gründe seien zum einen die Wachstumsdelle in Folge der Handelskonflikte und des Brexit, aber auch die Umstellung auf elektrische Antriebe. Zudem verlagerten Konzerne Produktionen in Länder mit günstigeren Löhnen, etwa nach Osteuropa.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Allein in Hessen, wo laut Köhlinger mehr als 100.000 Menschen für Autohersteller und Zuliefererbetriebe arbeiten, gebe es 49 „Krisenherde“ in der Branche, die Mehrheit befinde sich in der Rhein-Main-Region. „Das reicht von der Abmeldung von Leiharbeitern bis zur möglichen Insolvenz.“ Im gesamten Bezirk, zu dem auch die Bundesländer Saarland, Rheinland-Pfalz und Thüringen gehören, seien es 141. Der Bezirk ist nach Aussage von Köhlinger stärker von der Umstrukturierung betroffen als andere Bezirke der Gewerkschaft. 61 Prozent der IG–Metallmitglieder arbeiteten im Bezirk Mitte in der Auto- und Zuliefererbranche, mehr seien es nur im Volkswagen-Bundesland Niedersachsen. In Bayern und Baden-Württemberg sei die Quote geringer, da es dort mehr Maschinenbauunternehmen gebe. Laut einer Umfrage der Gewerkschaft haben 67 Prozent der Unternehmen Sparprogramme angekündigt. Zwei Drittel davon hätten dies mit der konjunkturellen Entwicklung begründet, ein Sechstel mit der Digitalisierung oder der Umstellung auf Elektroantriebe.

          Sinkende Mitgliedszahlen

          Der Stellenabbau hat auch Auswirkungen auf die Gewerkschaft selbst. Nach mehreren Jahren des Mitgliederwachstums – in Folge steigender Beschäftigtenzahlen – hat die IG Metall im Bezirk Mitte wieder Mitglieder verloren. Ihre Zahl sank in den vier Bundesländern von 316.600 auf 314.400. In Hessen sind nun 126.700 Beschäftigte in der Industriegewerkschaft organisiert, die traditionell im Automobilbau stärker vertreten ist als etwa im Maschinenbau. Die Gewerkschaft finanziert sich fast vollständig aus den Mitgliedsbeiträgen. Sie belaufen sich auf ein Prozent des Bruttolohns.

          Zu den größten „Krisenherden“ gehörten Opel in Rüsselsheim oder auch Continental in Babenhausen. In dem Werk, in dem Armaturen hergestellt werden, sollen 2400 Stellen wegfallen. Die Produktion soll künftig in Serbien stattfinden. Köhlinger kritisierte Großunternehmen wie Continental, die in den vergangenen Jahren mit Hilfe ihrer Mitarbeiter hohe Gewinne erwirtschaftet hätten, nun aber Tausende Arbeitsplätze in Frage stellten. Für Babenhausen erwarte er von dem Konzern, dass er andere Produktionen in das südhessische Werk verlege.

          Die Umstrukturierungen werden auch Auswirkungen auf die anstehende Tarifrunde haben. Die Gewerkschaft hat der Arbeitgeberseite ein „Moratorium“ vorgeschlagen, bei dem die Unternehmen auf Personalabbau und Stellenverlagerungen verzichten. Stattdessen solle man gemeinsam über Zukunftskonzepte für die Branche sprechen. Im Gegenzug verzichte die Gewerkschaft zum einen auf eine klar bezifferte Tarifforderung, wobei die Löhne dennoch stärker als die Inflation steigen müssten. Und zum anderen auf Warnstreiks, sofern die Arbeitgeber dem Moratorium bis zum 4. Februar zustimmen. Dann tagt der Gewerkschaftsvorstand, um seine Forderungen für die Tarifgespräche festzulegen, die spätestens am 17. März beginnen werden. Der Frankfurter Bezirkschef ist der Verhandlungsführer für die vier Bundesländer des Bezirks Mitte.

          Sollten sich beide Seiten nicht auf einen neuen Tarifvertrag einigen, drohten vom 28. April an Warnstreiks. Aber auch früher könne es Proteste geben, sagte Köhlinger.

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