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Hessische Gesundheitsämter : Viel Arbeit durch die Corona-App

Virusmelder: Solange die Corona-App „Grün“ anzeigt, fühlen sich viele sicher. Bild: Lando Hass

Die Gesundheitsämter in Hessen sind überlastet. Sie hoffen nun auf eine neue Software des Bundes. Erleichterungen gibt es für Sportler, Musik- und Kunstschulen.

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          Seine Ungeduld kann er nicht mehr verbergen. René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, wartet auf die Einführung einer Software durch den Bund, die seine Mitarbeiter entlasten könnte. Durch das Programm Sormas soll es einfach werden, mit Menschen, die sich wegen einer bestätigten oder möglichen Corona-Infektion in häuslicher Absonderung befinden, in Kontakt zu bleiben. Ein paar Klicks, und schon können die Menschen sich täglich beim Gesundheitsamt melden und die Mitarbeiter über Veränderungen ihres Gesundheitszustands informieren.

          Marie Lisa Kehler
          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
          Anna-Sophia Lang
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die täglichen Kontrollanrufe, die zwar noch immer vorgeschrieben, aber kaum noch zu bewältigen seien, würden damit zu einem großen Teil entfallen, sagt Gottschalk. Zudem soll es einfacher werden, Daten zwischen den Gesundheitsämtern – und in einer Erweiterung des Programms auch zwischen Laboren und Behörden – digital auszutauschen. Das sei überfällig, meint Gottschalk. „Die Leute lachen über die Gesundheitsämter, weil wir mit Faxen arbeiten. Aber der Gesetzgeber sieht bisher keinen anderen Weg für uns vor.“

          Da derzeit viele Menschen vergeblich versuchen, getestet zu werden, weil sie Symptome haben oder Kontaktpersonen waren, wird die Kritik am öffentlichen Gesundheitswesen lauter. Die Hotline des Gesundheitsamtes ist ebenso überlastet wie die der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Bis zu 40.000 Anrufer in der Woche melden sich nach Angaben eines Sprechers der KV bei den Mitarbeitern der Hotline. Die Kapazitätsgrenzen seien erreicht – nicht nur im Innendienst, sondern auch in den Testcentern. 15 davon betreibt die KV aktuell, derzeit sei man bemüht, weitere Testcenter im besonders von Corona betroffenen Frankfurt zu eröffnen. Die Überlastung des Gesundheitssystems, sagt der KV-Sprecher, sei deutlich zu spüren. In den Praxen, den Testcentern, an der Hotline und eben auch in den Gesundheitsämtern.

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          Die Nachverfolgung aller Kontakte findet nicht mehr statt

          Die Frankfurter Gesundheitsbehörde muss mit knapp 1800 Infektionen binnen der vergangenen sieben Tage die meisten neuen Fälle im Rhein-Main-Gebiet betreuen. Bis zu zwei Tage könne es dauern, bis sich nach einem positiven Test ein Mitarbeiter des Amtes bei dem Betroffenen melde, sagt Gottschalk. „Das liegt an den hohen Fallzahlen.“ Klassisches Containment, also die Nachverfolgung aller Kontakte eines Indexfalls, finde nicht mehr statt. Stattdessen müssen die Mitarbeiter des Amtes, die durch 60 Soldaten, 15 Medizinstudenten sowie Beschäftigte anderer städtischer Abteilungen unterstützt werden, in einem Erstgespräch herauszufinden versuchen, welche Fälle Priorität haben. Gibt ein Infizierter an, ohnehin nicht viele Sozialkontakte zu pflegen, wird sein Fall später bearbeitet als der einer Person, die berichtet, sich auch um die Pflege der kranken Eltern zu kümmern.

          Eine Änderung der Gesetzeslage erleichtere den Ämtern die Arbeit, sagt Gottschalk. Demnach müssen sich Infizierte sowie deren direkte Kontaktpersonen, etwa Mitglieder des gleichen Haushalts, sofort in Quarantäne begeben, sobald sie von einem positiven Test erfahren. Auch dann, wenn sich das Gesundheitsamt noch nicht bei den Personen gemeldet hat und von ihm auch noch keine schriftliche Verfügung vorliegt.

          App für die Arbeit des Gesundheitsamts wertlos

          Diese Regelung soll helfen, das Infektionsgeschehen weiter zu verlangsamen. Dass dabei automatisch auch die Ämter entlastet würden, sei ein guter Nebeneffekt, wie Gottschalk sagt. Denn die Mitarbeiter seien ohnehin schon stark beansprucht. Immer mehr Menschen melden sich seinen Angaben zufolge bei den Gesundheitsämtern, weil ihre Corona-App einen Risikokontakt anzeigt. „Bei der App hat der Datenschutz über den Gesundheitsschutz gesiegt“, sagt Gottschalk. Für die Arbeit des Gesundheitsamtes seien die Warnhinweise der App wertlos, „weil wir einfach nicht wissen, wo der Kontakt stattgefunden hat“. Ihm sei durch seine Mitarbeiter noch kein einziger Fall gemeldet worden, der allein durch die App entdeckt worden sei.

          Gottschalk wirkt müde, während er erzählt – und auch ein bisschen wütend. Wenn die Welt zu einem frühen Zeitpunkt „mal zwölf Wochen Maske getragen hätte, dann wäre es nicht so weit gekommen“, sagt er. Die Bilder, die sich ihm in den vergangenen Wochen in der Innenstadt geboten haben, lassen ihn nicht mehr los. „Wir arbeiten hier seit Monaten durch, und diese Spinner schaffen es nicht, die einfachsten Regeln einzuhalten.“ Vielleicht, so sagt er, helfe ein Rechenbeispiel, um zu verdeutlichen, wieso es wichtig ist, Abstand zu halten und Maske zu tragen. Laut Statistik müssen von 100 Erkrankten zwei intensivmedizinisch behandelt werden. Bei 100.000 Infizierten sind es schon 2000. Zahlen, die es zu vermeiden gelte.

          Gelockert wurden unterdessen die Regeln für den Freizeitsport sowie für Musik- und Kunstschulen in Hessen. Sportminister Peter Beuth (CDU) und Kunstministerin Angela Dorn (Die Grünen) teilten mit, dass die Verordnung angepasst worden sei. Amateur- und Freizeitsportlern ist es wieder erlaubt, allein, zu zweit oder mit den Angehörigen des eigenen Hausstands auf und in allen Sportanlagen zu trainieren. Musik- und Kunstschulen dürfen ebenfalls wieder geöffnet werden. Voraussetzung ist, dass die Abstandsregeln eingehalten werden.

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