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Hessische Fanartikel : Mit Frankfurt kuscheln und Gießen trinken

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Mit Tradition: Auch der Bembel gehört zu den Fanartikeln. Bild: Lukas Kreibig

Ob Bembel-Kissen oder Gin aus Mittelhessen: Wer seine Stadt liebt, kann mit Fanartikeln Zuneigung Ausdruck verleihen. Das Angebot treibt manchmal aber auch seltsame Blüten.

          Egal ob Kaffeebecher, Kuschelbembel oder Gin: Viele Städte und Gemeinden in Hessen setzen auf Merchandising. Der Verkauf von Fanartikeln mit regionalem Bezug steigt, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Dabei ist das Geschäft über den klassischen Souvenirverkauf hinausgewachsen. Oft sind es vor allem die eigenen Bürger, die die Nachfrage nach Produkten ihrer Stadt anfachen.

          „Der Begriff Merchandising hat sich vor 20 bis 30 Jahren weg vom Handel als Hauptgeschäft hin zum Handel als Zusatzgeschäft verändert“, erklärt Andreas Mann, Professor im Fachgebiet Marketing an der Universität Kassel. So seien zum Beispiel in der Filmbranche Fanartikel zu Filmen verkauft worden, die teilweise genauso ertragreich wie die Filme selbst waren. „Heute ist Merchandising im Sport ein Riesenthema. Jeder bessere Fußballklub hat damit ein Zusatzgeschäft zu Ticket- und Sponsoreinnahmen. Die Idee des Merchandising als Nebengeschäft hat sich etabliert.“

          Nachfrage steigt

          Doch während im Sport der Fanartikel-Verkauf zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden ist, geht es den Städten und Gemeinden weniger ums Geld: Der Souvenirverkauf sei „umsatztechnisch zu vernachlässigen“, sagt Thomas Feda, Geschäftsführer der touristischen Vermarktungsgesellschaft der Stadt Frankfurt (TCF). Zahlen nennt er ebenso wenig wie andere Städte. Lediglich Darmstadt beziffert die Einnahmen durch Merchandising, es seien aber nur 13.000 Euro im vergangenen Jahr gewesen.

          Dass die Nachfrage steigt, bestätigen die meisten Städte. Die Kommunen haben darauf mit einem breiten Angebot reagiert. „Das Sortiment der TCF umfasst unterschiedlichste Artikel, vom Magneten bis zum Krönungswein der Stadt Frankfurt“, sagt Feda. Erhältlich sind unter anderem Bembel-Schlüsselanhänger, Backförmchen und Weihnachtsmarkttassen. Auch ungewöhnliche Artikel gibt es, beispielsweise einen Bembel aus Stoff für das „Nickerchen im Zug, Flieger, am Mainufer oder auch in der Mittagspause“, heißt es im Werbetext. Verkaufsschlager sind laut Feda aber Magnete mit Frankfurt-Motiven.

          Gießen-Kolter und Darmstadt-Handtuch

          Während die Nachfrage der Touristen nicht wesentlich wachse, sehe das bei den Bürgern anders aus: „Von Einwohnern von Stadt und Region werden die lokal geprägten Merchandise-Artikel zunehmend nachgefragt.“ Die gleichen Erfahrungen macht Gießen: „Die Nachfrage nimmt seit einigen Jahren vor allem bei den Gießenern kontinuierlich zu“, sagt Stadtsprecherin Claudia Boje. In Gießen gebe es mehrere Verkaufsstellen, die teilweise selbst Produkte und Produktlinien erstellten. Gewisse Produkte würden auch zugekauft, wie beispielsweise der neue Gießen Gin oder die Gießen-Kolter, eine Decke. Der Gin gehöre schon zu den Verkaufsrennern ebenso die Gießen-Postkarten, alle Baumwolltaschen, Tassen und Magnete.

          „Die Nachfrage nach exklusiven Darmstadt-Produkten beziehungsweise Produkten, die in Darmstadt oder der Region produziert werden oder einen konkreten Bezug zu Darmstadt haben, ist in den letzten Jahren gestiegen“, berichtet auch Daniel Klose von der Pressestelle der südhessischen Stadt. Dazu zählten das Darmstadt-Handtuch, die Darmstadt-Kolter oder die von lokalen Kunsthandwerkern hergestellten Hochzeitstürme aus Keramik.

          Private Konkurrenz

          In Kassel gehörte 2017 ein wertloser Geldschein zu den beliebtesten Produkten: der „Null-Euro-Souvenirgeldschein“ mit Herkulesabbildung. In diesem Jahr seien „Herkuleslocken“-Nudeln der Verkaufsschlager, sagt Birgit Kuchenreiter, Sprecherin der Kassel Marketing GmbH.

          Konkurrenz machen den Städten private Anbieter. Ihnen das Feld zu überlassen birgt laut Marketing-Professor Mann Risiken: „Die privaten Anbieter von Souvenirartikeln verkaufen vielleicht auch Produkte, die nicht zu einer klaren und angestrebten Positionierung einer Stadt oder Region beitragen.“ Das werde zu einer Schwierigkeit, wenn viele Personen der Stadt oder Region bestimmte Eigenschaften zuordneten und dadurch ein anderer Eindruck entstehe als gewollt.

          Grundsätzlich seien Merchandising-Aktivitäten sinnvoll: „Die Merchandising-Artikel können dazu beitragen, bei Touristen oder ehemaligen Einwohnern die Bindung zu einer Stadt oder die Erinnerung an eine gute Zeit in der Stadt zu schaffen und die Menschen motivieren wiederzukommen.“ Allerdings erfülle nicht jeder Fanartikel zwangsläufig diese Funktion, beispielsweise wenn er zu skurril sei: „Wenn etwas ganz lustig ist, heißt das nicht, dass es förderlich für das Image einer Stadt ist.“

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