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Ohne Netz : Wo das Internet nicht zum Telefonieren taugt

  • -Aktualisiert am

Hofft auf ein schnelles Netz: Timo Tichai, Bürgermeister von Hirzenheim Bild: Tobias Schrörs

In den hessischen Dörfern gibt es oft wenig bis kein Internet. Im ländlichen Hirzenhain werden wahrscheinlich Glasfaserkabel verlegt – aber nicht für alle Haushalte.

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          Merkenfritzer müsste man sein, denn die rund 800 Einwohner des Dorfes haben trotz ihrer abgeschiedenen Lage ein flottes Internet. Mit einer Geschwindigkeit von 100 bis 250 Megabit pro Sekunde kann man dort Inhalte aus dem Netz herunterladen, sagt Bürgermeister Timo Tichai. Zum Verständnis: Bei einer Netzgeschwindigkeit von acht Megabit wird binnen einer Sekunde ein Megabyte an Daten transportiert. Von so einem Anschluss können die 2000 Bewohner der anderen Ortsteile Hirzenhain und Glashütten nur träumen. Sie bekommen das Internet vorwiegend per Funk von einer Station auf dem Saukopf. Und die ist nun mal technisch ein Flaschenhals.

          Ausbaden müssen das zum Beispiel die Angestellten der Hirsch-Apotheke in Hirzenhain. Ihr Chef Thomas Löhner ist verzweifelt. Seitdem Telefonate per Internet abgewickelt werden, brächen Ferngespräche immer zusammen: „Das Telefon ist von einem Moment auf den anderen tot. Es ist eine Katastrophe. Ich muss dienstliche Gespräche auf mein Mobiltelefon umleiten, damit ich sie zu Ende bringen kann.“ Bei einem Leitungsvolumen von maximal zwei Megabit pro Sekunde sei es für die Belegschaft seiner Apotheke kaum noch möglich, über die Anlage zwei Gespräche gleichzeitig zu führen. Von einem erträglichen Online-Anschluss sei dabei noch nicht einmal die Rede. „Ich weiß nicht, wie bei uns das E-Rezept eingebunden werden kann“, sagt der Apotheker. Bei diesem neuen System kommen die Medikamentenverschreibungen digital ins Haus – wenn denn die Leitung steht. Während der Störungen hänge er immer wieder in der Telekom-Hotline fest, sagt Löhner.

          Er wirft einen dicken Schnellhefter mit Korrespondenz auf den Tisch. Die Telekom habe ja keinen Fallmanager – bei jeder Störung gerate man an einen anderen Hotline-Gesprächspartner. Der zur Apotheke geschickte Techniker konnte nichts ausrichten. Nun bietet man dem Apotheker sicheren Datenverkehr mittels SDSL an – eine Variante der DSL-Zugangstechnik auf den vorhandenen Kupferkabeln. Die würde ihn 100 bis 200 Euro monatlich zusätzlich kosten, sagt Löhner. „Das ist mir egal, doch das Angebot ist jetzt schon drei Wochen alt. Seitdem hat sich nichts getan.“

          Netz-Firmen kommen nicht voran

          Ähnliche Klagen flattern ihm immer mal wieder ins Haus, sagt der junge Bürgermeister Timo Tichai. Er könne leider keine Abhilfe schaffen. Tichai ist seit zwei Jahren im Amt. Schon 2012 hatte die Gemeinde der Firma OR Network aus Reiskirchen das Recht auf den Ausbau der Digitalleitungen in Hirzenhain übertragen. Gleich darauf habe die Bundesnetzagentur der Telekom verboten, Glasfasern bis zu den Kabelverzweigern in Hirzenhain und Glashütten zu verlegen. Doch jahrelang kam OR Network nicht voran. Nun hat die Gemeinde den Vertrag gekündigt. Von Juni 2020 an können sich laut Tichai andere Netz-Firmen im Ort engagieren.

          Ungeachtet dessen ist für knapp 300 Haushalte in Hirzenhain und Glashütten eine Besserung in Sicht. Man habe nun genug zahlende Kunden für die Glasfaser-Verlegung bis ins Haus beisammen, meldet OR Network. Die Kunden müssen je nach Datenvolumen bis zu 499 Euro für den direkten Glasfaseranschluss zahlen. „Wir sind jetzt in der Planungsphase“, verspricht ein Firmensprecher. „Im Januar oder Februar beginnt der Tiefbau, dann kommt der Anschluss.“ Bis alle Vertragskunden ein schnelles Netz haben, könne etwa ein Jahr vergehen.

          Eigentlich wollte OR Network die Kabelverlegung schon 2019 beginnen, sagte der Firmengründer Oliver Reitz noch im vorigen Frühjahr. Doch es gab Verzögerungen. Inzwischen gehört sein Unternehmen dem Netzbetreiber GoeTel aus Göttingen. Der will auch im benachbarten Vogelsbergkreis diverse Dörfer mit Glasfasern ans Netz binden. Ungeduldig wartet man zum Beispiel in Schotten auf die Ankunft der ersten Bautrupps. „Passiert ist aber noch gar nichts“, sagt Bürgermeisterin Susanne Schaab.

          Weitere Internet-Baustellen stehen für diverse Stellen in der Wetterau in Aussicht. Der Kreis will seine Schulen und Krankenhäuser vernetzen und die Kosten aus einem Förderprogramm zu 90 Prozent vom Bund und vom Land bezahlen lassen. Den Gemeinden bietet der Kreis auch den Anschluss unterversorgter Straßenzüge an. In den Hirzenhainer Gewerbe- und Wohngebieten könnten 85 Adressen so Glasfasern bekommen, hieß es bei der jüngsten Gemeindevertretersitzung. Allerdings müsste die kleine Kommune mit dem zehnprozentigen Eigenanteil die stolze Summe von 255.000 Euro aufbringen. Die Gemeindevertreter haben das Thema vorerst vertagt.

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