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Hessentagsstädte : Aufschwung für Infrastruktur und Wirtschaft

Anziehungspunkt: Die Hessentagsstraße des Landesfestes 2009 in Langenselbold. Bild: Sick, Cornelia

Ehemalige Hessentagsstädte werten das Landesfest als Erfolg. Aber aus finanziellen Gründen hätten viele von ihnen Bedenken gegen eine abermalige Bewerbung.

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          Auf den Hessentag ist Stadtallendorfs Bürgermeister Manfred Vollmer (CDU) durchweg gut zu sprechen. Das Landesfest, das die mittelhessische Stadt im vergangenen Jahre ausrichtete, habe für die Kommune einen Schub bewirkt, wie dies kaum ein anderes Ereignis ermöglicht hätte. Dass die Ausrichtung des Landesfests die Stadt eine Menge Geld kostete, wird nach seinen Erkenntnissen durch den Ausbau von Infrastruktur und die positiven Auswirkungen auf das Image mehr als wettgemacht. Dabei sei die Skepsis vorher groß gewesen, erinnert sich Vollmer. Denn als Veranstalter des 50.Hessentags war ursprünglich Alsfeld vorgesehen, die Stadt, wo einst das erste Landesfest stattfand. Doch Alsfeld zog sich aus finanziellen Gründen zurück. Was jetzt das nordhessische Vellmar ebenfalls getan hat. Auch in Stadtallendorf, gibt Vollmer zu, gab es Bedenken, zumal die Stadt im Kreis Marburg-Biedenkopf nur die Hälfte der Vorbereitungszeit hatte, als sie für Alsfeld einsprang.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Rund 15 Millionen Euro investierte die rund 22.000 Einwohner zählende Kommune in knapp zwei Jahren. So viel Geld hätte die Stadt, wie der Rathauschef sagt, ohne Zuwendungen für den Hessentag nicht aufbringen können. So wurden beispielsweise das Straßennetz ausgebaut und ein neues Freizeitgelände angelegt. Vom modernisierten und erweiterten Bahnhof profitiert die Stadt mit rund 10000 Ein- und Auspendlern besonders. Mit rund dreieinhalb Millionen Euro befindet sich das Defizit für die Großveranstaltung in etwa im Durchschnitt der Hessentagsstädte der vergangenen zehn Jahre. Zwar schreibt mittlerweile auch Stadtallendorf, mit rund 13000 Arbeitsplätzen wirtschaftliches Zentrum im nördlichen Mittelhessen, rote Zahlen. Dem Fehlbetrag aus dem Hessentag stehe aber ein ungleich höherer Gewinn gegenüber, der sich nicht beziffern lasse, gibt Vollmer zu bedenken und meint damit vor allem den Beitrag zur Integration. In Stadtallendorf leben Menschen aus 70 Nationen, bei einem Ausländeranteil von mehr als 20 Prozent. Der Hessentag und dessen Vorbereitungen mit mehr als 2000 ehrenamtlichen Helfern hätten das Zusammenwachsen gefördert, hat der Bürgermeister festgestellt, was sich unter anderem in einer Reihe von gemeinsamen Veranstaltungen und Initiativen deutscher und ausländischer Mitbürger manifestiere, die aus dem Hessentag hervorgegangen sei. All das veranlasst den Bürgermeister zu der Aussage, er würde auch in finanziell schlechteren Zeiten eine Hessentagsbewerbung für Stadtallendorf abgeben - und er ist überzeugt, Bürger und Politik würden das mittragen.

          Um zwei Jahrzehnte vorangebracht hat der Hessentag das mittelhessische Weilburg

          Auch Langenselbold, im Jahr vor Stadtallendorf Hessentagsstadt, würde sich abermals um das Landesfest bewerben, glaubt Bürgermeister Jörg Muth (CDU). Er schränkt allerdings ein, dass die rund 13500 Einwohner zählende Stadt im Main-Kinzig-Kreis sich in Anbetracht zunehmender finanzieller Engpässe und eines auf rund 20 Millionen Euro gewachsenen Schuldenbergs ein Hessentags-Defizit von 3,6 Millionen Euro heute nicht mehr leisten könne. In Frage käme also nur ein Landesfest mit weniger Veranstaltungen und geringeren Ausgaben. Ungefähr 28Millionen Euro hat die Stadt im Zusammenhang mit dem Hessentag investiert, so viel Geld bewegt, wie sonst allenfalls in 25 Jahren, wie Muth sagt. Das habe Langenselbold wesentlich vorangebracht. So präsentiere sich die Innenstadt heute attraktiver, wovon Handel und Bürger profitierten. Mit dem Bau von neuen Freizeiteinrichtungen, der Ausweisung von Naherholungsgebieten und Flächenmanagement, das auch die Ausweisung neuer Baugebiet ermöglichte, hat Langenselbold anlässlich des Landesfests viel für die Aufwertung der Infrastruktur getan. Dennoch, die elf Millionen Euro, welche die Stadt dazu selbst beisteuern musste, haben der Kommune nach den Worten des Rathauschefs einen „finanziellen Kraftakt“ abverlangt, wie er heute vermutlich nicht mehr zu bewältigen wäre.

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