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Hessentag in Wetzlar : Brücke gebaut und Brote gebacken

  • -Aktualisiert am

Auch so sieht der Hessentag aus: Vereidigung der Polizeikommissaranwärter. Bild: dpa

Schön ist es hier: In der Stadt des Hessenstags strengen sich alle an für einen Eindruck. Es funktioniert.

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          Der Ort gibt an diesen Tagen wirklich alles. An beiden Uferseiten der Lahn reihen sich Fahrgeschäfte, Ausstellungen, Konzert- und Theaterbühnen, regionales Kunsthandwerk, Natur-Erlebnis-Pfade und jede Menge Imbissstände. Schülermusicals, Jazzgruppen und sogar Folkbands aus Kanada haben ihren Weg in die verwinkelten Gassen der Wetzlarer Altstadt gefunden, um sich auf dem Hessentag vorzustellen. Fassaden wurden renoviert, der Bahnhof wurde umgebaut und Brücken wurden gespannt, die Fußgänger an mehreren Stellen über die Lahn führen. Bis zu eine Million Besucher werden bis zum 10. Juni erwartet. Tagelang richtet sich das Augenmerk des Landes auf den Ort, der sonst eher selten zur Sprache kommt.

          Für die meisten Besucher ist Wetzlar die Stadt, in der Goethe „Die Leiden des jungen Werther“ schrieb, und der Geburtsort der Leica-Kamera. In diesen Tagen aber darf Wetzlar über sich hinaus wachsen: Auf sechs Arealen zeigt die Stadt mit ihren 51.000 Einwohnern, was sie und die Region sonst noch zu bieten haben.

          Die Polizei warnt

          Auf dem Weg vom Bahnhof in die Innenstadt laufen Besucher auf der „Straße der Bildung, Wissenschaft und Technik“. Dort präsentieren sich lokale Technologieunternehmen und Bildungseinrichtungen, die mit ihren Infoständen und Aktionszelten Wetzlar als Industrie- und Ausbildungsstandort bekannt machen wolllen. Dabei geht es vor allem ums Mitmachen: am Stand der Firma Bosch bohren sich meist junge Männer unter weißem Funkenregen einen eigenen Flaschenöffner. Im Zelt des Mathematikums der Universität Gießen gibt es „Mathematik zum Anfassen“: ganze Familien grübeln darüber, wie man mit einfachen Holzplatten Leonardo DaVincis Brücke nachbauen könnte. Wem das zu technisch ist, der begibt sich auf die kleinen Pfade zur Lahn, taucht seine Füße in die Mais-, Kiesel- oder Lavastein-Becken des Natur-Erlebnispfads, den Lahn-Tourismus dort aufgebaut hat.

          Weiter flussabwärts warnt die mittelhessische Polizei mit Geschicklichkeits- und Reaktionstests vor Alkohol am Steuer und wirbt mit nagelneuen Motorrädern für ihren Berufsweg. Über eine schwimmende Brücke, die eigens für den Hessentag errichtet wurde, verlässt man die stark bevölkerte Innenstadt und betritt mit den ruhigeren Lahninseln die hübsche Wetzlarer Altstadt. Hier schlendern Besucher neben Entenfamilien an den grünen Ufern, vorbei an Ständen mit Kunsthandwerk, Bier- und Weingärten, oder sitzen im strahlenden Sonnenschein mit Blick auf den malerischen Fluss. „Schön ist es hier“, spricht es ganz eindeutig aus den zufriedenen Mienen der Besucher. Gestört wird man auf dieser Seite des Flusses höchstens von dem einen oder anderen Schlagersänger, der, ganz im Stil eines Hotel-Animateurs entnervend gut gelaunt, auf der Weindorf-Bühne ins Mikrofon singt. In den verwinkelten Gassen, auf Kopfsteinpflaster, vor Burgmauern und Fachwerkhäusern trifft man sie, die Wetzlarer, die stolz sind auf ihre Stadt und dies in kleinen Cafés, Fotoausstellungen und einem breit gefächerten Angebot an regionalen Spezialitäten präsentieren. Sie stehen vor ihren Geschäften und Ständen und freuen sich, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen, ihnen ihre Stadt oder einfach den Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit zu zeigen.

          Nach drei Tagen hat man längst nicht alles gesehen

          Zum Beispiel den Wetzlarer Dom, den man nur über steile Treppen und holprige Wege findet. Das anmutige Bauwerk trotzt den dröhnenden Schlager- und Rockkonzerten auf dem Domplatz. Erhaben ragt er über der Stadt und ist für viele Besucher ein entspannender Ruhepol im emsigen Treiben. Auf der anderen Lahnseite geht es noch viel trubeliger zu. Der Vergnügungspark auf der Bachweide ist wie jedes andere Volksfest: laut, voller Fahrgeschäfte mit dudelnder Musik, Dönerbuden, Bratwurstständen und Cocktailbuden. Dahinter aber, einen ordentlichen Fußmarsch von der Innenstadt entfernt, entfaltet sich auf einem weitläufigen Gelände die Landesausstellung und, ein besonderes Erlebnis, das Gelände von „Natur auf der Spur“ auf dem Bodenfeld. Letzteres fasziniert mit lebenden Fischen in übergroßen Aquarien und einem Wald-Zelt voller Vögel und Insekten, vor allem kleine Kinder. Natur zum Anfassen und Ausprobieren wird hier geboten, sei es beim Zimmermann, der mit historischem Handwerk an einer Schale schnitzt, oder beim Zuordnen des Gezwitschers zum jeweiligen Federtier in einem Zelt, das einem deutschen Urwald gleicht.

          Nach drei Tagen Fußmarsch, Gucken, Anfassen und Erleben, hat man längst nicht alles gesehen, gehört und ausprobiert, was Wetzlar an diesem Hessentag zu bieten hat. Eins haben seine Bewohner aber jetzt schon erreicht: man möchte wiederkommen, in dieses schöne Städtchen mit seinen herzlichen Bewohnern.

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