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Hessens Wirtschaft : 2020 soll es schon wieder besser werden

Aufbauarbeit: Die Bautätigkeit in Frankfurt und anderorts in Hessen stützt die Konjunktur hierzulande auch weiterhin. Bild: Helmut Fricke

In diesem Jahr wird das Wirtschaftswachstum Hessens ungewöhnlich gering ausfallen. Doch für 2020 hat Gertrud Traud, die Chefvolkswirtin der Helaba, schon wieder bessere Nachrichten.

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          Die Menschen in Hessen haben sich an recht ordentliche Wachstumsraten gewöhnt. 2,7 Prozent im Jahr 2016, zumindest 1,5 im Jahr darauf, dann wieder 2,2 Prozent im vergangenen Jahr – der Aufschwung schien kein Ende zu nehmen. Doch die schlechten Nachrichten aus den Unternehmen häufen sich, zuletzt bestätigte das Statistische Landesamt die erwartete Eintrübung: Im ersten Halbjahr ist das Bruttoinlandsprodukt gerade noch um 0,7 Prozent gewachsen.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Gertrud Traud, die als Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen seit Jahren die hessische Wirtschaft beobachtet, erwartet nicht mehr, dass die Daten im zweiten Halbjahr weitaus besser werden. Das preisbereinigte Wachstum werde auf das Jahr gesehen vermutlich 0,8 Prozent betragen, sagt sie. Nur ein schwacher Trost ist es, dass der Wert damit nach ihrer Vorhersage 0,2 Prozentpunkt besser ausfallen wird als für Deutschland insgesamt. Stellt man die Wachstumsraten nebeneinander, so zeigt sich: Hessen liegt seit Jahren einmal vor, einmal hinter dem Bund.

          Deutschland der „Underperformer“

          Traud blickt aber auch auf die anderen Länder Europas: Die ganz neue Erfahrung sei, dass Deutschland der „Underperformer“ sei, sagt sie. Nachdem es zehn Jahre lang in der Bundesrepublik richtig gut gelaufen sei, habe sich im Land Selbstgefälligkeit breitgemacht. Die Lohnstückkosten seien stärker gestiegen als die Produktivität, was die Wettbewerbsfähigkeit gefährde. Doch sei das kein Thema der Politik. „In der Summe werden wir plötzlich zu einem Land, in dem die Rahmenbedingungen viel schlechter sind als in anderen Ländern der Eurozone.“ Offensichtlich interessiere sich aber niemand dafür. Zum Beispiel machten die Finanztransaktionssteuer und die von vielen geforderte Wiedereinführung der Vermögensteuer den Finanzplatz nicht attraktiver. „Das glänzt alles nicht mehr“, lautet die Zusammenfassung der Chefvolkswirtin.

          Es ist wie in ganz Deutschland die schwierige Lage der Industrie, die das Wachstum begrenzt. Dabei kann Hessen noch froh sein, dass seine Industrie weniger stark auf der Automobilbranche mit ihren noch mal eigenen Schwierigkeiten basiert. „Da kommt alles zusammen“, sagen Traud und ihre Mitarbeiterin Barbara Bahadori. Handelsschranken, eigene Fehler und der gesellschaftliche Wandel trügen gemeinsam dazu bei, dass es der Branche nicht mehr gutgehe,

          Starke Chemie- und Pharmaindustrie

          Bei der Veröffentlichung des Wirtschaftswachstums im ersten Halbjahr zeigte sich die seltene Konstellation, dass Hessen einmal vor Baden-Württemberg lag: Dort musste man von Januar bis Juli schlichtweg ein Nullwachstum registrieren. Kein Wunder, sagt Traud, das Bundesland im Süden sei eben viel stärker von der Automobilindustrie geprägt. In Rhein-Main und Hessen haben die Chemie- und Pharmaindustrie eine größere Bedeutung. Die Chemiebetriebe leiden bisher recht wenig, die Arzneimittelfirmen gar nicht unter den wachsenden Schwierigkeiten der Weltwirtschaft. Während die Auftragseingänge der hessischen Industrie von Januar bis Juli insgesamt um 4,7 Prozent sanken, schrumpften sie in der Chemie nur um 0,9 Prozent, bei den Pharmafirmen wuchsen sie sogar um 2,9 Prozent. Es seien halt Branchen, die der amerikanische Präsident gegenwärtig nicht im Blick habe, überlegt Traud.

          Generell gelte aber für die Lage der Industrie in Hessen wie in ganz Deutschland: Sollte sich die Politik allein auf die Frage ausrichten, wie die CO2-Belastung reduziert werden könne, so werde das eine so stark vom verarbeitenden Gewerbe abhängige Volkswirtschaft ohne Zweifel treffen.

          Als Stütze der Wirtschaft erweist sich Traud zufolge der Bau, eine Rolle, die dieser Branche sonst kaum je zukomme. Niedrigzinsen und Landflucht halten das Baugewerbe auf Trab. „Der Bauboom stabilisiert die Wirtschaft Hessens, er ist der Stabilisierer an sich.“ Das gelte aber nur, solange es hier nicht „Berliner Verhältnisse“ gebe. In der Bundeshauptstadt wird über Enteignungen und zunehmende Vorgaben für Hausbesitzer diskutiert. Auch die Konsumlust der Verbraucher und der Dienstleistungssektor kriseln nicht.

          Gute Aussichten für das nächste Jahr

          Für das nächste Jahr sind die Aussichten nach Meinung von Traud schon wieder besser. Sie erwartet ein Wachstum von 1,6 Prozent, in Hessen wie im Bund. Voraussetzung sei allerdings, dass es nicht zu weiteren Schocks komme etwa durch den Brexit oder infolge von neuen Handelsbarrieren. Vieles hänge davon ab, ob der amerikanische Präsident und der britische Premierminister wohlwollend mit der Weltwirtschaft umgingen.

          Zunehmend schwerer ist es laut Traud zu sagen, wie sich die Beschäftigung entwickeln wird. Nach zehn Jahren Aufschwung sei nicht mehr klar, welche Schwelle das Wachstum überschreiten müsse, damit neue Arbeitsplätze geschaffen würden – lange hieß es, das sei von einem Prozent an der Fall. Sicher sei lediglich, dass die Unternehmen in Schwächephasen angesichts des Fachkräftemangels ihr Personal so lange halten würden wie möglich.

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