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Rückzug aus der Politik : Hessens SPD-Chef Schäfer-Gümbel wechselt in die Entwicklungshilfe

  • -Aktualisiert am

Zieht sich aus der Politik zurück: Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel Bild: Frank Röth

Wenige Monate nach der Wahlniederlage der Hessen-SPD kündigt Thorsten Schäfer-Gümbel den Rückzug von seinen Spitzenämtern an – und den Abschied aus der Politik. Der Sozialdemokrat hat schon einen neuen Job.

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          Lange hatte sich Thorsten Schäfer-Gümbel mit diesem Schritt Zeit gelassen. Selbst in seiner SPD, in der die Dankbarkeit darüber, dass er diesen einst am Boden liegenden und so zerstrittenen Landesverband aufgerichtet und geeint hatte, selbst dort waren immerhin vorsichtige Stimmen vernehmbar geworden, dass es nun aber mal gut sei. Dass der hessische SPD-Fraktions- und -Landesvorsitzende nach dem dritten gescheiterten Anlauf doch mal den Weg für einen Neuanfang frei machen müsse.

          Julian Staib
          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Offen kritisiert wurde er selbst nach den desaströsen 19,8 Prozent bei der jüngsten Landtagswahl, dem mit Abstand schlechtesten Ergebnis seines Landesverbands, nicht. Man gewährte ihm einen würdevollen Rückzug.

          „Alles hat seine Zeit“, begann Schäfer-Gümbel seine Erklärung am Dienstag im Landtag in Wiesbaden, mit der er seinen Abschied aus der Politik bekanntgab. Im Herbst wird er sein Landtagsmandat und damit auch den Vorsitz der Fraktion aufgeben. Beim Landesparteitag im November wird er nicht mehr als Vorsitzender der hessischen SPD kandidieren. Ebenfalls nicht mehr beim SPD-Bundesparteitag im Dezember als stellvertretender Bundesvorsitzender.

          Schäfer-Gümbel wechselt zur GIZ

          Stattdessen wechselt er in die Entwicklungszusammenarbeit, zur Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Eschborn. Dort wird er ab dem 1. Oktober den vakanten Posten des Arbeitsdirektors im Vorstand übernehmen.

          Bereits vor rund einem Jahr habe er beschlossen, bei einem abermaligen Scheitern nicht wieder als Spitzenkandidat anzutreten. Unmittelbar nach der Wahl habe er darüber Andrea Nahles informiert. Direkt nach der Abstimmung habe er nur wegen der knappen Mehrheitsverhältnisse auf eine öffentliche Erklärung verzichtet, sagte Schäfer-Gümbel am Dienstag. Er werde in diesem Jahr 50 Jahre alt, so Schäfer-Gümbel, und müsse entscheiden, wo er künftig seine Kraft und Energie einbringe. Die neue Aufgabe bezeichnete er als eine „Rückkehr“: Im Studium der Agrarwissenschaft habe er einst das Ziel gehabt, in die Entwicklungshilfe zu gehen. Insofern „schließt sich hier der Kreis“.

          Bei der Pressekonferenz suchte Schäfer-Gümbel bereits eine Art Vermächtnis zu zeichnen: 2008 habe er die Führung seiner Partei in „schwierigster Zeit“ übernommen. Damals hatte die Parteivorsitzende Andrea Ypsilanti eine rot-grüne Minderheitsregierung unter Tolerierung der Linkspartei angestrebt – und im Landtag nicht die erforderliche Mehrheit erhalten. Ypsilanti verschwand danach in der politischen Versenkung, Schäfer-Gümbel stieg auf.

          Er richtete die zerstrittene Partei wieder auf

          Bei der Landtagswahl 2009 erlitt er die erwartete brutale Niederlage, danach aber richtete er die zerstrittene Partei wieder auf und holte 2013 mehr als 30 Prozent. Der Neuanfang sei „anerkanntermaßen erfolgreich“ gewesen, das habe das Wahlergebnis „eindrucksvoll bestätigt“, so Schäfer-Gümbel.

          In die Landtagswahl im Herbst 2018 zog er dann den miserablen Umfragewerten zum Trotz wieder mit dem Anspruch, Volker Bouffier (CDU) abzulösen. Das Wahlergebnis lag dann noch unter jenem von 2009. Immerhin aber über dem Bundestrend seiner Partei. Natürlich seien „Fehler“ gemacht worden, so Schäfer-Gümbel nun. Doch dem „Sturm aus Berlin“ sei nicht beizukommen gewesen.

          Trotz der dritten Niederlage beim dritten Anlauf („ernsthafte“ Versuche seien es zwei gewesen, so Schäfer-Gümbel) machte er dann erst einmal weiter wie zuvor: Nach der Regierungserklärung Bouffiers Anfang Februar im neugewählten Landtag warf er diesem vor, mit seinen 20 Jahren Regierungsverantwortung keinen glaubwürdigen Aufbruch zu verkörpern. Wenn man einen solchen angehen wolle, rief er im Plenum, brauche man ein Ziel – und vor allen Dingen Mut. Dass das ihm, der seine Partei mehr als zehn Jahre anführte, auf die Füße fallen könnte, war ihm nicht bewusst – oder es war ihm egal. Dieser selbst leicht verletzbare Mann teilte scharf aus wie eh und je.

          Wer folgt ihm nach?

          Schäfer-Gümbel, 1969 geboren, wuchs in Gießen in sogenannten einfachen Verhältnissen auf: Die Mutter Putzfrau, der Vater Lkw-Fahrer, Schäfer-Gümbel teilte sich mit zweien seiner drei Geschwister ein winziges Zimmer. Man nahm ihm also ab, wenn er zu seinem Herzensthema sprach, dem Wohnungsbau. Im Wahlkampf nah dran an den Leuten zu sein war nicht unbedingt seine Sache. Zuhören aber konnte er, sachkundig argumentieren auch.

          In der hessischen SPD, in der sein Rückzug erwartet worden war, mischte sich am Dienstag Anerkennung mit Respekt und Betroffenheit, teilweise aber auch Erleichterung. Der Rückzug auf Raten über mehr als ein halbes Jahr gestreckt bereitet hingegen Sorge: Personaldebatten könnten nicht nur den anstehenden Europawahlkampf überlagern.

          Wer Schäfer-Gümbel nun im Landtag und an der hessischen Parteispitze nachfolgen könnte, ist offen. Gehandelt wird die innenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Nancy Faeser. Genannt wird auch der Staatsminister im Auswärtigen Amt Michael Roth. Faeser gilt als klare Favoritin, sie arbeitete gut mit Schäfer-Gümbel zusammen, und der Partei ist in ihrer derzeitigen Verfassung kaum nach einem radikalen Neuanfang zumute. Wo Schäfer-Gümbel zuweilen arg direkt austeilte, focht Faeser sachlicher, aber nicht weniger angriffslustig.

          Der schwarz-grünen Landesregierung und insbesondere Bouffier hatte Schäfer-Gümbel stets Behäbigkeit und mangelnden Reformwillen vorgeworfen – insbesondere, was die in Hessen drängenden Probleme auf dem Wohnungsmarkt, bei der Bildung und der Infrastruktur anging. Nicht immer hatte er damit unrecht. Den Beweis aber, dass er es besser gekonnt hätte, den musste, den konnte er als ewiger Herausforderer nie erbringen.

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