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Hessens Landwirte : Brüssels Nothilfen nutzen Bauern nicht viel

Der Milchpreis ist gesunken: Das freut zwar viele Verbraucher - für Milchbauern bedeutet der niedrige Preis ein tiefes Loch in der Kasse. Bild: Frank Röth

Milch und Weizen sind so billig wie seit Jahren nicht. So manchem Hof fehlt ein sechsstelliger Betrag in der Kasse. Angesichts der Hilfen der EU runzeln Landwirte nur die Stirn.

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          Früher führte der erste Weg einen Landwirt in den Stall - mittlerweile schauen viele hessische Bauern zunächst auf ihr Smartphone. Sie wollen wissen: Wie hoch ist an den Rohstoffbörsen in den Vereinigten Staaten der Preis für Weizen, Gerste, Schweinefleisch, Mais und Soja? Denn die Rohstoffbörsen bestimmen auch in Hessen die Preise mit, und was sie den Landwirten seit Monaten signalisieren, bereitet heimischen Erzeugern keine Freude. So kostet Mais in der Handelswährung Dollar 30 Prozent weniger als vor einem Jahr, für mageres Schweinefleisch gilt das Gleiche. Für Weizen bekommt der Getreidebauer sogar 35 Prozent weniger. Das wiederum trifft eine Vielzahl heimischer Bauern.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schließlich wächst Weizen auf mehr als der Hälfte aller Äcker zwischen Kassel und Odenwald. Dieses Getreide ist besonders stark in der Wetterau und in Südhessen vertreten. Nicht zuletzt zahlen Handel und in der Folge auch Molkereien je Liter Milch etwa zehn Cent weniger als vor Jahresfrist; der Grund ist ein Überangebot nach dem Fall der Milchquote im Frühjahr, zudem bremsen der russische Boykott von EU-Agrargütern und ein gedämpfter Konsum in China die Nachfrage. Das niedrigere Preisniveau wiederum freut zwar viele Verbraucher - für Milchbauern bedeutet dieser Abschwung aber ein tiefes Loch in der Kasse.

          Tiefpreise und Ernteausfälle

          Die Rechnung geht so: Nach einer Schätzung des Deutschen Bauernverbands summiert sich der Einnahmeausfall infolge niedrigerer Preise für Milch, Schweinefleisch, Getreide, Obst und Gemüse seit Jahresbeginn auf drei Milliarden Euro im Vergleich zu 2014. „Dieser Erlöseinbruch entspricht rund einem Drittel der Nettowertschöpfung der gesamten Landwirtschaft“, erläutert Hans Hermann Harpain, der stellvertretende Generalsekretär des hessischen Bauernverbands. Auf Hessen mit seinen 17.000 Höfen bezogen, geht er von einem Minus von 120 Millionen Euro aus.

          So hat ein Landwirt aus dem Großraum Frankfurt, dessen Kühe bis zu fünf Millionen Liter Milch im Jahr geben, 400.000 Euro weniger als vor Jahresfrist. Außerdem fehlt dem Bauern, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, Geld durch die Talfahrt des Weizenpreises und einen Ernteausfall von 30 Prozent bei Mais und bei Grassilage. Deshalb muss er Futter zukaufen. Zu geringeren Einnahmen in sechsstelliger Höhe gesellen sich höhere Kosten. Kommt das Futter aus dem Ausland, wirkt sich der zum Dollar niedrige Euro nachteilig zusätzlich aus. „Es gibt überall echte Liquiditätsengpässe“, sagt Hessens Bauernpräsident Friedhelm Schneider. So verweist er auf die Lage der Schweinehalter. Der Markt zahle weniger als 1,50 Euro für das Kilogramm - „die Bauern brauchen aber 1,60 Euro. Wer ein Ferkel für 40 Euro verkaufen muss, der legt 20 bis 30 Euro drauf“, gibt Schneider zu bedenken und hebt hervor: „Es ist ein ganz schwaches Jahr.“

          Eine wirtschaftlich magere Zeit

          Zu denen, die mit tiefen Schweinefleischpreisen als Erzeuger wirtschaften müssen, gehört Peter Seeger. Der Bauer aus Otzberg hält Zuchtsauen, zieht Ferkel auf und mästet Schweine. 10 000 Tiere durchlaufen im Jahr seine Betriebe. Auf die Frage, wie es wirtschaftlich aussieht, antwortet er: „Schwierig momentan.“ Zwar sei er an den sogenannten Schweinezyklus („mal geht’s rauf, mal runter“) gewöhnt. Und wenn er unter die vergangenen drei Jahre einen Strich ziehe, dann stehe dort ein durchschnittlicher Preis. Doch steckt der Teufel im Detail: 2013 lief gut, wie Seeger berichtet, und er hatte ein Plus von 200.000 Euro in der Kasse. Nach einem ausgeglichenen Jahr 2014 läuft dieses Jahr auf ein Minus von ebenfalls 200.000 Euro hinaus: „Seit Januar ist es so richtig schlecht.“ Der Gewinn von ehedem ist aufgefressen. Doch dabei bleibt es womöglich nicht.

          Magerkost: Mit Ferkeln und Schweinefleisch verdienen Bauern derzeit nichts - sie legen drauf.

          Seeger muss, wie andere Bauern auch, stets Vorauszahlungen an das Finanzamt leisten. Und er muss hin und wieder auch nachzahlen - wenn nämlich ein Jahr besonders gut war. Hat er nun Pech, hält das Finanzamt mit Verweis auf seine Bilanz 2013 im Nachhinein die Hand auf. Und das träfe ihn in einer wirtschaftlich ziemlich mageren Zeit. Seeger hat vorgebaut: Als er die Preise auf Talfahrt gehen sah, hielt er umgehend geplante Investitionen zurück. So wollte er Energiesparlampen („Die gehen gerne mal kaputt“) im Stall durch LED-Leuchten ersetzen. 30.000 Euro hätte das gekostet, wie er sagt. Auch wenn der Staat fast ein Drittel davon übernommen hätte, hat er von dem Vorhaben Abstand genommen. Denn: „Die 20.000 Euro, die wir selbst hätten tragen müssen, gingen einfach nicht.“

          Bauern haben in Brüssel demonstriert

          Zumal er nicht nur Schweinebauer ist. Seeger und seine Frau Kathrin bauen auch auf 80 Hektar Mais und auf 150 Hektar Weizen an. Im Vergleich zum Vorjahr hat der Mais etwa 40 000 Euro weniger eingespielt und der Weizen 50.000 Euro, wie er bestätigt. In der Folge geht die bewährte Mischkalkulation nicht auf. „Dass Getreidebauern und Milchbauern gleichzeitig ein solches Tief erleben, gab es zumindest noch nicht so häufig.“

          Angesichts dessen haben Bauern aus ganz Europa am Sitz der Europäischen Kommission in Brüssel demonstriert. Die EU hat im Gegenzug Nothilfen zugesagt. Nach Deutschland sollen 70 Millionen Euro fließen. Wie viel davon an Hessen geht, ist nach den Worten von Hans Hermann Harpain vom Bauernverband nicht ganz klar. Doch viel wird nicht sein. Denn nur rund 140.000 der 4,31 Millionen Milchkühe in ganz Deutschland stehen in hessischen Ställen und 786.000 der gut 28 Millionen Schweine. So rechnet Harpain nur mit zwei bis 2,4 Millionen Euro. „Das Gesamtvolumen ist auf jeden Fall viel zu gering“, meint dazu ein Sprecher des Bauernverbands.

          Verbandspräsident Schneider fasst die Lage so zusammen: „Die Stimmung ist schlecht, aber nicht so schlecht wie die finanzielle Situation.“ Als Unternehmer müssten Bauern aber prinzipiell zuversichtlich sein. Und so glaubt er auch, neue Absatzziele zu sehen: die Flüchtlinge. „Sie müssen schließlich auch essen und trinken.“

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