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Investoren verwirrt : Rätselhafte Energiepolitik

An Stromverbrauchern ist kein Mangel: der Industriepark Kalle-Albert in Wiesbaden, hier das Kraftwerk Bild: Steffen Höft

Wie viel Geld muss ein Betrieb für Strom zahlen? Auf diese Frage brauchen Betriebe auf Standortsuche eine Antwort. In Wiesbaden ist sie kaum zu finden.

          3 Min.

          Kommt ein Amerikaner zum Chef des Industrieparks Kalle-Albert und fragt: „Wie viel muss ich hier für Strom zahlen?“ Hat Peter Bartholomäus Pech, ist das Gespräch rasch zu Ende. Das ist kein Witz, sondern Alltagserfahrung. Bartholomäus hat als Vorsitzender der Geschäftsführung des Industrieparkbetreibers Infraserv Wiesbaden schon manche Anfrage erlebt, die sich beim zweiten Anruf erledigte - und in deren Folge er kein neues Unternehmen am Standort begrüßen konnte, wie er berichtet. Denn die Frage nach den Strompreisen vermag er nur vage zu beantworten: „Kommt darauf an.“ Das wiederum hängt mit der kaum berechenbaren Energiepolitik in Deutschland zusammen. Sie bereitet dem Industrieparkchef immer wieder Kopfzerbrechen, muss er doch eine Reihe Vorgaben beachten.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zum einen ist da die EEG-Umlage. Mit ihr bezahlen Stromkunden den Ausbau der Produktion aus erneuerbaren Energien wie Wind, Sonne und Biomasse. 6,354 Cent je Kilowattstunde macht dies seit Jahresbeginn aus, nach 6,17 Cent Ende Dezember. Die Umlage fällt deshalb an, weil die Anbieter von Strom aus Biogas-, Solar- und Windkraftanlagen vom Staat mit mehr Fördergeld bezuschusst werden, als Energie an der Strombörse in Leipzig kostet. Die dadurch entstehende Lücke finanzieren die Stromkunden, darunter auch Tausende kleine, mittelständische und große Unternehmen in Hessen und anderswo in Deutschland.

          EEG-Umlage und Netzentgelte

          Nur drei der 75 Betriebe im Industriepark Kalle-Albert sind von der EEG-Umlage weitgehend befreit: Agfa, Mitsubishi und SE Tylose. Sie müssen die Umlage nur für die erste Million Kilowattstunden entrichten. Bei diesem Trio machen die Stromkosten mehr als 16 Prozent der Bruttowertschöpfung aus, die sich aus dem Umsatz abzüglich der Vorkosten errechnet. Bleibt ein Betrieb unter dieser Marke, wird er hingegen nicht entlastet. „Wenn ich nun einen Unternehmer aus Amerika oder Japan frage, ob sein Betrieb künftig über 17 Prozent kommen wird, dann antwortet er mir: ,Woher soll ich das wissen?‘“, beschreibt Bartholomäus das Dilemma.

          Doch das ist längst nicht das einzige Problem, das ihm hier das Leben schwermacht. Denn außer der EEG-Umlage muss ein Unternehmen auch die Netzentgelte beachten. Mit ihnen wird der Ausbau der Stromleitungen gefördert. „Und sie steigen permanent“, sagt Bartholomäus. Derzeit seien für Industriekunden zwischen 0,5 Cent und 2,5 Cent je Kilowattstunde fällig. Doch manche Unternehmen werden von den Netzentgelten entlastet. Das trifft laut Bartholomäus auf all jene zu, die das ganze Jahr über viel Strom abziehen und deshalb der Stabilität der Stromnetze dienen. Mindestens 7000 der 8760 Stunden, die ein Jahr hat, müssen dafür die Anlagen eines Betriebs laufen.

          „Höllisch aufpassen, was der Gesetzgeber vorhat“

          Infraserv Wiesbaden muss sich außer mit EEG-Umlage und Netzentgelten auch mit dem sogenannten Eigenstrom-Privileg befassen. Das bedeutet bisher: Von einem Industriebetrieb in Eigenregie hergestellter Strom, den er auch selbst verbraucht, wird von der EEG-Umlage entlastet. Infraserv spart dadurch laut Bartholomäus im Jahr fünf Millionen Euro ein. Zum Vergleich: Das Unternehmen macht im Jahr zehn Millionen Euro Gewinn.

          Mithin leuchtet es ein, dass der Manager die laufende politische Debatte in Berlin um ein Ende des Eigenstrom-Privilegs für schon bestehende Kraftwerke genau verfolgt - für neue Anlagen wird die EEG-Umlage ohnedies schon fällig. Zwar würde er, falls die EEG-Entlastung wegfiele, versuchen, die Mehrkosten an die Kunden weiterzureichen. Doch würde der Standort im internationalen Wettbewerb um Neuansiedlungen so oder so nicht gestärkt. Bartholomäus: „Wir müssen höllisch aufpassen, was der Gesetzgeber vorhat.“ Zumal der Bund sich auch mit der Kraft-Wärme-Kopplung befasst, die Infraserv Wiesbaden nutzt. Bei dieser Art der Energieproduktion erzeugt eine Anlage außer Strom auch Wärme, wie sie gerade Betriebe der chemischen Industrie, die zu den Hauptkunden von Infraserv zählen, das gesamte Jahr über benötigen. Zudem verfügt Infraserv am Standort über zwei Rechenzentren, die viel Strom verbrauchen. Gemeinsam mit Verbänden kämpft Infraserv dafür, dass die industriell genutzte Kraft-Wärme-Kopplung weiter gefördert wird angesichts des hohen Wirkungsgrads von 85 Prozent.

          Manch Investor hat bereits abgewunken

          Das alles muss der Industriepark-Chef ausländischen Interessenten erläutern, bevor er seinen Standort vorstellen kann. „In solchen Gesprächen geht gut die Hälfte der Zeit dafür drauf, die Energiepolitik zu erklären.“ Unter dem Strich bleibt ein Mangel an Planungssicherheit, mit dem auch Unternehmen und Industriepark-Betreiber andernorts in Rhein-Main und Deutschland zu kämpfen haben.

          Vor diesem Hintergrund hat Infraserv etwa einen chinesischen Zulieferer der Reifenhersteller jüngst nicht als Kunden gewinnen können. „Die haben uns gesagt: ,Das ist uns zu kompliziert‘ - und sind nach Frankreich gegangen.“ Dort kostet Industriestrom im Vergleich zu Deutschland nur die Hälfte. Und außerdem ist der Preis, wie Bartholomäus weiß, über Jahre stabil. Auch in Amerika kostet Strom viel weniger als in der Bundesrepublik. Auch deshalb hat SE Tylose eine neue Fabrik dort gebaut und nicht in Wiesbaden. Den Kürzeren zog der Industriepark Kalle-Albert auch im Wettbewerb um den Fortbestand der Druckerei des Wursthüllenherstellers Kalle GmbH. Das im Besitz von Finanzinvestoren befindliche Unternehmen hat den Betrieb schon Ende 2012 in die tschechische Republik verlagert - aus Kostengründen.

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