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Freilichtmuseum Hessenpark : Wann beginnt Geschichte?

Tanz mit dem Landesvater: Grundsteinlegung für den Hessenpark war 1974. Eröffnet wurde er, wie dieses Foto zeigt, 1978 von Holger Börner. Bild: Lutz Kleinhans

40 Jahre Hessenpark: Was muss ein solches Freilichtmuseum heute zeigen? Es können auch Bauten aus den Siebzigern sein, sagt der Geschäftsführer bei einem Jubiläumsabend.

          Fachwerkhäuser und Landleben wie im 19. Jahrhundert verbinden viele Besucher mit dem Freilichtmuseum Hessenpark. In der gerade offiziell eröffneten Martinsklause, einer ursprünglich in Remsfeld in Nordhessen stehenden Schenke, die vor 38 Jahren abgerissen und jetzt in dem Park wieder aufgebaut wurde, wird der Gast hingegen in die fünfziger Jahre zurückversetzt: Das Ambiente entspricht bis hin zur Speisekarte, auf der Solei und Afri-Cola stehen, der Nachkriegszeit. Hessenpark-Geschäftsführer Jens Scheller möchte sogar noch weiter gehen, für ihn spricht nichts dagegen, die Baugruppe Rhein-Main auf dem Gelände um ein Fertighaus aus den siebziger Jahren zu ergänzen. Einschließlich Jugendzimmer mit einem Poster zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 an der Wand. Vieles lasse sich mit einem solchen Haus zeigen: Wie viele den Traum vom Eigenheim träumen, wie neue Siedlungsstrukturen durch Baugebiete entstanden. Gesagt hat Scheller das bei einer Feierstunde, die am Freitagabend anlässlich der Grundsteinlegung für den Hessenpark vor 40 Jahren stattfand.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Der Gedanke, die Geschichte in einem solchen Museum auch in vergleichsweise kurzen historischen Zeiträumen zu bemessen, seit keineswegs abwegig, sagte Uwe Meiners in seinem Jubiläumsvortrag. Der Leiter des Museumsdorfs Cloppenburg ist Sprecher der Fachgruppe Freilichtmuseen im Deutschen Museumsbund. Die Anfänge der Freilichtmuseen lagen in Skandinavien und Norddeutschland, wo schon kurz vor und in den ersten Jahren nach 1900 die ersten derartigen Haussammlungen eröffnet wurden. Die Gründungen waren beeinflusst von der Heimatschutzbewegung mit ihren idealisierten Vorstellungen des Landlebens, aber auch von den Weltausstellungen.

          Park als Alternative zur Schutthalde

          Freilichtmuseen setzten der Industrialisierung die Agrarromantik entgegen. Viele hätten das gezeigte Landleben, das kaum 50 Jahre zurückgelegen habe, noch gut gekannt, sagte Meiners. Heute sei diese Welt seit mehr als 100 Jahren vergangen. „Die emotionale Bindung nimmt ab.“ Das wäre anders, darf man schlussfolgern, wenn sich die Baby-Boomer von heute in dem Fertighaus an ihre eigene Kindheit erinnert fühlten.

          Paradebeispiel bisheriger Ausstellungs- und Nutzungspolitik: bauliche Zeugnisse der nur vermeintlich heilen Welt des 19. Jahrhunderts.

          Mangel an Fachwerkhäusern ist jedenfalls für das Museum kein Grund, sich der jüngeren Zeit zuzuwenden. Mehr als 100 Bauten stehen im Hessenpark, doch ebenso viele lagern noch als Balkenstapel auf dem Gelände. In den Anfangsjahren des Museums fiel allerorten alte Bausubstanz breiteren Straßen oder Neubauplänen zum Opfer. „Der Denkmalschutz ließ sich noch nicht rechtlich durchsetzen“, sagte Gründungsgeschäftsführer Eugen Ernst am Freitag. Also sei der Hessenpark oft die einzige Alternative zur Schutthalde gewesen. Das Angebot an Objekten war groß. „Wir haben nur drei bis fünf Prozent angenommen“, sagte Ernst.

          Entsetzen über den Hessenpark

          In einer Gesprächsrunde zum Jubiläum kam auch der frühere hessische Finanzminister Karlheinz Weimar (CDU) zu Wort. In seine Verantwortung fiel der Bau des Marktplatzes, wo eine im Krieg zerstörte Häuserzeile aus Gießen nachgebaut wurde. Auch dies war eigentlich untypisch für den bis dahin dörflich geprägten und aus Originalen bestehenden Hessenpark. Das in der Marktzeile eröffnete Hotel habe jedoch neue kommerzielle Möglichkeiten eröffnet, sagte Weimar. Außerdem habe er es schön gefunden, einen kleinen Ausschnitt des im Bombenhagel untergegangenen alten Gießen zeigen zu können.

          Dass in den vergangenen sieben Jahren weitere 23 Millionen Euro für Sanierungs- und Baumaßnahmen in den Hessenpark geflossen sind, hat unter anderem mit einem Besuch des damaligen Direktors des Hessischen Immobilienmanagements, Bernd Zahn, im Jahr 2004 zu tun. Das Freilichtmuseum habe ihn sofort vereinnahmt, erzählte er, aber auch „entsetzt“. Die wieder aufgebauten Häuser seien fast alle Sanierungsfälle gewesen und es habe an Organisation, Perspektiven und einem Konzept für den Hessenpark gefehlt. Das hat sich unter dem heutigen Geschäftsführer geändert. Mit dem Geld war es auch möglich, die früher auf den Speichern der Häuser gelagerten Bestände in neu gebaute Magazine zu überführen. „Der Hessenpark hat jedes Jahr um seine Entwicklung gekämpft“, sagte der Vorsitzende des Fördervereins, Jürgen Banzer (CDU). Bis kurz vor der offiziellen Eröffnung im Jahr 1978 war der Hochtaunuskreis Träger, bevor der Hessenpark eine landeseigene GmbH wurde. Deshalb gratulierten am Freitag sowohl Landrat Ulrich Krebs als auch die Staatssekretärin im Finanzministerium, Bernadette Weyland (beide CDU), zum Jubiläum.

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