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Hessenpark : Schweine im Wald und Widder im Kaninchenstall

Weideschweine im Hessenpark Bild: Rüchel, Dieter

Der Hessenpark kümmert sich nicht nur um historische Wohnformen und aussterbendes Handwerk, sondern auch um alte Haustierrassen.

          Schon ein etwas kräftig gebauter, aber keinesfalls dicker Gallier hatte mit der Unterscheidung seine Schwierigkeiten. Musste sich die Comicfigur Obelix doch belehren lassen, dass die dunklen Borstentiere in dem korsischen Dorf keine gezähmten Wildschweine, sondern ungezähmte Hausschweine waren. Was 2000 Jahre später im Wald bei Neu-Anspach grunzt, hat einen hellen Körper und einen dunklen Kopf und kommt damit dem Deutschen Weideschwein schon ziemlich nahe. Auch dass es die Tiere bei jedem Wetter draußen aushalten, sich an den herunterfallenden Eicheln der Bäume gütlich tun und kaum zugefüttert werden müssen, passt zu der alten Rasse und der früher üblichen Schweinehaltung. Aber der Schein trügt, das Deutsche Weideschwein ist vor knapp 40 Jahren ausgestorben. Der Hessenpark beteiligt sich an dem Versuch, durch Kreuzungen und Zuchtauswahl ein „Neues deutsches Weideschwein“ zu schaffen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Bekannt ist das Freilichtmuseum eigentlich für seine vielen Fachwerkhäuser aus den verschiedenen Gegenden des Landes. Doch zum Bild des Landlebens der Vergangenheit gehört auch, was da kreucht, fleucht und wächst. Und das hat sich in den vergangenen 100 Jahren kaum weniger gewandelt als Traktoren oder Mähdrescher. Das stellt Volker Weber fest, wenn eines seiner glücklichen, praktisch frei im Wald lebenden Schweine geschlachtet wird. Den Metzgern gelte das Fleisch als minderwertig, da zu fett. „Dabei bewegen sich die Tiere ständig und sind überhaupt nicht übergewichtig“, sagt der Fachbereichsleiter für historische Landwirtschaft und Umwelt des Hessenparks. Aber der natürliche Kälteschutz der Schweine, den auch die Menschen früher in der Wurst zu schätzen wussten, passt nicht mehr zu heutigen Ernährungsidealen.

          Sechs Rassen werden gezüchtet

          Im Unterschied zum ausgestorbenen Weideschwein gibt es andere alte Nutztiere, die noch auf der roten Liste bedrohter Arten stehen und für deren Rettung es noch nicht zu spät ist. Sechs Rassen werden im Hessenpark gezüchtet, weshalb er vor kurzem von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen offiziell als „Arche-Park“ anerkannt worden ist. Besucher können auf dem Gelände Thüringer Waldziegen begegnen, Rhönschafen, Coburger Fuchsschafen oder dem Roten Höhenvieh. Die Kühe weiden gerade im Schatten der Bockwindmühle aus Papenhorst, und am Montag hat Elfriede gekalbt. Weil just an diesem Tag der Landrat des Hochtaunuskreises, Ulrich Krebs (CDU), auf seiner Sommertour im Hessenpark Station gemacht hat, taufte Museumsgeschäftsführer Jens Scheller das Bullenkalb auf den Namen Ulrich. Das große Rind mit den gewaltigen Hörnern, das mit den Kühen auf der Weide steht, sollte übrigens nicht zu falschen Rückschlüssen auf die Vaterschaft verleiten. Freddi ist einerseits ein Vorderwälder, hat also einen anderen Stammbaum, und außerdem ein Zugochse.

          Auch Kleinvieh findet sich unter den bedrohten Arten. So laufen zwischen den Museumshäusern Vorwerkhühner herum, und hinter einem Zaun in der Baugruppe Mittelhessen hoppeln Meißner Widder. Die haben keine Hörner, sondern lange Ohren und ein dichtes, dunkles Fell. Der zugehörige Kaninchenstall ist sogar historisch, nur die Rampe davor nicht. „Wir mussten tricksen“ erklärt Weber. Damit sich die Tiere tagsüber im Freien bewegen können, hat man ihnen eine Rampe gebaut: Ein Kompromiss mit Blick auf den Tierschutz. Im Winter sind die Nutztiere bisher auf verschiedene Ställe verteilt. Das will Museumsleiter Scheller ändern. Beim Mittelkalbacher Hof in der Baugruppe Osthessen soll ein „Archestall“ entstehen, in dem alle Arten gemeinsam überwintern.

          „Evolutionsparcours“ mit Getreidesorten

          Neben den Tieren will sich der Hessenpark auch alten Pflanzensorten widmen. Die Dreifelderwirtschaft lässt sich schon jetzt an einigen Äckern studieren. Kurz hinter der Kasse hat Weber zudem einen „Evolutionsparcours“ mit 30 verschiedenen Gräser- und Getreidesorten angelegt, um den Weg zum heutigen Weizen zu demonstrieren. Nicht weit davon erinnern großblättrige Pflanzen an die südhessische Tabaktradition. Saatgut sei aber nicht einfach zu bekommen, sagt Weber. So wächst im Hessenpark jetzt die alte DDR-Züchtung „Rot Front Korso“. Auf dem Feld dahinter sprießen Pflanzen mit den verräterischen handförmigen Blättern üppig und mehr als mannshoch. Libertinär gesinnte Museumsbesucher muss der Fachbereichsleiter regelmäßig enttäuschen. Statt zum Rauchen eigne sich diese Hanfsorte ausschließlich dafür, aus ihren Fasern Seile zu machen.

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