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Zwei Doktorarbeiten geplant : Mehr Licht ins Nazi-Dunkel des Landtags

  • -Aktualisiert am

Parteiausweis: Er allein soll nach Ansicht der Experten nicht ausreichen, um einem Abgeordneten NS-Gedankengut zuschreiben zu können. Bild: Nauck, Daniel

Die NS-Vergangenheit früherer hessischer Landtagsabgeordneter wird weiter erforscht. Das Land fördert zwei Dissertationen über Politiker und ihre Mitgliedschaft in der NSDAP.

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          Die Verstrickung ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter in der Zeit des Nationalsozialismus wird weiter aufgearbeitet. Eine vom Parlament finanziell unterstützte Dissertation an der Marburger Universität wird sich exemplarisch mit den Biographien von elf Männern befassen, die Mitglied der NSDAP gewesen waren und nach Ende des Krieges als Abgeordnete im Landtag saßen. Einige waren zudem später Minister, Staatssekretäre, Landräte oder Bürgermeister.

          Ralf Euler
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Bekannteste von ihnen ist der Sozialdemokrat Rudi Arndt, der hessischer Finanzminister, stellvertretender Ministerpräsident und Frankfurter Oberbürgermeister war. Untersucht wird auch die Vergangenheit des ehemaligen Landwirtschaftsministers Gustav Hacker (Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten/Gesamtdeutsche Partei), des langjährigen Werra-Meißner-Landrats Eitel Oskar Höhne (SPD), des Darmstädter Bürgermeisters Ernst Holtzmann (CDU), des Frankenberger Landrats Heinrich Kohl (FDP), des Hanauer Bürgermeisters Hermann Krause (CDU), des Bad Wildunger Bürgermeisters Heinrich Rodemer (FDP), der Abgeordneten Ernst Schauß, Ludwig Schneider (beide FDP), des Staatssekretärs Frank Seiboth (SPD) und des Staatssekretärs und Landwirtschaftsministers Tassilo Tröscher. Nicht zum Forschungsgegenstand werden hingegen der langjährige CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzende Alfred Dregger, der Justizminister Karl-Heinz Koch (CDU) und der Wiesbadener Oberbürgermeister und FDP-Fraktionschef im Landtag, Erich Mix.

          Parteibuch allein kein Beleg für „NS-Belastung“

          „Zwischen Diktatur und Demokratie: NS-belastete hessische Landtagsabgeordnete in der Demokratie der Nachkriegszeit“ lautet das Dissertationsthema der Marburgerin Sabine Schneider. Ihr geht es nach Auskunft des Historikers Eckart Conze darum zu klären, wie die NSDAP-Mitgliedschaft der späteren Landtagsabgeordneten zu bewerten ist und welchen Einfluss sie nach 1945 auf die Politik in Hessen genommen haben. „Wie sind sie selbst mit ihrer Vergangenheit umgegangen, und wie haben sie als Politiker gewirkt?“ Mit der Auswahl der Politiker sei noch kein Urteil verbunden, betonte Conze, aber an diesen Personen lasse sich exemplarisch erforschen, wo die NS-Belastung beginne und wo sie aufhöre. Alle elf hätten zeitweise der Nazipartei angehört und später jahrelang für demokratische Parteien im Landtag gesessen. Zudem gebe es in jedem dieser Fälle verfügbare Quellen.

          Conze sprach von „Tiefenbohrungen“, mit denen das aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbare Verhalten der Politiker in der Nazizeit und deren Bewusstseinswandel nach dem Krieg erkundet werden solle. Das NSDAP-Parteibuch allein sei noch kein Beleg für eine „NS-Belastung“, sagte er. Besonders spannend sei die Frage, ob und in welcher Form die Vergangenheit in der Nazi-Zeit das Agieren der Politiker nach dem Krieg bestimmt habe.

          92 Abgeordnete waren NSDAP-Mitglieder

          Landtagspräsident Norbert Kartmann (CDU) warnte davor, das wissenschaftliche Projekt für parteipolitische Auseinandersetzungen zu instrumentalisieren. Es gehe darum, aufzuklären und Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Bei Rudi Arndt, der für sich in Anspruch genommen hat, er habe von seiner Aufnahme in die NSDAP nichts gewusst, ist sich Kartmann beispielsweise sicher, dass dieser nie ein Nazi gewesen sei. Er habe den vor zehn Jahren gestorbenen SPD-Politiker als aufrechten Demokraten kennengelernt. „Gerade bei Arndt kann ich mir kaum vorstellen, dass etwas hängenbleibt.“

          Eine zweite, ebenfalls vom Landtag geförderte Dissertation trägt den Titel „Konjunkturen des Umgangs mit der NS-Vergangenheit in der hessischen Landespolitik nach 1945“. Der Gießener Wolfgang Helsper will darin erkunden, wie die Landespolitik in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Krieg mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 umgegangen ist und wie das Verhältnis zwischen früheren NSDAP-Mitgliedern und aus dem Exil Zurückgekehrten oder Widerstandskämpfern war. Auch stelle sich die Frage, ob das Wissen um die Nazi-Vergangenheit als Druckmittel eingesetzt worden sei.

          Fest steht nach bisherigen Untersuchungen, dass von den 403 ehemaligen Landtagsabgeordneten, die 1928 oder früher geboren wurden, 92 Mitglied der NSDAP waren, davon 13 als hauptamtlich Beschäftigte oder Parteifunktionäre. Zu ermitteln ist nach Ansicht von Historikern und Parlamentariern nicht zuletzt, ob es beim Aufbau der Demokratie Netzwerke ehemaliger Nazi-Parteigänger gab. Die 92 früheren NSDAP-Mitglieder, die in Hessen zwischen 1946 und 1991 ein Mandat im Landtag oder in einem der beiden Vorparlamente übernehmen konnten, entsprechen einem Anteil von 22,8 Prozent an den Abgeordneten dieser Zeit.

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