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Zwangsarbeiter : Kirche zwischen Konformität und Konfliktbereitschaft

Haben intensiv recherchiert: Barbara Wieland und Joachim Rotberg, Autoren des zweibändigen Werkes über Zwangsarbeit für die Kirche. Bild: Eilmes, Wolfgang

Auch Einrichtungen im Bistum Limburg haben Zwangsarbeiter beschäftigt. Zwei Historiker führen die Zeit von 1939 bis 1945 auf beeindruckende Weise vor Augen.

          Ein Pater als Verräter, eine Gestapo-Außenstelle auf dem Ordensgelände, ein Lager für 57 Kriegsgefangene sowie ebenfalls auf dem Areal untergebrachte 107 Zivilarbeiter: Die Geschichte des Missionshauses der Pallottiner in Limburg zwischen 1939 und 1945 ist ein bedrückendes Beispiel für die Verstrickung katholischer Einrichtungen im Bistum Limburg in das nationalsozialistische System der Ausbeutung von Zwangsarbeitern. Akribisch haben die beiden Frankfurter Historiker Joachim Rotberg und Barbara Wieland diesen Teil der Diözesangeschichte aufgearbeitet - das Ergebnis liegt nun in zwei, fast 1500 Seiten umfassenden Bänden vor.

          Stefan Toepfer

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In dem Missionshaus waren so viele Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigt wie in keinem anderen katholischen Haus auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik. Tätig waren sie etwa in der 60 Hektar großen Landwirtschaft des Klosters. Der Leiter der Einrichtung, Pater Kolberg, verriet Ordensbrüder an die Gestapo, auch wegen ihres angeblich zu positiven Umgangs mit ausländischen Arbeitern - den Autoren zufolge „eine weitere, in der Forschung ebenfalls singuläre Erkenntnis“.

          Rotberg und Wieland zeichnen die Vorgänge in diesem Haus und in 40 weiteren katholischen Institutionen nach, in denen Zwangsarbeiter beschäftigt waren. Aber nicht nur das: Sie untersuchten im gesamten Bistum, wie Pfarrer und Gemeindemitglieder in ihren Orten mit untergebrachten Arbeitskräften umgegangen sind.

          2500 Euro Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeiter

          Die Historiker begleitet das Thema schon seit dem Jahr 2000. Damals begann die katholische Kirche, sich mit diesem Teil ihrer Geschichte zu befassen, es wurde ein Entschädigungs- und Versöhnungsfonds eingerichtet. Zum Limburger Projekt, das im Auftrag von Bischof Franz Kamphaus von dem Kirchenrechtler Thomas Schüller geleitet wurde, gehörten in drei aufeinanderfolgenden Jahren auch Besuche ehemaliger Zwangsarbeiter in Polen und Weißrussland sowie Gegenbesuche und eine Wanderausstellung. 18 Fremdarbeiter wurden als noch lebend ermittelt; sie bekamen je 5000 Mark beziehungsweise rund 2500 Euro aus dem Entschädigungsfonds, in sieben weiteren Fällen wurde Geld an Erben gezahlt - eine, so Rotberg und Wieland, „späte, aber für die individuelle Biographie gleichwohl sehr wichtige Geste der Versöhnung“.

          Nach einem ersten „Werkstattbericht“ im Jahr 2001 bildete die Aufarbeitung Rotbergs und Wielands ein Kapitel in dem 2008 von der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenen Band über Zwangsarbeit, 2009 legten sie ihren Abschlussbericht Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst vor. Es entstand die Idee, aus den Beiträgen Doktorarbeiten zu machen. Rotberg und Wieland forschten weiter und wurden Ende 2010 an der Goethe-Universität promoviert. Dann wurden die beiden Arbeiten zu einem Werk zusammengeführt, das jetzt vorliegt und einen tiefen Blick in die Bistumsgeschichte bietet.

          Die Historiker haben 274 Orte und Häuser im Bistum unter die Lupe genommen - eine in dieser Form einmalige Untersuchung. Zwischen 1939 und 1945 waren in Einrichtungen 317 Zivilarbeiter und 142 Kriegsgefangene beschäftigt - nach Einschätzung von Rotberg und Wieland wohl nur ein Teil der tatsächlichen kirchlichen Beschäftigungsverhältnisse im Bistumsgebiet. „Für einige Einrichtungen liegen keine Quellen mehr vor, oder sie wurden der Recherchegruppe nicht vorgezeigt.“

          Bistumsleitung schwieg bis 1943 zum Thema

          Die Bereitschaft der Institutionen, Auskunft zu geben, war unterschiedlich ausgeprägt. Beispielsweise hieß es bei den Limburger Pallottinern anfangs, es habe dort gar keine Zwangsarbeiter gegeben. Hingegen stand der damalige Abt des Zisterzienserklosters Marienstatt im Westerwald hinter dem Projekt, wie Rotberg schildert. Auch die Dernbacher Schwestern und die Pallottinerinnen in Limburg stellten Akten zur Verfügung. „Aber auch dort mussten wir erst Vertrauen gewinnen“, sagt Wieland. Erstmals wurden auch Kirchenbücher und Chroniken der Pfarreien hinzugezogen.

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