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Zukunft der Zeitungen : Verleger fordern bessere Rahmenbedingungen

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Zwischen den Zeilen: Gedruckte Zeitungen könnten sich künftig zum Premiumprodukt entwickeln, schätzt ein Branchenkenner. Bild: Frank Röth

Immer weniger Menschen greifen zur gedruckten Zeitung. Die SPD hat deshalb eine staatliche Stiftung ins Gespräch gebracht, die die Printmedien fördern soll. Hessische Verleger lehnen das ab.

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          Die hessischen Zeitungsverleger setzen im Kampf gegen sinkende Auflagen und zurückgehende Anzeigenerlöse nicht auf staatliche Unterstützung. „Die Politik kann nur durch verbesserte Rahmenbedingungen helfen“, konstatierte der Vorsitzende des Verbandes Hessischer Zeitungsverleger, Hans Georg Schnücker, am Dienstag in einer Anhörung des Landtags zur Zukunft der Printmedien.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Werner D’Inka, Mitherausgeber dieser Zeitung, äußerte grundsätzliche Bedenken gegen eine von der SPD vorgeschlagene Landesstiftung „zur Förderung von gutem Journalismus“. Ein solches „politiknahes“ Konstrukt könne zum Einfallstor für parteipolitischen oder staatlichen Einfluss auf die Berichterstattung werden und sei mit dem Prinzip einer unabhängigen Presse nicht zu vereinbaren.

          SPD befürwortet Landesstiftung

          Vertreter von CDU, Grünen und FDP zeigten sich ebenfalls skeptisch, ob eine solche Stiftung der richtige Weg zur Sicherung der Zeitungsvielfalt sei. Michael Siebel (SPD) wünschte sich hingegen eine breite Diskussion über eine Landesstiftung. Zeitungen seien kein bloßes Wirtschaftsgut, sondern „systemrelevant“, deshalb dürfe deren Zukunft der Politik nicht gleichgültig sein.

          Nach Meinung von Horst Röper, Geschäftsführer des Dortmunder Medienforschungsinstituts „Formatt“, könnte eine Landesstiftung eine Möglichkeit unter anderen sein, die Vielfalt lokalpolitischer Berichterstattung zu bewahren. Allerdings müsste aus Sicht des Gießener Medienwissenschaftlers Henning Lobin garantiert sein, dass eine solche Einrichtung „staatsfern“ bleibe.

          Drastischer Auflagenrückgang

          „Es hilft uns nichts, wenn die Politik versucht, Schutzmauern um die Zeitungen aufzubauen“, konstatierte der Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse, Rainer Gefeller. „Dann landen wir irgendwann im Museum.“ Er erwarte allerdings, dass die Politik den Zeitungen nicht auch noch Steine in den Weg lege, wie es beispielsweise durch die Einführung eines Mindestlohns auch für Zeitungsausträger geschehen sei.

          Die Zahl der verkauften Zeitungsexemplare ist in Hessen drastisch zurückgegangen: von fast 1,9 Millionen am Tag vor gut zehn Jahren auf knapp 1,3 Millionen heute. Nach Angaben von Manfred Moos von der Gewerkschaft Verdi gibt es noch 31 unabhängige Tageszeitungen, mit sinkender Tendenz. Seit dem Jahr 2000 sei rund ein Fünftel der Redakteursstellen abgebaut worden, in vielen Regionen des Landes existiere nur noch eine einzige Zeitung, die Meinungsvielfalt sei ernsthaft bedroht. Gerhard Kneier, freier Journalist und Mitglied der Landespressekonferenz, sprach angesichts dieser Entwicklung von einer „Gefahr für die Demokratie“.

          Abwärtstrend könne nicht gestoppt werden

          Der Umbruch in der Medienlandschaft sei noch nicht am Ende, warnte Olaf Conrad von der Deutschen Zeitungstreuhand, einem Verband, der sich mit neuen strategischen Perspektiven für regionale Tageszeitungen befasst. Der Abwärtstrend der Printmedien könne verlangsamt, aber nicht gestoppt werden. Die Anzeigenerlöse würden in den nächsten Jahren ebenso weiter zurückgehen wie die Zahl der Abonnenten. Zeitungen entwickelten sich zu einem „Premiumprodukt“ für einen immer kleiner werdenden Kreis von Lesern.

          Fünf bis acht Prozent ihrer Käufer gehen den Tageszeitungen nach Angaben von Conrad allein aufgrund der demographischen Entwicklung verloren: „Sie ziehen in ein Seniorenwohnheim, haben wegen ihres hohen Alters kein Interesse mehr an lokalen Ereignissen oder sterben.“

          Junge Menschen wiederum befassten sich kaum noch mit gedruckten Nachrichten, sondern surften lieber im Internet. „Der Touchscreen ist ihnen vertrauter als die Zeitungsseite“, bestätigte Medienwissenschaftler Lobin. Bei vielen seiner Studenten stelle er einen „völlig unkritischen Umgang“ mit Internetangeboten fest. Gefragt seien allenfalls kurze, knackige Meldungen, Hintergrundberichte und Reportagen würden kaum zur Kenntnis genommen.

          Veränderter Nachrichtenkonsum: Die eine liest Gedrucktes, die andere digital. Insbesondere junge Menschen lesen nur noch selten Zeitungen.

          „Die Zukunft liegt im Digitalen“, lautet deshalb für Conrad die Konsequenz. Die Zeitungsverleger sollten die Herausforderung durch die elektronische Konkurrenz annehmen, sich beispielsweise zu Verlagsverbänden zusammenschließen, um ein erfolgversprechendes eigenes Internet-Angebot auf die Beine zu stellen oder ihre Kräfte bei der Anzeigenvermarktung bündeln.

          Öffentlich-Rechtliche hätten Wettbewerbsvorteil

          Paradoxerweise erreichten die Zeitungen trotz abnehmender Auflagen mehr Menschen als je zuvor, weil sie auch online, dort allerdings meist unentgeltlich, gelesen würden, sagte Röper. Hier biete sich die Chance, zusätzliche Einnahmen zu generieren. Allerdings werde es nicht einfach sein, die an weitgehend unentgeltliche Nachrichten gewöhnten Internetnutzer dazu zu bewegen, für ein gutes journalistisches Angebot zu zahlen.

          D’Inka nannte es die „Eine-Million-Dollar-Frage“, wie es gelingen könne, das bisherige Geschäftsmodell – guten Journalismus mit den Erlösen aus dem Verkauf von Zeitungen und Anzeigen zu finanzieren – in die digitale Welt zu übertragen. Er wies zudem auf den „unfairen Wettbewerb“ mit den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hin, die auf ihren gebührenfinanzierten Webseiten nicht nur Fernseh- und Radioclips, sondern Zeitungsartikeln ähnliche Berichte veröffentlichten. Auch Schnücker plädierte dafür, den Textanteil in den Angeboten der Rundfunksender zu beschränken.

          Frankfurter Societät kauft „Rüsselsheimer Echo“

          Die Mediengruppe Frankfurter Societät will die Tageszeitung „Rüsselsheimer Echo“ übernehmen. Der Verlag, der die „Frankfurter Neue Presse“ (FNP) und deren Regionalausgaben herausgibt, einigte sich mit der Darmstädter Echo Medien GmbH auf den Kauf des Lokalblattes, wie die Sprecher beider Unternehmen am Donnerstag mitteilten.

          Das Kartellamt müsse dem Verkauf allerdings noch zustimmen. Das „Rüsselsheimer Echo“ mit einer Aboauflage von 3800 Exemplaren soll die überregionalen Seiten künftig von der Redaktion der FNP erhalten. Den Regionalteil produziere ein neu zu formierendes Team in Rüsselsheim, teilte die Societät mit. Alle elf Mitarbeiter der bisherigen Rüsselsheimer Stammredaktion würden in der Echo-Gruppe weiter beschäftigt. Diese bleibe auch weiterhin für Anzeigen und Druck zuständig, erklärte der Verlagssprecher.

          Der Verkauf der Rüsselsheimer Tageszeitung sei aus kartellrechtlichen Gründen notwendig gewesen, um die bevorstehende Übernahme der Echo Medien GmbH durch die Verlagsgruppe Rhein Main (VRM) zu ermöglichen. Die in Mainz ansässige VRM gibt in Rüsselsheim mit der „Main-Spitze“ eine lokale Konkurrenz-Zeitung zum Echo heraus. Weitere Lokalausgaben wolle die Echo Medien GmbH nicht veräußern, sagte der Sprecher. (dpa)

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