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Zu Tode gequältes Mädchen : Freispruch für Sozialarbeiterin im Fall Siri

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„Der Tod von Siri war furchtbar für mich, das belastet mich bis heute”, sagte die letztlich freigesprochene Angeklagte vor Gericht Bild: dapd

Heute ist klar, welch tragisches Schicksal die misshandelte und getötete Siri erleiden musste. Im April 2008 konnte das nach Meinung des Amtsgerichts Wetzlar die zuständige Sozialarbeiterin nicht wissen. Deshalb gab es Freispruch.

          Kurz vor Ende ihres Prozesses kamen einer Sozialarbeiterin noch einmal die Tränen. „Der Tod von Siri war furchtbar für mich, das belastet mich bis heute“, sagte die 29 Jahre alte Frau vor dem Amtsgericht in Wetzlar. Die Mitarbeiterin des Jugendamtes der mittelhessischen Stadt war einer der letzten Menschen, die das acht Monate alte Baby lebend sahen. Bei einem Besuch der Familie im April 2008 soll sie Verletzungen des Kindes ignoriert haben. Die Richter fanden dafür jedoch keine Anhaltspunkte und sprachen die Frau - wie von der Verteidigung beantragt - vom Vorwurf der Körperverletzung durch Unterlassen frei. Die Tat habe ihr „eindeutig“ nicht nachgewiesen werden können.

          Ein Zuschauer rief nach dem Urteil: „Das ist ein Skandal!“ Die Angeklagte nahm die Entscheidung ruhig entgegen. Seit Anfang Oktober musste sie sich im „Fall Siri“ vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft hatte ihr vorgeworfen, bei dem Hausbesuch im April 2008 bewusst weggeschaut zu haben. Anfang Mai starb Siri - ihre Eltern hatten sie nach Monaten der Quälerei getötet. Beide sitzen wegen Mordes und Kindesmisshandlung eine lebenslange Freiheitsstrafe ab.

          Gericht: Sie hielt sich an die Vorschriften

          Die Sozialarbeiterin hatte die Vorwürfe bestritten und gesagt, bis auf ein Pflaster auf der Stirn keine Verletzungen bei dem Baby bemerkt zu haben. Aus Sicht des Gerichts hielt sie sich an die Vorschriften. Verfahrensfehler hätte nicht festgestellt werden können.

          Im Nachhinein betrachtet habe sie zwar „ganz klar“ Siris Lage falsch bewertet, sagte der Vorsitzende Richter Harald Wack. Doch sie habe bei dem Besuch nicht wissen können, wie schlimm es um das Mädchen wirklich stand. „Die Fehleinschätzung von damals ist heute nicht zu ahnden“, sagte er. Vielleicht wäre eine erfahrenere Kollegin Vater und Mutter auf die Schliche gekommen. Aber das sei „Spekulation“, auf die sich ein Schuldspruch nicht stützen dürfe.

          Die 29 Jahre alte Frau hatte im Jahr 2007 ihre Stelle beim Jugendamt angetreten. Der „Fall Siri“ war nach eigenen Angaben ihr erster von schwerer Kindesmisshandlung. Die Angeklagte schaute nach einem anonymen Hinweis aus der Nachbarschaft Ende 2007 bei der Familie das erste Mal nach dem Rechten. Im April 2008 besuchte sie die drei in deren Wohnung in Wetzlar erneut.

          Siri bedeutet „Glück“ oder „gutes Leben“

          Zu diesem Zeitpunkt stand es nach Angaben von Sachverständigen schlimm um die Kleine. Siri, der Name bedeutet „Glück“ oder „gutes Leben“, hatte demnach Knochenbrüche und blaue Flecken, sie war abgemagert und hatte strohige Haare. Unter anderem belegen das Fotos, die die Eltern von ihren grausamen Taten und deren Folgen geschossen hatten. Konnte das der Angeklagten wirklich entgehen? Ein Kinderarzt betonte: „Sie hätten den kritischen Zustand des Kindes erkennen können, aber nicht zwingend müssen.“ Dafür sei viel Erfahrung und auch medizinisches Wissen nötig.

          Die Staatsanwaltschaft befand, dass die Sozialarbeiterin gegen ihre Sorgfaltspflicht verstoßen hatte und beantragte wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen eine Geldstrafe auf Bewährung. Die Angeklagte hätte zumindest durch das Pflaster stutzig werden und den Fall dadurch mit den Kollegen neu bewerten müssen. Die Ermittlungsbehörde werfe der Frau ausdrücklich nicht vor, am Tod von Siri mitschuldig zu sein, sagt Staatsanwalt Frank Späth. Aber die junge Frau habe nichts unternommen, um Schmerzen der Kleinen zu lindern. Die Behörde prüft nach dem Urteil, ob sie Rechtsmittel einlegt.

          Für Verteidiger Dietmar Kleiner war klar, dass seine Mandantin freigesprochen werden muss: „Welches Motiv hätte sie auch haben sollen, um beiseite zu schauen?“, fragte er in seinem Plädoyer.

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