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Moscheeverband Ditib : „Ditib kritisch beobachten“

  • -Aktualisiert am

Der Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel (SPD) warnt vor einem Einfluss der Türkei auf den Islam-Unterricht in Deutschland. Bild: Helmut Fricke

Die Türkei nehme Einfluss auf den Islam-Unterricht in Deutschland, kritisiert der SPD-Abgeordnete Yüksel. Der hessische Ditib-Verband weist die Kritik entschieden zurück.

          Angesichts der Diskussion über den Einfluss der Türkei auf den Islam in Deutschland hat der hessische Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel (SPD) gefordert, die Entwicklung des Moscheeverbands Ditib „kritisch zu beobachten“. Diese Vereinigung ist in Hessen als Religionsgemeinschaft anerkannt und einer von zwei Partnern des Landes bei der Erteilung des islamischen Religionsunterrichts. Zur Ditib - die Abkürzung steht für Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion - gehören in Hessen 79 Moscheegemeinden. Die Organisation hat ihre Deutschland-Zentrale in Köln und ist mit dem türkischen Präsidium für Religionsangelegenheiten verbunden, das wiederum dem Ministerpräsidenten zugeordnet ist.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Yüksel sagte mit Blick auf den islamischen Religionsunterricht, es müsse erwartet werden, dass die Ditib völlig unabhängig vom türkischen Staat sei. Auch Susanne Schröter, Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam der Goethe-Universität, sprach sich dafür aus, die Entwicklung zu beobachten, vor allem die Auswahl der Religionslehrer durch die Ditib. Analog zu den Kirchen und den christlichen Religionslehrern hat der Verband dabei eine Mitsprache.

          Imame seien keine Roboter des Staates

          Salih Özkan, der Vorsitzende des hessischen Ditib-Verbands, hatte jüngst Kritik an einer Einflussnahme aus der Türkei auf den Religionsunterricht an Schulen deutlich zurückgewiesen. Der Landesverband sei eine deutsche Religionsgemeinschaft, hatte Özkan zur Eröffnung einer Lehrer-Fortbildung an der Goethe-Universität gesagt. „Wir sind autark.“

          Mutmaßungen über einen Einfluss des türkischen Staates hatte es im Juli 2015 bei der Wahl Özkans gegeben. Der zum Generalkonsulat gehörende Religionsattaché soll sich für Özkan und gegen den bisherigen Vorsitzenden Fuat Kurt ausgesprochen haben, woran sich vor allem die Imame in der Wahlversammlung, die ebenfalls Staatsbedienstete sind, gebunden gefühlt haben sollen. Dieser Vorwurf wurde zurückgewiesen. Dennoch sprach Yüksel von einer „Verleumdungskampagne von konservativ-orthodoxer, der AKP nahestehender Seite“ gegenüber Kurt.

          Die jüngste Äußerung des Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir, Ankara mache die Ditib immer mehr zu einer politischen Vorfeldorganisation der AKP, bezeichnete Selcuk Dogruer, der Koordinator der Ditib Hessen, als „Polemik“. Die Imame seien Individuen und keine Roboter des Staates. Zudem gebe es in der Türkei eine „Gewaltenteilung“ zwischen der Regierung und der Religionsbehörde. Dogruer hob den Beitrag der Ditib zu einer „soliden Wissens- und Wertevermittlung“ hervor, der Verband sei ein wichtiges Korrektiv gegen den religiösen Extremismus. Die Kritik an Erdogan nannte er „unverhältnismäßig“.

          Debatten über einen Einfluss der türkischen Regierung auf das deutsche Bildungssystem gab es auch 2005, als die türkische Religionsbehörde mit der Goethe-Universität ein Abkommen zur Errichtung einer Stiftungsprofessur schloss. Inzwischen ist aus dieser Keimzelle dank staatlicher Finanzierung und Anstrengungen der Universität ein Zentrum für Islamische Theologie geworden.

          Alle Inhalte des Unterrichts vom Ministerium geprüft

          Basis für die Entscheidung für die Ditib als Partner für den Religionsunterricht waren im Jahr 2013 unter anderem islamwissenschaftliche und staatskirchenrechtliche Gutachten. Das Kultusministerium, unter dessen Aufsicht und Kontrolle der Unterricht stattfindet, bewertet die Zusammenarbeit mit der Ditib als verlässlich und konstruktiv. Die Ditib, so die Erkenntnis in Wiesbaden, sei in hinreichendem Maß von der staatlichen türkischen Religionsbehörde unabhängig. Von einem Durchgriff des türkischen Präsidenten über die Ditib bis in den Schulunterricht in Hessen könne keine Rede sein.

          „Nach allen uns vorliegenden Erkenntnissen gibt es weder direkten noch indirekten Einfluss der türkischen Religionsbehörde auf den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht und die ihn unterrichtenden Lehrkräfte in Hessen“, sagte ein Ministeriumssprecher auf Anfrage. Alle Inhalte des Unterrichts, bis hin zum einzig zugelassenen Schulbuch „Mein Islambuch“, seien ausführlich durch das Kultusministerium geprüft worden. Alle vorgegebenen Unterrichtsinhalte stimmten mit dem hessischen Schulgesetz, der Landesverfassung und dem Grundgesetz überein.

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