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Windräder in Hessen : Ein psychologisches Projekt

Ästhetisch und ökonomisch umstritten, ökologisch korrekt: Windräder, zumal wenn sie wie hier im nordhessischen Vasbeck in Parks auftreten, bewegen die Gemüter. Bild: dpa

Die in Hessen angestrebte Energiewende funktioniert auch mit Windrädern anderswo. Neue Stromleitungen müssen sowieso gezogen werden. Der Landesregierung läuft schon jetzt die Zeit davon.

          Ist es nötig für die Neuausrichtung der Energieversorgung Deutschlands, dass im Rhein-Main-Gebiet Windräder aufgestellt werden? Nein. Sie schaden zwar nicht. Aber natürlich gehen die Lichter auch nicht aus, wenn die Anlagen stattdessen in Norddeutschland oder in Mittelhessen stehen, weil in Rhein-Main die Gegnerschaft zu groß ist. Halt in Regionen mit einer schwächeren Wirtschaft, in denen die Freude über zusätzliche Einnahmen größer ist als das Leid darüber, dass fortan der Blick zum Horizont getrübt wird durch ein Windrad neben dem anderen.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Neue Leitungen quer durch die Bundesrepublik müssen sowieso gezogen werden. Windräder im Norden liefern bei gleichen Subventionen einen höheren Ertrag. Und wer der dezentralen Versorgung das Wort redet, wer also mit einigen guten Gründen argumentiert, es solle die Erzeugung des Stroms für ganz Deutschland doch nicht vollständig an der Küste konzentriert werden, der sollte mit Windrädern bei Herborn zufriedenzustellen sein.

          Windräder stören in Ballungsräumen mehr

          Wer Windräder im Rhein-Main-Gebiet will, betreibt daher nicht in erster Linie Energiepolitik. Er betreibt ein psychologisches Projekt. Der neue hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) hat es kürzlich mit entwaffnender Ehrlichkeit während einer Diskussion in Darmstadt so formuliert: Wie solle er die Menschen am Vogelsberg überzeugen, dass dort Windräder aufgestellt werden müssten, wenn nicht zugleich welche im Taunus aufgerichtet würden?

          Doch in Mittelhessen oder im Vogelsbergskreis sind die Belastungen, die eine Industriegesellschaft mit sich bringt, ungleich geringer als im Ballungsraum Frankfurt, in dem sich die wichtigsten Eisenbahnverbindungen des Landes kreuzen, die wichtigsten Autobahnen, in dem schon ein Flughafen für Lärm sorgt und manche Industriebetriebe so groß sind wie anderswo ganze Ortschaften. Es ist ein Ballungsraum, der aus den Nähten platzt, in dem die Konkurrenz um die knappen Flächen übergroß ist: Industrie gegen Wohnen, Wohnen gegen Landschaftsschutz. Die Altvorderen waren klüger. Atomkraftwerke und die großen Kohlekraftwerke entstanden selbstredend nicht in dichtbesiedelten Räumen, sondern eben an ihrem Rand. In Biblis, in Großkrotzenburg.

          Investoren üben Druck auf Flugsicherung aus

          Wie hart die Nutzungskonkurrenz um die knappen Flächen in Rhein-Main ist, zeigt sinnfällig der noch recht neue Streit um die Funkfeuer der Deutschen Flugsicherung. Die Behörde in Langen, die die nicht ganz unwichtige Aufgabe hat, den Flugverkehr über Deutschland unfallfrei abzuwickeln, sieht sich mit einem Mal unversehens als ein Hauptgegner der Energiewende hingestellt, weil man dort nichts davon hält, wenn Windräder im Umkreis von 15 Kilometern um ihre Funkfeuer herum aufgestellt werden. Um Flugrouten streitet man in Rhein-Main seit Jahr und Tag – über Funkfeuer aber hatte in der Tat niemals jemand nachgedacht. Jetzt üben Investoren Druck auf die Flugsicherung aus, den Radius kleiner zu fassen, diskutieren Anhänger der Windkraft darüber, dass die Vorstellungen der Flugsicherung von Sicherheit im Luftverkehr womöglich überzogen seien. Alle wollen schlauer sein als die Flugsicherung, nur damit auch Windräder in einem Raum aufgestellt werden, der doch jetzt schon voller Infrastruktur ist.

          In den Versorgungsunternehmen zerbricht man sich den Kopf, wie man die Bürger, die gegen zusätzliche Infrastruktur in Gestalt von Windparks in ihrer Nachbarschaft zu Felde ziehen, doch noch umstimmen kann. Geld zum Beispiel zieht immer. Der Zusammenschluss von Versorgern mit Energiegenossenschaften, in denen sich Bürger zusammentun, um der Umwelt und zugleich ihrem Geldbeutel Gutes zu tun, gilt als eines der Erfolgsmodelle.

          Alibi-Masten im Taunus

          Solche Ideen sind gefragt. Denn der hessischen Landesregierung läuft, obwohl sie kaum im Amt ist, die Zeit davon. Schwarz-Grün hat angekündigt, den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung Hessens bis 2019 auf ein Viertel zu verdoppeln. Doch die Biomasse schwächelt, die Photovoltaik auch. Geothermie ist bisher nichts als eine schöne Hoffnung. Und es dauert eben zwei, drei Jahre, bis ein Windrad steht und Strom liefert, die Planungsdauer eingerechnet. So bleibt also nicht viel Zeit.

          Vielleicht kommt die Rettung für alle diejenigen, die etwa im Taunus Windräder verhindern wollen, ausgerechnet von ihrem größten Befürworter. Für Al-Wazir, der die Zuständigkeit für Energiepolitik vom Umweltressort ins Wirtschaftsministerium zurückgeholt hat, liegt es wegen der knappen Zeit nahe, den Ausbau dort zu forcieren, wo die Gegnerschaft geringer ist als im Ballungsraum Frankfurt, also etwa in Mittelhessen. Den Bürgern in dieser Region kann es nur recht sein, und der Energiewende wird es nicht schaden. Und für ein paar Alibi-Masten wird im Taunus schon Platz sein, damit Al-Wazir mit Fotos dieser Anlagen letzte Zweifler am Vogelsberg beruhigen kann.

          Im Zweifelsfall hat Al-Wazir sowieso noch einen Joker in der Hinterhand. Zu Zeiten der schwarz-gelben Landesregierung hieß es, zum Ausbau der erneuerbaren Energien in Hessen seien eigentlich doch auch diejenigen Anlagen zu rechnen, die von hessischen Energieversorgern irgendwo in der Ferne aufgestellt würden. Daran aber ist kein Mangel; die Mainova etwa ist in Brandenburg engagiert, der Energieversorger HSE aus Darmstadt an einem Windpark in der Nordsee beteiligt.

          Natürlich ist das schlitzohrig. Aber wenn doch auch CDU und FDP nichts dabei fanden, wer will dann dagegen sein? Im Ballungsraum Frankfurt jedenfalls kann man Windräder aufstellen oder es lassen. Die Energiewende scheitert an fehlenden Anlagen in dieser Region nicht. Und die Ziele der Koalitionsvereinbarung lassen sich auch anders erfüllen. Notfalls mit einem kleinen Trick.

          Wenn der Wind dürfte, wie er könnte

          Das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) in Kassel hat berechnet, wie viel Strom in Hessen durch Windräder zu erzeugen wäre. Die Spanne reicht von 28 bis 151 Terawattstunden im Jahr. Zum Vergleich: Derzeit verbrauchen die Hessen 40 Terawattstunden. Der untere Wert in der Machbarkeitsstudie basiert auf dem politisch ausgerufenen Ziel, zwei Prozent der Landesfläche als Vorrangflächen für Windräder auszuweisen. Gemessen an dem, was schon rotiert und Strom produziert, ist allerdings auch das ambitioniert. Installiert sind laut IWES, Stand Ende 2013, in Hessen Windräder mit einer Leistung von insgesamt rund einem Gigawatt. Das Vierzehnfache wäre nötig, um auf 28 Terawattstunden im Jahr zu kommen.

          Die Zahlenspiele verdeutlichen, wie weit Anspruch, Potentiale und Wirklichkeit derzeit noch auseinanderklaffen. Kurt Rohrig, stellvertretender Institutsleiter des IWES, nennt es erfreulich, dass in Hessen wie in anderen Bundesländern die Windkraft nicht mehr stiefmütterlich behandelt werde bei dem Vorhaben, Energie langfristig aus regenerativen Quellen zu gewinnen. Im Gegenteil: Im Koalitionsvertrag von CDU und Grünen ist davon die Rede, dass die Windkraft das größte Potential habe.

          Experte Rohrig warnt davor, im Binnenland die Erwartungen an diese Technik zu hoch zu schrauben, selbst wenn sie stetig verbessert werde. Allerdings ermuntert er auch dazu, die Möglichkeiten dieser günstigsten der regenerativen Energiegewinnung auch fernab der Küsten stärker zu nutzen. Nach der Studie wäre es technisch machbar und ökonomisch sowie ökologisch vertretbar, in Hessen auf etwa einem Fünftel der Landesfläche größere und kleinere Windparks zu errichten. Dann ließe sich die derzeit noch astronomisch anmutende Größe von 151 Terawattstunden pro Jahr erzielen und so ein beträchtlicher Anteil des wachsenden Bedarfs, sogar von strombetriebenen Bussen und Autos, decken. Angesichts des ungebrochenen Widerstands gegen die „Verschandelung“ der Landschaft klingt das derzeit aber noch utopisch.

          Helmut Schwan

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