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Leben im Provisorium : Flüchtlinge in Festzelten

  • -Aktualisiert am

Pritsche an Pritsche: Ein Blick durch die Planen zeigt, wie eng es in den Zelten ist. Tagsüber halten sich die meisten draußen auf. Nachts wird es hier voll. Bild: Frank Röth

Eigentlich sollten sie nur wenige Tage in den Notunterkünften bleiben. Weil aber immer mehr Asylbewerber ankommen, werden daraus auch Wochen. Das ist für die Menschen zermürbend.

          An einem warmen Wochentag fährt ein Bus durch das Tor mit der Aufschrift „Hessisches Katastrophenschutz-Zentrallager Wetzlar“ im Gewerbepark Spilburg. Er passiert Security-Mitarbeiter in gelben und orangefarbenen Warnwesten und hält vor dem weißen Festzelt. Ein junger Mann steigt aus, er trägt einen - vermutlich mit Kleidung - gefüllten blauen Müllsack. Ihm folgen Kinder, Frauen, Männer; alle tragen Säcke, die sie in das Zelt bringen.

          Vier Zelte stehen in Wetzlar, weitere in Kassel, Marburg und Limburg. Sie sind Notunterkünfte, die das Regierungspräsidium Gießen aufbauen ließ, weil es für Flüchtlinge derzeit nicht genug Raum in Häusern gibt. Ursprünglich geplant war, dass die Flüchtlinge ein bis zwei Tage in ihnen wohnen und dann in Häuser umziehen können. „Doch immer, wenn wir glaubten, wir hätten genug Kapazitäten, kamen noch mehr Flüchtlinge“, heißt es vom Regierungspräsidium. Derzeit leben 689 Menschen in den Notunterkünften; die meisten von ihnen seit mehreren Tagen, manche seit zwei oder drei Wochen. In Wetzlar können maximal 700 Menschen in den Zelten untergebracht werden.

          In den Zelten ist es warm

          Die Einrichtung hat etwas von einem Feldlazarett - Pritsche steht an Pritsche. Hier und da sitzen ein paar Männer und unterhalten sich, ein paar Meter weiter versucht jemand zu schlafen. An den Zelteingängen hängen weiße Blätter, auf denen steht, wann es Essen gibt und wer wann Taschengeld bekommt.

          Wenn die Sonne auf die Planen scheint, heizt sich die Luft im Inneren schnell stark auf. Unter den Flüchtlingen bilden sich Gruppen, wie Harald Würges weiß. Der Mann mit dem weißen Vollbart erinnert an einen Schiffskapitän, jetzt sitzt er auf einer Steintreppe neben dem Zelteingang. Er arbeitet im Arbeitskreis Flüchtlingshilfe mit. „Manche Eritreer fühlen sich gegenüber den Syrern benachteiligt, weil die oft besser gebildet sind“, berichtet er von Spannungen. Auch mangele es an Ärzten und Sozialarbeitern. Aber das Schlimmste ist seiner Meinung nach, dass die Menschen so schlecht schlafen können.

          Das Licht brennt die ganze Nacht

          Schuld ist das Licht. Es brennt die ganze Nacht. Denn wer im Dunkeln auf Toilette muss, liefe Gefahr, über eines der Feldbetten zu stolpern und sich zu verletzen. So aber stört die Helligkeit beim Einschlafen. Der Fall zeigt, wie schwer es ist, das Leben in den Zelten angenehmer zu machen. Würges und andere Ehrenamtler versuchen, den Flüchtlingen das Leben außerhalb der Unterkunft zu erleichtern. Sie betreiben „Cafés“ in Räumen verschiedener Wetzlarer Kirchengemeinden. Dort können die Menschen duschen, Kaffee trinken - und ruhig schlafen. Für besonders wichtig hält Würges die Hilfe für Frauen und Kinder. Sie litten am meisten unter den Umständen.

          In Wetzlar durften die Ehrenamtlichen anfangs die Zelte nicht betreten, wie Würges sagt. Der Arbeitskreis habe sich jedoch mit Erfolg gegen das Verbot gewehrt. Jetzt dürfen die Mitstreiter in alle hessischen Flüchtlingszelte - nicht nur in Wetzlar, sondern auch in Kassel, Marburg und Limburg. Würges zeigt sich auch zuversichtlich, dass die Zusammenarbeit von Regierungspräsidium und Ehrenamtlichen vertrauensvoller wird. Kürzlich verständigten sich die Behörde und der Arbeitskreis darauf, einander über Schwierigkeiten in den Unterkünften zu informieren.

          Würges wird der Zutritt zunächst verwehrt

          Doch als er an diesem Tag das Lager betreten will, versperrt ihm ein Sicherheitsmann den Weg. Eine Mitarbeiterin kommt hinzu und sagt, sie habe Anweisung, niemanden auf das Gelände zu lassen. Würges ruft jemanden an, dann noch jemanden, schließlich ruft jemand den Sicherheitsmann an, und etwa zehn Minuten später darf er doch hinein. Wer helfen will, muss hartnäckig bleiben.

          Würges geht über den Hof, auf dem Kinder Fußball spielen. Ein Junge kickt ihm den Ball zu, er passt zurück, der Bub lacht. Vor einem Zelt stehen zwei Pritschen, auf denen zwei albanische Mädchen miteinander reden. Ein eritreisches Paar sitzt auf einer Decke im von der Sonne verbrannten Gras. Es gibt nicht viel zu tun für die Flüchtlinge. Sitzen, liegen, sich unterhalten, Fußball spielen. Die Menschen können das Lager auch verlassen. Wenn sie zurückkehren, müssen sie sich ausweisen. Manche gehen einkaufen, in einen Park oder besuchen eines der „Cafés“ des Arbeitskreises. Die meisten Zeit aber warten sie darauf, zu erfahren, wie es mit ihnen weitergeht.

          Flüchtlingszahl wächst weiter

          Das Lager wird auf einer Seite von Bauzäunen begrenzt, die voll bunter Wäsche hängen. Vier Mädchen klettern über den Zaun, kleine Kinder robben unter ihm hindurch. Sie rennen zur Straße, an der ein schwarzes Auto steht, umringt von Kindern. Sie rufen „please, please, please“, denn im Auto sitzt eine Frau und verteilt Kleider und Puzzles.

          Wie lange die Flüchtlingszelte benötigt werden, ist ungewiss. Eine Kaserne in Rotenburg an der Fulda soll von der nächsten Woche an belegt werden, eine in Büdingen im Herbst und eine in Kassel-Niederzwehren zum Ende des Jahres. Möglicherweise werden im Winter aber noch immer Menschen in den Wetzlarer Zelten leben. Denn die Zahl der Flüchtlinge wächst weiter.

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