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Weltmarktführer Wiegand : Sommerrodelbahnen aus der Rhön

  • -Aktualisiert am

Nicht ohne meine Schutzbrille: Ein Mitarbeiter von Wiegand schweißt an einem Bauteil für eine Rodelbahn Bild: Rainer Wohlfahrt

In Rasdorf hat Josef Wiegand ein Unternehmen aufgebaut, das Marktführer für Bahnen und Rutschen ist. Von Krise spürt er nichts. Erst kürzlich hat er zwei neue Leute eingestellt.

          Die Wasserkuppe und der Magic-Mountain in Jamaika haben eines gemeinsam: Sowohl auf Hessens höchstem Berg als auch in Kingston sausen Schlittenfahrer auf Rodelbahnen der Firma Wiegand ins Tal. Auf der Märchenwiese an der Wasserkuppe begann vor 34 Jahren der Aufstieg des Metzgersohns und Industriekaufmanns Josef Wiegand zum erfolgreichen Unternehmer und Weltmarktführer. Nicht mit Schinken, Salami und Leberwurst, sondern mit Rohren und Rinnen aus Edelstahl überzeugt der Mann aus dem Dorf an der ehemaligen innerdeutschen Grenze seit Jahrzehnten seine Kunden. Von Andorra bis Vietnam reichen die Geschäftsverbindungen des hessischen Unternehmens, das weltweit die Nummer eins in Rodelbahnen ist.

          In Rasdorf, das nur ein paar Kilometer von der Gedenkstätte Point Alpha entfernt liegt, planen und bauen 170 Mitarbeiter Sommerrodelbahnen, Alpine Coaster, Bobkarts und Rutschen. Bisher hat Wiegand etwa 400 Bahnen weltweit verkauft. Rund 50 Millionen Mal im Jahr geht es auf ihnen rasant bergab. Japaner und Chinesen rodeln besonders gern in schnittigen Schlitten auf stählernen Bahnen. In beiden Ländern bieten insgesamt 90 Wiegand-Rodelbahnen wetterunabhängiges Vergnügen. Seit 2007 gibt es im Zwergstaat Andorra mit 3,6 Kilometern die längste Wiegand-Bahn.

          Mit „Wintersport“ auch im Sommer Geld verdienen

          „Die USA sind eine heiße Geschichte“, erzählt der Firmenchef. Fünfundzwanzig Jahre hätte sein Unternehmen die Vereinigten Staaten wegen der dort geltenden Produkthaftung gemieden. Doch irgendwann wich die Skepsis, und unter anderem in Utah und Massachusetts wurden Bahnen aus Rasdorf in Wiesen eingebettet oder auf Ständer gestellt.

          Teile für neue Bahnen - Made in Rasdorf

          Seitdem auch in den Bergen der Schnee immer knapper wird, laufen die Geschäfte in Frankreich, Italien, Österreich und Tschechien nach Auskunft von Wiegand recht gut. In den Skigebieten seien riesige Unterkunftskapazitäten geschaffen worden, und nun müsse dort auch im Sommer Geld verdient werden. Wiegand entwickelte ein Transportsystem, mit dem Sommerrodler mit Skiliften zur Bergstation gebracht werden können.

          Der Skifahrer, der in gebeugter Haltung im i-Punkt kauert, ist aus dem Namenszug verschwunden. Mittlerweile füllt ein Rodler die Fläche im i-Punkt. Dabei fing vor 46 Jahren die Unternehmensgeschichte mit dem Skisport an. Wiegand bekam im Winter 1962/63 in Südtirol seinen ersten Skilift zu Gesicht, wieder zurück in der Rhön, suchte er sich auf der Wasserkuppe eine Wiese aus und ließ dort 1963 von der italienischen Firma Leitner den ersten Skilift bauen. Er übernahm die Deutschland-Vertretung von Leitner, verkaufte deren Lifte in der Rhön, im Vogelsberg und im Sauerland und baute auch eigene Liftanlagen. Als sich Mitte der siebziger Jahre der Skiboom aus den Mittelgebirgen verabschiedete, suchte Wiegand nach einer Attraktion für seinen Skiliftbetrieb auf der Märchenwiese.

          „Wie-Hex“ mit Gondeln

          1975 eröffnete er dort seine erste Sommerrodelbahn. Die Würstchenbude an der Bergstation wurde mittlerweile zum Ausflugslokal, und im Märchenwiesenpark dreht sich eine „Wie-Hex“ mit Gondeln, die scheinbar durch den Wald fliegen. Neben der Rodelarena Wasserkuppe betreibt Wiegand eigene Standorte unter anderem im Vogelsberg, in der Fränkischen Schweiz und im Harz. Rodelbahnen allein genügen den Besuchern allerdings nicht mehr. Wieder reagiert Wiegand auf die geänderten Bedürfnisse und bestückt seine Vergnügungsparks mit Fahrgeschäften, die ebenfalls in Rasdorf entstehen.

          Der 75 Jahre alte Unternehmer denkt noch nicht daran aufzuhören. Er versteht sich als Ideengeber, sein neuestes Produkt ist der „Wie-Goliath“, ein Superturm mit Rutsche und Restaurant. Die Idee für den „Wie-Goliath“ kam durch einen Auftrag der Tate Modern Art Gallery in London. Wiegand baute dort vier verschiedene Wendelrutschen, und die Museumsbesucher standen Schlange, um auf dem Hosenboden durch die Tate Gallery zu rutschen. Noch gibt es den „Goliath“ nur auf dem Papier, doch Wiegand ist zuversichtlich, mit seiner „Weltneuheit“ den Weltmarkt zu erobern.

          Erst kürzlich hat er zwei neue Leute eingestellt

          Seine Erfolgsgeschichte wäre allerdings ohne die Grenzöffnung nicht möglich gewesen. Sie hat ihm nicht nur neue Märkte, sondern vor allem neue Mitarbeiter beschert. Seit Rasdorf nicht mehr im Abseits am Todesstreifen liegt, hat der Unternehmer keine Schwierigkeiten mehr, Fachpersonal zu finden. Vor 1989 habe er mit Mühe 30 Leute zusammenbekommen, keiner sei damals von Fulda zur Arbeit Richtung Grenze gefahren. Heute kommen 60 Prozent seiner Belegschaft aus Thüringen. Die 18 Auszubildenden lernen Konstruktionsmechaniker, technischer Zeichner, Bürokaufmann oder Elektriker. Mit Kurzarbeit und Stellenabbau plagt sich Wiegand nicht herum. Erst kürzlich hat er zwei neue Leute eingestellt. „Von der Krise spüren wir nichts.“ In Rasdorf entstand am Ortsrand sogar ein zweites Werk. Fünf Hektar Fläche bieten genügend Platz, um in den Hallen und im Freien Bahnen und Wasserrutschen zu testen.

          Für den Nervenkitzel im nassen Element ist Sohn Hendrik zuständig. Die Wiegand-Maelzer GmbH liefert Wasserrutschenparadiese vor allem ins europäische Ausland. Und auch die Nachfolge im Familienunternehmen scheint gesichert: Ein Enkel spricht zumindest im Moment davon, dass er später einmal Rodelbahnen und Rutschen bauen möchte.

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