https://www.faz.net/-gzg-6mmus

Volker Bouffier bei Accenture : Auch Hessens Wälder sind für Windkraft nicht tabu

  • -Aktualisiert am

Vor grünem Hintergrund: Volker Bouffier bei Accenture Bild: Frank Röth

Volker Bouffier berichtet bei den Campus-Kronberg-Gesprächen über Widersprüche und Schwierigkeiten der Energiewende. Bei aller Liebe zur Umwelt dürfe man Hessen nicht deindustrialisieren.

          3 Min.

          Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat vor den Auswirkungen eines unüberlegt schnellen Ausstiegs aus der Atomkraft für die hessische Wirtschaft gewarnt. Seien es Opel, Kali+Salz in Kassel, die Pharma- und die Chemieindustrie oder auch die Rechenzentren und die darauf angewiesene Finanzbranche – viele wichtige Wirtschaftszweige für Hessen verbrauchten sehr viel Energie und seien auf eine störungsfreie Versorgung angewiesen, sagte der Ministerpräsident am Dienstagabend während der Campus-Kronberg-Gespräche, einer gemeinsamen Veranstaltung des Beratungsunternehmens Accenture, der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland und der F.A.Z.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          „An einem Tag, an dem kein Wind weht und keine Sonne scheint, die Rechenzentren auf Hochtouren laufen und alle Fernseher an sind, weil gerade Germany’s Next Topmodel gewählt wird, können wir Opel nicht den Strom abdrehen und sagen, produziert weiter, wenn die Sonne wieder da ist“, sagte Bouffier. Energieintensive Unternehmen würden sicher nicht sofort die Fabriken abbauen und ins Ausland ziehen, sobald der Strom teurer werde. Aber auf längere Sicht dürften sich Betriebe, die schon jetzt mehr als zehn Prozent ihrer Kosten für Energie aufbrächten, bei neuen Investitionen nach günstigeren Standorten umsehen. Neben der Umweltfreundlichkeit müssten auch die Preise und die Versorgungssicherheit wieder mehr in den Blick genommen werden.

          Import von Atomstrom aus Nachbarländern

          Die erneuerbaren Energien und vor allem die benötigten Speichermöglichkeiten seien derzeit einfach noch nicht so weit entwickelt, dass die Stromversorgung angesichts teils stark schwankender Nachfrage durch die ebenfalls schwankungsanfällige Kraft aus Sonne und Wind abgedeckt werden könnte. Auf der anderen Seite sei es schwierig, Energiekonzerne zu teuren Investitionen etwa in neue Gaskraftwerke zu bewegen, wenn in Zukunft erneuerbare Energien weiter bevorzugt in die Netze eingespeist würden. Das erschwere die Kalkulationen der Investoren. Die geplante Erweiterung des Kohlekraftwerks Staudinger, für die es längst eine Baugenehmigung gebe, die der Betreiber Eon aber bislang ungenutzt lasse, sei ein Beispiel für stockende Investitionen. In der Debatte um die künftige Stromversorgung werde der europäische Stromverbund völlig außer Acht gelassen. Keiner der anderen EU-Staaten sei Deutschlands Beispiel gefolgt. Bis auf weiteres werde nun Atomstrom aus Nachbarländern importiert werden müssen, um Verbrauchsspitzen abzudecken.

          Wichtig sei, der Bevölkerung klar zu sagen, welche Folgen die Energiewende für sie haben werde, sagte Bouffier weiter. Dabei wies er zum einen auf Preiserhöhungen hin. Aber vor allem beim Bau neuer Windkraftanlagen und zusätzlicher Hochspannungsleitungen stellten sich oft dieselben Naturschützer quer, die zuvor „Abschalten“ gerufen hätten, sagte der Ministerpräsident. Als Beispiel nannte Bouffier die hessischen Wälder. Auch sie dürften auf der Suche nach neuen Standorten für Windkraftanlagen kein Tabu mehr sein. Der Naturschutzbund habe das grundsätzlich auch gutgeheißen. „Aber sobald man dann einmal konkrete Projekte angehen will, bekommt man es mit dem Ortsverein zu tun“, sagte Bouffier.

          Breite Zustimmung für den Bau neuer Anlagen gebe es am ehesten im Rhein-Main-Gebiet, denn hier seien sich die Bewohner relativ sicher, dass sie selbst nicht davon betroffen wären. Die Energiewende darf nach Auffassung des Ministerpräsidenten aber auch nicht dazu führen, dass nur die Bewohner weniger dicht besiedelter Regionen unter den neuen Windanlagen litten.

          „Windkraft da fördern, wo auch Wind weht“

          Bouffier kritisierte die Opposition im Landtag dafür, dass sie einen schnellen, aber keinen schlauen Atomausstieg fordere. „Die haben immer nur gefragt: Wann schaltest du Biblis endlich ab? Und jetzt fordern sie, dass wir in Hessen möglichst viel Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen.“ Dem stellte Bouffier entgegen: „Wir sollten Windkraft da fördern, wo auch Wind weht.“ Das seien vor allem Offshore-Anlagen in der Nordsee. Und auch Brandenburg, wo weite flache Flächen unbesiedelt seien, eigne sich besser für Windkraft als etwa der Odenwald.

          Dass die schwarz-gelbe Bundesregierung selbst bei der Atomkraft eine rasante Kehrtwende gemacht hat und die Laufzeiten erst verlängerte und wenige Monate später sieben Meiler abschalten ließ – das wollte Bouffier nicht als Eigentor anerkennen. Seine Zustimmung zu den Beschlüssen zum Atomausstieg begründete er mit der Erkenntnis, dass man nicht dauerhaft gegen den Willen breiter Bevölkerungsschichten regieren könne. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima sei die ohnehin schon große Ablehnung gegen Atomkraft in Deutschland einfach zu groß geworden.

          Weitere Themen

          Wie man um die Ecke schießt Video-Seite öffnen

          Geht doch! : Wie man um die Ecke schießt

          Ecken direkt verwandeln – auf dem Fußballplatz geht das noch vergleichbar einfach. Beim Tipp-Kick braucht es viel Feingefühl. Wir verraten, wie der perfekte Schuss um die Ecke gelingt.

          Topmeldungen

          Abendrot in Brandenburg: Die Umlage für Ökostrom sinkt im kommenden Jahr.

          EEG-Umlage fällt : Was den Strompreis sinken lässt

          Die EEG-Umlage fällt bald niedriger aus. Das bringt aber nur wenig gegen hohe Stromkosten. Und nun? Hier kommen Antworten auf die wichtigsten Fragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.