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Ursula Bouffier : Der künftige Ministerpräsident war ihr Scheidungsanwalt

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Seite an Seite: Ursula und Volker Bouffier. Bild: APN

Ursula Bouffier bereitet sich auf ihre neue Rolle vor. Erfahrung als Kommunalpolitikerin hat sie bereits. Sie will für „offene Diskussionen in der Familie“ sorgen.

          Hier ist Wiesbaden sehr weit weg: Die Bouffiers leben in einer ruhigen Gießener Wohnstraße mit viel Grün. Ihr Haus ist recht stattlich, die Einrichtung ein wenig in die Jahre gekommen. Eine Riesenschrankwand beherrscht das Wohnzimmer, die Küche wird von einer Art Theke umsäumt, die Bodenfliesen zeigen das fahle Braun der frühen Achtziger oder späten Siebziger. Ursula Bouffier, eine freundliche Dame Mitte fünfzig, braungebrannt und schmal, bewegt sich schnell und anmutig, im Urlaub auf Ibiza hat sie jeden Tag Tennis gespielt. Die Mutter von Frederik (20) und Volker (18) lacht gern und oft und ist noch immer ein ziemlich klarer Fall von Konfektionsgröße 36. Auf der Terrasse mit Blick in den gepflegten Garten scheint die Landeshauptstadt doppelt weit weg.

          Auch Ursula Bouffier ist Politikerin, allerdings eine ehrenamtliche. Sie gehört wie ihr Mann der CDU an, war acht Jahre lang Kreistagsabgeordnete und ist die Vorsitzende des Ausschusses für Schule, Bildung und Kultur in der Gießener Stadtverordnetenversammlung. Aber zur nächsten Kommunalwahl im Frühjahr 2011 wird sie nicht mehr antreten. Schließlich kommt ja allerhand auf sie zu. Freut sie sich darauf? „Ich freu mich schon drauf“, sagt sie, „ich bin ein positiv denkender Mensch und bin gern mit anderen Menschen zusammen. Von daher bin ich offen für alle Aufgaben.“

          Politisch wach

          Wie die genau aussehen werden, das weiß sie derzeit noch nicht genau, sie ahnt nur, dass die Frau des Ministerpräsidenten mehr beansprucht werden wird als die des Innenministers. Dieses Amt bekleidet ihr Mann schon seit elf Jahren, zuvor war er in der Regierung Wallmann/Gerhardt Staatssekretär im Justizministerium. Der Justizminister hieß übrigens Karl-Heinz Koch („das war ein Herr“) und war der Vater Roland Kochs, des Mannes also, den Volker Bouffier am 31. August beerben soll. Sollte er nicht genügend Stimmen bekommen, wäre das für Volker Bouffier eine Riesenenttäuschung, sagt Ursula Bouffier. Natürlich weiß sie, dass bei einem entsprechend kraftvollen Umbau des Kabinetts die eine oder andere Nein-Stimme aus dem eigenen Lager kommen kann.

          Aber politisch ist sie viel zu wach, als dass sie jetzt etwas sagen würde, das ihrem Mann schaden könnte. Ob er, der auf den meisten Parteitagen sogar noch ein paar mehr Stimmen bekam als Roland Koch, lange auf Kochs Rückzug gewartet habe? Nein, natürlich nicht. Ob er am Tag der Tage heimgekommen sei, auf den Lippen ein triumphierendes „Schatz, vor dir steht der künftige hessische Ministerpräsident“? Na, so ein Unfug. Ob sie (unter uns gesagt: Die Frauen der Politiker sind oft ehrgeiziger als deren Männer) ihren Volker je angestachelt habe zum Aufstand gegen den amtierenden Ministerpräsidenten? Ach was. Bei solchen kleinen Anfragen lächelt Ursula Bouffier nur wissend, aufs Glatteis lässt sie sich nicht führen.

          Liebe auf den ersten Blick war es nicht

          Nein, da erzählt sie doch lieber über die Familie. Ihr Mann, sagt sie, sei durch und durch ein Familienmensch. Den Urlaub, dem Ursula Bouffier noch ihre Bräune verdankt, haben sie alle – „da fahren wir seit 17 Jahren hin“ – wieder in diesem Club auf Ibiza verbracht, wo sie auch schon Roland Koch und Karlheinz Weimar hingeschleppt haben (in Hessen sind Parteifreunde manchmal wirklich befreundet). Familie Bouffier war diesmal mit elf Mitgliedern von der Partie: das Ehepaar Bouffier und die beiden Söhne, Bouffiers Schwester mit Mann und deren vier Kindern, Volker Bouffiers Mutter, 83 Jahre alt und noch fit.

          Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Ursula und Volker Bouffier kennen sich schon ewig, denn ihr ältester Bruder und ihr heutiger Gatte gingen gemeinsam zur Schule, so dass der junge Volker, damals so ungefähr 17, bei Ursulas Familie ein und aus ging. Sie war da erst 13 oder 14 und fand ihn „total doof, wie das so ist mit Freunden von großen Brüdern, und er mich wahrscheinlich völlig uninteressant, ich war für ihn halt ein kleines Mädchen“. Wiedergetroffen haben sie sich nach vielen Jahren, als die Ehe der jungen Frau auseinanderging und sie Rechtsanwalt Volker Bouffier um rechtlichen Beistand bat. „Dann sind wir mal zusammen ausgegangen, und so hat sich das dann entwickelt.“

          Die Themen vereinen sich

          Die Entwicklung führte zur Heirat und der Geburt der beiden Söhne. Volker Bouffier hat aus seiner ersten Ehe die Tochter Nina, und Ursula Bouffier legt Wert auf die Feststellung, dass sie da keine Unterschiede macht. „Unsere Nina ist wie unsere gemeinsame Tochter, es würde sie auch sehr merkwürdig anfechten, wenn ich von ihr als Tochter meines Mannes spräche.“ Auch zu Ninas Mutter sei das Verhältnis total entkrampft. Nina ist Lehrerin und würde, wenn sie Kinder bekäme, sicherlich nicht auf ihren Beruf verzichten wollen, sagt ihre Stiefmutter.

          Ursula Bouffier findet das auch völlig in Ordnung. Die leidenschaftliche Sudokurätsellöserin selbst aber hat nach der Hochzeit ihren Beruf als medizinisch-technische Radiologieassistentin aufgegeben, sich ganz auf die Erziehung der Kinder konzentriert und würde das auch immer wieder so halten. Auf diese Weise also vereinen sich in der Familie Bouffier beide Positionen der hessischen CDU zu diesem Thema – berufstätige Mütter sind genauso in Ordnung wie nichtberufstätige.

          Alles ganz „natürlich“

          Ist Politik überhaupt ein Thema in der Familie Bouffier? „Ja natürlich. Bei uns wird viel diskutiert, auch in der Großfamilie, unsere Kinder sind mit offenen Diskussionen groß geworden, jeder trägt seine Meinung frei vor, muss sie aber auch begründen können.“ Übrigens machen beide Bouffier-Söhne in der Jungen Union mit.

          „Natürlich“ ist ein Wort, das Ursula Bouffier gern verwendet. Natürlich ist sie in der evangelischen Kirche, wie die ganze Familie. Natürlich spricht sie mit ihrem Mann über Politik, auch über die Neubildung des Kabinetts. Ja, natürlich hat sie sich gefreut für ihren Mann, „es ist ganz einfach die Krönung einer politischen Laufbahn.“ Und natürlich findet sie den Ton in der hessischen Politik zu rauh und verletzend. Sich erst im Landtag böse Sachen sagen und danach gemeinsam einen trinken gehen, nein, das käme für sie nicht in Frage.

          Auf einem Konzert von U2

          Die Lust an der Auseinandersetzung geht allerdings ihrem Mann auch nicht ab. Erfährt sie ihn anders, als sein Image des harten Hundes ihn nach außen vermittelt? „Ich nehme ihn nicht als harten Hund wahr, überhaupt nicht. Im Gegenteil, sehr hilfsbereit, offenes Ohr für alle, setzt sich für andere ein, absoluter Familienmensch.“ Ist er im Inneren weicher als er sich darstellt? „Im Privaten sicherlich“, sagt Ursula Bouffier.

          Sie wird es beurteilen können. Sicherlich klaffen Fremd- und Selbstwahrnehmung bei Politikern und ihren Familien besonders weit auseinander. Wahrscheinlich wäre ja auch niemand auf die Idee gekommen – Ursula Bouffier erzählt es beiläufig –, dass Volker Bouffier sie neulich zum Konzert von U2 mitgenommen hat.

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