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Unesco-Welterbestätten : Hessen wirbt um Kultur-Touristen

  • -Aktualisiert am

Eines von vier: Der Limeserlebnispfad ist Welterbe. Bild: Wolfgang Eilmes

Im Land gibt es vier Unesco-Welterbestätten – und Ideen, sie besser zu vermarkten.

          5 Min.

          Reden, reden, reden – das war in den vergangenen Tagen die Hauptbeschäftigung von Marie-Luise Frey. Wie das auf Messen eben so ist. Die Geschäftsführerin der gemeinnützigen Grube Messel-GmbH war bis Sonntag auf der ITB in Berlin, der „Weltleitmesse des Tourismus“, wie die Veranstalter sie nennen, warb dort für die einmalige südhessische Fossilienfundstätte und konnte sogar Kontakte mit afrikanischen Ländern knüpfen. „Geht es doch auch in ihnen darum, wie mit dem Naturerbe umgegangen werden kann“, sagte sie gestern nach ihrer Rückkehr aus Berlin.

          Doch auch im direkten Umfeld der Grube Messel, die eine von vier hessischen Unesco-Welterbestätten ist, gibt es noch einiges zu tun – auch wenn dank eines neuen Besucherzentrums mehr Menschen kommen als zuvor. Frey möchte, dass mehr Interessenten aus der Region die Fundstätte besuchen, „auf die sie stolz sein können und die ihnen letztlich gehört“. Diesem Ziel dient unter anderem die enge Kooperation mit der Odenwald Tourismus GmbH des Odenwaldkreises. Dort arbeitet man an speziellen Angeboten, auch für die Grube Messel. „Bisher sind es noch Angebote von der Stange“, sagt Geschäftsführerin Kornelia Brauer. In ein neues Konzept sollen Gastronomen und Hoteliers mehr als bisher einbezogen werden.

          „Welterbe Erlebnisland“

          Ohne eine gute Zusammenarbeit gelingt das nicht, wie Brauer und Frey wissen. Dabei muss die ganze Region einbezogen werden. Deswegen arbeiten beide zum Beispiel auch mit dem Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald zusammen, der sich bis nach Bayern und Baden-Württemberg erstreckt. „Wir müssen das Kirchturmdenken aufgeben“, sagt Brauer. Touristen kümmerten sich nicht um Bundesländer- oder Kreisgrenzen.

          Dementsprechend wirbt die Internetseite der Tourismus Odenwald GmbH auch mit der Grube Messel für den Odenwald als „Welterbe Erlebnisland“, obwohl die Fossilienfundstätte nördlich des Odenwaldes im Kreis Darmstadt-Dieburg liegt. Umgekehrt hat Marie-Luise Frey in Berlin am Stand der Grube Messel auch auf die ganze südhessische Region verwiesen und nicht nur auf „ihr“ Welterbe.

          Geld aus Investitionsprogramm

          Für alle vier hessischen Welterbestätten wird an besseren Vermarktungskonzepten gearbeitet. Außer der Grube Messel, die seit 1995 Unesco-Welterbe ist, sind dies das auch in Südhessen gelegene Kloster Lorsch (seit 1991), ein Stück des Oberen Mittelrheintals (seit 2002) und ein Teil des obergermanisch-rätischen Limes (seit 2005), der Grenze zwischen dem Römischen Reich und Germanien mit der bei Bad Homburg gelegenen Saalburg. Geht es nach der Landesregierung, soll auch der Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel mit seinen Wasserspielen als Welterbe anerkannt werden. Der Antrag ist auf den Weg gebracht – eine Entscheidung des Unesco-Welterbekomitees wird für 2013 erwartet.

          Dank der Investitionsprogramme von Bund und Land kann viel Geld für die vier Welterbestätten ausgegeben werden. Zum Beispiel wurden im vergangenen Jahr für die Arrondierung des Lorscher Klosterareals 400.000 Euro vom Land und 200.000 Euro vom Bund zugesagt. Die Gesamtkosten für die Wiederherstellung des im 18. Jahrhundert angelegten Osteinschen Parks in Rüdesheim – am „Eingang“ des Mittelrheintals – liegen bei 7,5 Millionen Euro, von denen der Bund 2,5 Millionen Euro übernimmt. Gestern übergab Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) den Förderbescheid in Rüdesheim. Er bezeichnete den Erhalt des historischen Erbes im Oberen Mittelrheintal als „große Aufgabe“.

          Aus anderen Ländern könne man noch viel lernen

          Schon im Jahr 2009 konnten das Kloster Lorsch, die Grube Messel und die Saalburg von Fördergeldern von Bund, Land und Kommunen in Höhe von 17 Millionen Euro profitieren, wie das Landesdenkmalamt sagt. Auch die Stadt Lorch im Mittelrheintal bekam Geld für die Sanierung des aus dem 16. Jahrhundert stammenden Hilchenhauses.

          Dennoch: „Die mitteleuropäischen Länder können von Ländern wie Griechenland oder Italien in Sachen Kulturtourismus noch viel lernen“, urteilt Karl Weber, der Direktor der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, zu der das Kloster Lorsch gehört. Allzu schlecht ist die Situation aber auch nicht: Immerhin geben 32 Prozent der deutschen und 31 Prozent der ausländischen Touristen in Deutschland an, eine Stadt oder Region wegen eines Unesco-Welterbes zu besuchen. Das geht aus dem „Qualitätsmonitor Deutschland-Tourismus 2009/2010“ hervor.

          Regionen um die Welterbestätten sollen aufgewertet werden

          Vor gut eineinhalb Jahren hatten das hessische Wissenschaftsministerium und das Landesamt für Denkmalpflege eine Untersuchung mit Vorschlägen für eine bessere Vermarktung vorgestellt. Zum Beispiel soll es Angebotspakete geben, die Besuchern auch die Region um die jeweilige Welterbestätte herum erschließen.

          Umgekehrt können jene Regionen aber auch von den Welterbestätten profitieren. Der Rheinsteig etwa. Dieser Wanderweg liegt teils im Oberen Mittelrheintal. „Er wird durch die Anerkennung des Tals als Unesco-Welterbe aufgewertet“, sagt Alexander Hauck, Geschäftsführer der Rheingau-Taunus Kultur und Tourismus GmbH. Er arbeitet grenzüberschreitend mit seinen Kollegen, denn das Welterbe-Tal beginnt zwar im hessischen Rüdesheim, liegt aber vorwiegend in Rheinland-Pfalz.

          Zertifikate locken Touristen

          Um mehr auf das Welterbe aufmerksam zu machen, soll nicht nur der am Niederwalddenkmal gelegene Osteinsche Park wiederhergestellt, sondern es soll dort auch ein Besucherzentrum errichtet werden. Wie Karl Weber von der Verwaltung der Staatlichen Schlössern und Gärten sagt, soll der Architektenwettbewerb für das Gebäude im Mai entschieden sein.

          Ein anderes Mittel, um Aufmerksamkeit bei Touristen zu gewinnen, sind Zertifikate. Während der Rheinsteig schon vom Deutschen Wanderinstitut als „Premiumweg“ ausgezeichnet wurde, soll der Limes-Wanderweg von Rheinbrohl in Rheinland-Pfalz bis zur Saalburg ein ähnliches Prädikat bekommen. Geplant ist nach Auskunft von Alexander Hauck, die Strecke vom Deutschen Wanderverband als „Qualitätsweg“ zertifizieren zu lassen. Das soll noch in diesem Jahr geschehen.

          Praktische Schwierigkeiten

          Zu dieser Strecke gehört auch der größte Teil des „Limes-Erlebnispfads“ im Hochtaunuskreis. Er führt von Glashütten bis Ober-Mörlen, das schon in der Wetterau liegt. Um ihn kümmert sich eine eigene gemeinnützige GmbH. Wie Hauck, so verspricht sich auch deren Geschäftsführer Gregor Maier von der Zertifizierung des Wanderwegs besser für ihn werben zu können. Gesellschafter der GmbH sind der Hochtaunuskreis und sechs Städte. Der bekannteste Punkt jener Strecke dürfte die Saalburg sein, das vor gut 100 Jahren wieder aufgebaute Römerkastell. In punkto Vermarktung denkt der stellvertretende Direktor Carsten Amrhein weniger an neue Konzepte als an die Lösung praktischer Schwierigkeiten: Seiner Ansicht nach fehlen Parkplätze, fahren Busse zu selten zur Saalburg, und die Bushaltestelle sei einer Welterbestätte auch nicht würdig.

          Am Kloster Lorsch wiederum sind nach Auskunft von Karl Weber von der Verwaltung der Schlösser und Gärten bis 2013 größere Änderungen geplant. Beispielsweise soll das Gelände so verändert werden, dass darauf eine Art Abdruck der ehemaligen Gebäude zu sehen sein wird. Es soll zudem ein „Schaudepot“ geben, in dem unter anderem die berühmte Klosterbibliothek in digitalisierter Form zugänglich sein soll. Die Bestände sind in aller Welt verteilt, vor allem im Vatikan gibt es Bücher aus Lorsch. Für die Digitalisierung arbeitet Weber mit der Universitätsbibliothek in Heidelberg zusammen. Die Torhalle und der Rest der Klosterkirche sollen instand gesetzt werden. Außerdem soll ein neues Besucherzentrum entstehen, darin soll auch für andere Ziele in der Region geworben werden.

          Gemeinsame Werbung

          Wie Weber sieht auch Markus Hoßfeld, Geschäftsführer der Tourismusmarketing GmbH Kreis Bergstraße, ein noch nicht erschlossenes Potential an Besuchern in jenen Städten, die zum ersten Mal in Büchern des Klosters Lorsch erwähnt worden sind. Das Kloster wurde 764 gegründet und war eines der bedeutendsten klösterlichen Zentren der Karolingerzeit.

          Hoßfeld ist optimistisch, dass sich gerade eine Stätte wie das Kloster Lorsch gut vermarkten lasse – wegen ihrer historischen wie spirituellen Bedeutung. Das gelte auch für einen Ort wie Seligenstadt mit seiner karolingischen Tradition oder das Kloster Eberbach im Rheingau. Hoßfeld ist dafür, für Stätten wie diese gemeinsam zu werben: „Sonst geht man unter.“

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