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Studie über braune Vergangenheit : Bei Licht betrachtet auf eher dünnem Fundament

  • Aktualisiert am

Streitfall: Der Landtag soll eine braune Vergangenheit haben. Bild: Frank Röth

Die Studie, die im Auftrag der „Linken“ die braune Vergangenheit hessischer Abgeordneter untersucht, zeigt Mängel. Darauf weist Gerhard Menk hin, Honorarprofessor an der Universität Gießen.

          So sehr auch die Ergebnisse der Untersuchung von Hans-Peter Klausch über das „braune Erbe“ und die NS-Vergangenheit hessischer Landtagsabgeordneter auf den ersten Blick frappieren mögen, so überraschend sind sie keineswegs. Sicherlich wirkt es zuerst einmal mehr als befremdlich, dass Politiker wie Alfred Dregger oder Horst Schmidt, Karl-Heinz Koch oder Rudi Arndt, Wilhelm Fay oder Tassilo Tröscher und auch zahlreiche andere, weniger bekannte Parlamentarier nicht mehr als Demokraten lupenreinsten Wassers erscheinen, sondern ihre Karriere braune Schatten wirft.

          Auf der Folie der Nachkriegszeit stand aber seit langem außer Frage, dass auch das Hessen-Parlament keine Insel der Seligen war — und dies gilt hin bis zu einigen der prominenteren Repräsentanten. Den Anspruch einer einigermaßen zufriedenstellenden Abhandlung löst die 22 Seiten umfassende, reich bebilderte Publikation Klauschs freilich nicht ein.

          Eher auf dünnem Fundament

          Vielmehr steht sie trotz des öffentlichen Aufsehens, das sie für kurze Zeit erregt hat, bei Lichte betrachtet auf eher dünnem Fundament. Der Autor, Assistent an der Universität Oldenburg, hat sich im Grunde darauf beschränkt, die von dem früheren Kasseler Landtagsabgeordneten Jochen Lengemann erstmals erfassten und dann in Kurzform bearbeiteten Abgeordnetenbiographien mit derjenigen Überlieferung zu konfrontieren, über die das frühere Berlin Document Center (heute integriert im Bundesarchiv, Abteilung Berlin-Lichterfelde) verfügt.

          Dieses Verfahren hatte Klausch schon in einer Untersuchung angewandt, die ebenfalls im Auftrag der „Linken“ das niedersächsische Parlament auf seine braunen Altlasten beleuchtete. Dass es sich bei dem BDC aber um eine aus alliierter Überlieferung stammende Sammlung handelt, die eher dem Zufall als systematischen Prinzipien folgt, lässt sich dem Bändchen bedauerlicherweise nicht entnehmen. Eine Quellendiskussion hat Klausch offenbar schon deswegen sorgsam vermieden, weil ihm ein sehr viel umfangreicherer und fraglos auch wichtigerer Bestand zur Verfügung gestanden hätte: die zentral für Hessen im Wiesbadener Hauptstaatsarchiv aufbewahrten Spruchkammerakten (F.A.Z. vom 19. Mai).

          Mit dieser in der Nachkriegszeit erwachsenen Überlieferung, die freilich wichtige Quellensplitter aus der Zeit des Dritten Reiches enthält, bisweilen auch die gesamten Berliner Akten in Kopie, wäre es nicht nur möglich gewesen, den Beleg für den nicht immer sehr aussagekräftigen Beitritt zur NSDAP und ihren Gliederungen zu erbringen.

          Ausblendung der regionalen und zum Teil auch der personellen Bezugsfelder

          Vielmehr erlauben sie es auch, die wichtige Frage nach den Umständen und Beweggründen für den jeweiligen Schritt in die NSDAP zu lösen. Gerade dieser Punkt, der in der jüngeren Forschung eine zunehmend wichtige Rolle spielt, ist bei Klausch weitgehend ausgeblendet. Dabei liegen — um nur ein Beispiel zu nennen — zwischen dem im waldeckischen Rattlar geborenen Rasse-Ideologen Wilhelm Saure (1899–1951), der es als promovierter Jurist im Dritten Reich immerhin zum Rektor der deutschen Universität in Prag und nach dem Kriege kurzfristig zum FDP-Mitglied im Landtag bringen sollte, sowie dem späteren Frankfurter Oberbürgermeister Rudi Arndt nicht nur wegen des höchst unterschiedlichen Alters (Arndt ist 1927 geboren) schon Welten. Nicht einmal die lokale Herkunft der Abgeordneten, die gerade im Falle Waldecks, aber auch etwa für Fulda mit seinem katholischen Hintergrund von besonderem, weil aussagekräftigen Interesse ist, lässt sich aus der Kleinstudie Klauschs entnehmen.

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