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SPD-„Rebellin“ Silke Tesch : Nach wie vor Sozialdemokratin

Silke Tesch hilft nun Unternehmen, die Langzeitarbeitslose einstellen wollen Bild: Lucas Wahl

Silke Tesch, 2008 bekannt geworden als „Rebellin“ gegen den Kurs der damaligen hessischen SPD-Chefin Ypsilanti, hat eine neue Aufgabe. Sie arbeitet nach dem Ausflug ins Handwerk in einem Jobcenter - und strickt Babysachen.

          Silke Tesch freut sich auf den 24. Dezember. Weniger wegen Weihnachten, mehr deshalb, weil ihre Tochter an diesem Tag ein Kind zur Welt bringt, wenn alles so kommt, wie es die Ärzte errechnet haben. Und so strickt die Sozialdemokratin, die vor zwei Jahren zu den vier Rebellen der hessischen SPD gehörte und Andrea Ypsilanti Aufstieg zur Ministerpräsidentin verhinderte, abends kleine Jacken und Pullover.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Beruflich hat sie sich nach ihrem Ausscheiden aus dem Landtag, dem sie knapp sechs Jahre angehört hatte, gerade ein zweites Mal verändert. Die Handwerkskammer Rhein-Main, bei der sie sich seit Oktober 2009 vor allem um die Vermittlung von Jugendlichen in eine Berufsausbildung kümmerte, hat sie wieder verlassen. Neuerdings arbeitet die 1958 in Dautphetal-Holzhausen im Kreis Marburg-Biedenkopf geborene Tesch für eben diesen Landkreis als Betriebsberaterin des Jobcenters. Die Aufgaben ähneln sich: Tesch hilft nun Unternehmen, die Langzeitarbeitslose einstellen wollen, und klärt sie darüber auf, welche Unterstützung der öffentlichen Hand dabei möglich ist.

          Erzieherin von Beruf

          Von ihrer Arbeit im Landtag kann Tesch auch im neuen Job profitieren. Denn dort war die Industriekauffrau schließlich nicht die ganze Zeit an turbulenten Vorgängen beteiligt, sondern hat sich über Jahre als Fachfrau für Mittelstands- und Handwerkspolitik immerhin so in die Materie eingearbeitet, dass ihr nicht nur von Sozialdemokraten große Sachkunde bescheinigt wurde.

          Das „Rebellen”-Quartett: Dagmar Metzger, Jürgen Walter, Silke Tesch und Carmen Everts vor zwei Jahren

          In ihrem ersten Beruf war Silke Tesch Erzieherin und betreute unter anderen geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Zusammen mit ihrem Mann führte sie später eine Dachdeckerei, sie war für die Bücher des Handwerksbetriebs zuständig und entschloss sich 1982 zu einer zweiten Ausbildung, diesmal zur Industriekauffrau. Politisch aktiv wurde sie erst Mitte der neunziger Jahre, im SPD-Ortsverein Breidenbach, ein Ort in dem Kreis, in den sie nun auch beruflich wieder zurückgekehrt ist.

          Rüge der Schiedskommission hingenommen

          Die Zeit im Landtag hat sie „abgehakt“. Die Rüge der SPD-Bundesschiedskommission hat sie hingenommen, der Sache nach akzeptiert hat sie sie nicht. Geschadet habe der Partei der Versuch der damaligen Parteichefin Ypsilanti, sich entgegen mehrfacher Beteuerungen mit Hilfe der Linken zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen, sagt Tesch. Nicht geschadet hat ihrer Ansicht nach, dass sie als Abgeordnete ihrem Gewissen folgte und die Wahl zusammen mit Jürgen Walter, Dagmar Metzger und Carmen Everts am Ende verhinderte.

          Die Wut, die während der erbitterten parteiinternen Auseinandersetzungen auch bei ihr entbrannt war, ist inzwischen weitgehend verflogen. Enttäuschung ist geblieben. Nicht zuletzt über Ypsilanti-Nachfolger Thorsten Schäfer-Gümbel, der zwar die Absicht, einmal mit ihr zu sprechen, bekundet, bis heute aber keinen Versuch dazu unternommen habe. Von den drei anderen Rebellen hat Tesch noch mit Dagmar Metzger bisweilen Kontakt. Ansonsten haben sich die Wege wieder getrennt.

          Rückhalt im Ortsverein

          Anders als Carmen Everts, die die Partei verlassen hat, ist Tesch immer noch SPD-Mitglied. Und das nach wie vor mit voller Überzeugung. Das hat wohl damit zu tun, dass sie im Ortsverein ihres Heimatortes Breidenbach zu jeder Zeit Rückhalt gefunden hat, wie sie sagt. Und vielleicht auch damit, dass ihr bis heute wildfremde Leute Respekt dafür bekunden, wie sie sich verhalten hat.

          Ungeachtet der Narben, die die Ereignisse bei ihr hinterlassen haben, ist die Freude an der aktiven politischen Arbeit geblieben. Tesch ist nach wie vor Mitglied der Breidenbacher Gemeindevertretung, und sie will auch wieder für einen Sitz in dem Gremium kandidieren.

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