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Sicherheit in der Schule : Gegensprechanlage in jedes Klassenzimmer

Die Stadt Frankfurt will alle Schulen, hier die Helmholtzschule, zur Sicherheit mit Gegensprechanlagen ausrüsten Bild: Daniel Pilar

Die Bilder des Amoklaufs von Winnenden wollen Schülern und Lehrern nicht aus dem Kopf gehen. Während die Polizei gegen „Trittbrettfahrer“ vorgeht, sollen etwa in Frankfurt die Schulen sicherer werden.

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          Eigentlich war Volker Bouffier (CDU) in seiner Funktion als Sportminister an die Liebigschule im Frankfurter Stadtteil Westhausen gekommen. Anlass der ein paar Tage zurückliegenden Visite war die Zusammenarbeit des Basketballclubs Deutsche Bank Skyliners mit dem Schulsport. Doch dem Gastgeber, Direktor Werner Kexel, lag noch etwas anderes auf dem Herzen: die Gefahr von Amokläufen. Er sprach Bouffier in dessen Eigenschaft als für Sicherheit zuständiger Innenminister an und machte ihn darauf aufmerksam, dass es an dem Gymnasium keine Lautsprecheranlage gebe. In Winnenden habe eine Warndurchsage aller Wahrscheinlichkeit nach Leben gerettet. Wegen der Gefahr von Amokläufen müssten alle Schulen mit solchen Anlagen ausgestattet werden.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ähnlich wie dem Direktor der Liebigschule geht es vielen Schülern, Eltern und Lehrern. Zwar sind knapp drei Wochen vergangen, seit der 17 Jahre alte Tim K. an der Albertville-Realschule neun Schüler und drei Lehrerinnen getötet hat. Doch die Bilder und Nachrichten aus Winnenden sind an den Schulen noch immer gegenwärtig. Im Unterricht und den Pausen wird darüber gesprochen, Lehrer studieren Krisenpläne, die Polizei informiert über Sicherheitsvorkehrungen. In den Köpfen bleibt der Amoklauf aber auch wegen vieler sogenannter Trittbrettfahrer. In der vergangenen Woche wurde das Friedrich-Dessauer-Gymnasium in Aschaffenburg geschlossen, nachdem jemand im Treppenhaus eine Gewaltandrohung an eine Wand gekritzelt hatte.

          „Kein Kavaliersdelikt“

          Die Polizei ging zwar von einem üblen Scherz aus, leitete gegen den unbekannten Verfasser aber ein Ermittlungsverfahren in. Das Polizeipräsidium Unterfranken und die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg wiesen darauf hin, dass die Androhungen von Straftaten „kein Kavaliersdelikt ist und von den Justizbehörden mit aller Härte verfolgt wird“. Eine solche Klarstellung scheint durchaus nötig, betrachtet man die Zahl der Gewaltdrohungen an Schulen. In Hessen wurde im Jahr 2007 nach Angaben der Polizei 62-mal Alarm ausgelöst, weil etwa in Internetforen, per Mail oder Telefon ein Amoklauf angekündigt worden war.

          Wie stark die Häufigkeit solcher Drohungen seit Winnenden gestiegen ist, will das Innenministerium nicht mitteilen. Von Rekordmeldungen könnten sich „Trittbrettfahrer“ geradezu angespornt fühlen, befürchtet Ministeriumssprecher Michael Bußer. Daten aus anderen Bundesländern legen aber nahe, dass die Zahl der Amokdrohungen eklatant zugenommen hat. Binnen einer Woche nach der Tat von Tim K. registrierte das bayerische Innenministerium 70 Ankündigungen ernstzunehmender Straftaten. In Rheinland-Pfalz gab es in derselben Zeit 46 „Trittbrettfahrer“, von denen 36 ermittelt werden konnten.

          „Trittbrettfahrern“ drohen Kosten von bis zu 85.000 Euro

          Wenn ein Schüler durch eine Drohung einen Einsatz auslöst und erwischt wird, muss er mit hohen finanziellen Forderungen rechnen. Für ein Großaufgebot der Polizei können Kosten von mehr als 85.000 Euro entstehen. Der Betrag wird nach der Verwaltungskostenordnung berechnet und den Schülern, bei Minderjährigen den Eltern in Rechnung gestellt. Den Fall, dass es nicht bei der Drohung bleibt und ein Schüler tatsächlich um sich schießt, hat es in Hessen in den vergangenen Jahren nicht gegeben. Polizei und Schulen sind nach Einschätzung des Innen- und des Kultusministerium aber gut auf mögliche Amoktaten vorbereitet.

          So gibt es nach den Worten von Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) in jeder Schule einen Krisenstab, der auf derartige Situationen vorbereitet ist. Jedes Team hat einen verantwortlichen Lehrer und einen konkreten Ansprechpartner bei der Polizei. Vor zwei Jahren haben die Ministerien einen Leitfaden zum „Handeln in Krisensituationen“ an die Schulen ausgegeben. Zur Vorbereitung auf den Ernstfall gehören auch gemeinsame Begehungen, bei denen Lehrer und Polizisten gefährliche Stellen in Schulgebäuden ausfindig machen.

          Nicht zu viele Eingänge, gute Sichtbedingungen

          In Frankfurt arbeiten städtisches und staatliches Schulamt sowie Polizei schon seit Jahren zusammen, um die Sicherheit zu verbessern. So wurden auf Wunsch der Polizei farbliche Markierungen an Schulgebäuden angebracht, um die Orientierung in Krisenfällen zu erleichtern. Wie Michael Damian, Referent von Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen), sagte, wurde etwa bei der Planung des neuen Gymnasiums am Riedberg darauf geachtet, dass es nicht zu viele Eingänge gibt, dass die Sichtbeziehungen gut sind und dass die Räume der Schulhausverwaltung in der Nähe des Eingangs liegen.

          Zudem plant das Bildungsdezernat, alle Schulen der Stadt mit Gegensprechanlagen auszurüsten. So soll es von einem zentralen Raum, etwa dem des Schulleiters, möglich sein, mit jedem einzelnen Klassenzimmer in Kontakt zu treten. Anders als bei Lautsprechern ist es aber umgekehrt auch möglich, dass die Lehrer oder Schüler in Krisensituationen jederzeit Kontakt aufnehmen und ohne Zeitverlust Informationen durchgeben können. Nach Damians Worten sollen die Anlagen binnen eines Jahres installiert werden. Liebigschulleiter Kexel, der auch für den Bezirksverband Frankfurt der Oberstudiendirektoren spricht, zeigt sich von dem Vorhaben angetan. Zwar müssten technische Details geklärt werden - etwa, um einen Missbrauch auszuschließen. Grundsätzlich seien Gegensprechanlagen aber eine sinnvolle Investition in die Sicherheit - „und können vielleicht Menschenleben retten“.

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