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„Sensationsfund“ in Waldgirmes : Eine Scherbe rettet die Römersiedlung

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Tiefschürfend: Am Grunde dieses Trichters in Waldgirmes haben Archäologen den Kopf einer bronzenen Reiterstatue entdeckt Bild: Cornelia Sick

Hätte Gerda Heller vor 18 Jahren nicht einige Scherben aus römischer Zeit entdeckt, dann hätte Lahnau heute ein Gewerbegebiet mehr und die Archäologie einen sensationellen Fund weniger.

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          Der Papier gewordene Albtraum von Gerda Weller heißt „Bebauungsplan Nr. 14“ und ist auf den 13. November 1990 datiert. Knapp 19 Jahre später steht sie an jenem Ort, an dem die Gemeinde Lahnau im Lahn-Dill-Kreis ursprünglich ein 3,6 Hektar großes Gewerbegebiet einrichten wollte. Weller fährt mit dem Zeigefinger über die Planskizze von damals, dann weist sie mit einer ausladenden Handbewegung über das umliegende Gebiet: In zweihundert Metern Entfernung erhebt sich ein großer Erdhügel.

          Direkt daneben liegt der große Trichter, in dem Forscher den Pferdekopf der römischen Bronzestatue fanden, der vor zwei Wochen für weltweites Aufsehen sorgte. In der anderen Blickrichtung grenzt die Lagerhalle eines Baustoffhandels an den Ort. Dort hat sich das Archäologen-Team eingerichtet: Zwischen Betonquadern und Gabelstaplern residieren die Forscher und ihre Mitarbeiter in zwei orangefarbenen Containern. „Das wäre alles ein großes Gewerbegebiet geworden“, sagt Weller.

          Scherben und Tonfragmente aus der Römerzeit

          Daraus ist nichts geworden, stattdessen weist heute ein unscheinbares Schild an der Landstraße in Richtung Naunheim mit der Aufschrift „Römisches Forum“ in Richtung des Geländes. Dort verhinderte Weller mit ihren Feldbegehungen vom Herbst 1989 an einen Gewerbepark. Sie selbst sieht ihre Rolle untergeordnet: Der sensationelle Fund des Fragments der Statue sei vor allem richtigen Entscheidungen bei den Behörden zu verdanken. Selbst gesehen hat sie den Pferdekopf bis heute nicht.

          Gerda Weller sucht in der Umgebung ihres Heimatorts nach Relikten vergangener Epochen

          Gerda Weller besteigt den sogenannten Feldherrnhügel, eine Aussichtsplattform mitten auf dem Grabungsgelände. In dieser Gegend unternahm sie vor zwanzig Jahren auf Anregung des damaligen Kreisbodendenkmalpflegers Klaus Engelbach die Feldbegehungen, bei denen sie die erste Scherben und Tonfragmente aus der Römerzeit fand. „Ich habe dabei eigentlich an frühmittelalterliche Funde gedacht“, sagt sie.

          Steinfundamente aus der römischen Antike

          Als Weller Ende 1989 beim Bodendenkmalpfleger des Kreises Wetzlar, Heinrich Janke, ihre Funde auf den Tisch legt, zieht dieser eine einzelne Scherbe heraus. „Die ist römisch“, lautet sein knapper Kommentar. Weller begann daraufhin am Westzipfel ihres Heimatortes gründlich nach weiteren Funden zu suchen. 1991 brachte sie kistenweise Steine und Scherben zum Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden, im Herbst 1992 besuchte schließlich Heinz-Jürgen Köhler von der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt die Äcker vor Waldgirmes. „Das war ein historischer Tag“, sagt Weller. Sie neige nicht zu Euphorie, denn für ihre Passion benötige sie viel Geduld und einen kühlen Kopf: Bei 90 Prozent ihrer Feldbegehungen findet sie nämlich gar nichts.

          Allen Grund zur Freude gab es 1993 nach drei Jahren geduldigen Weitersuchens: Bei einer sogenannten Sondage, der ersten Bodenanalyse durch die Römisch-Germanische Kommission, wird offenkundig, dass unter den Äckern noch mehr verborgen sein muss: Daraufhin werden die Pläne für das Gewerbegebiet ad acta gelegt. 1998 entdeckten die Archäologen bei den Grabungsarbeiten sogar die ersten rechtsrheinischen Steinfundamente aus der römischen Antike – „dieser Ort hat eine hohe geschichtliche Bedeutung“, sagt Weller rückblickend.

          „Verkettung von günstigen Umständen und Fleiß“

          Sie habe sich schon als Kind für die Archäologie interessiert, sagt die kleine Frau, Jahrgang 1957. Damals sei sie durch die Felder gezogen und habe Relikte aus der Vergangenheit gesammelt. Das sei gar nicht so einfach, denn die Saison für Feldbegehungen beschränkt sich auf das Frühjahr und den Spätherbst: „Wenn Getreide auf den Feldern steht, kann ich nicht suchen“, sagt Weller. Während der „Saison“ ist sie dafür regelmäßig unterwegs und opfert den Großteil ihrer Freizeit.

          Dass ausgerechnet ihre Feldbegehungen vor 20 Jahren die Sensation von vor drei Wochen möglich gemacht haben, bewertet sie als „Verkettung von günstigen Umständen und Fleiß“. „Der Tüchtige hat manchmal auch Glück“, sagt sie. Den Begriff der „Hobby-Archäologin“ mag Weller nicht, das klingt ihr zu abschätzig: Sie sei ehrenamtliche Mitarbeiterin des Landesamtes für Denkmalpflege.

          Systematisch nach Spuren aus der Vergangenheit suchen

          Vor der Reiterstatue des Kaisers Augustus hat sich inzwischen eine größere Gruppe betagter Fahrradtouristen andächtig im Halbkreis versammelt. Die Bronzeskulptur in der Mitte des römischen Forums ist nur eine Nachbildung – ebenso wie das Forum selbst. Das habe man nach der Ausgrabung wieder verschüttet und stattdessen die Grundmauern wenige Meter darüber nachgebildet, weiß Weller. Der Sockel, auf dem die Reiterstatue in der Sonne glänzt, wird von vier rechteckigen Betonplatten flankiert, die die Standorte weiterer Sockel im Forum markieren – ob sich dort ebenfalls Skulpturen befanden, ist unklar.

          Offen bleibt wohl auch, ob weitere Funde unter den 7,7 Hektar Land der ehemaligen Römerstadt liegen, denn nur einen Teil des Geländes haben die Archäologen umgepflügt: Der Baustoffhandel und einige Häuser am Westrand der Gemeinde stehen auf dem Terrain der antiken Siedlung. Weller ist trotzdem zufrieden, schließlich sei das Gewerbegebiet verhindert worden. Für Waldgirmes wünscht sie sich einen Archäologischen Park, um die Römerstadt „optisch erlebbar“ zu machen. „Den Leuten muss etwas geboten werden, hier hat Geschichte stattgefunden“, sagt sie. Der Fund des Pferdekopfes beende jedenfalls nicht ihre Feldbegehungen – sie will weiterhin das Lahntal anhand ihrer Flurkarten und Pläne systematisch nach Spuren aus der Vergangenheit absuchen. Ohne große Euphorie, aber mit viel Geduld: „Ich höre nie auf.“

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