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Schulen : Banzer: Künftig nirgendwo mehr als 25 Kinder

Die Ergebnisse der Lesestudie IGLU Bild: ddp

Hessens Grundschüler lesen schlechter als andere. Das sagt die „Iglu“-Studie. Im nächsten Jahr sollen deshalb die Klassen kleiner werden. Nach den vorgestellten Ergebnissen lesen Thüringens Schüler am besten.

          3 Min.

          Als im vergangenen Jahr die Zusammenfassung der internationalen Studie Iglu aus dem Jahre 2006 vorgestellt wurde, die Lesefähigkeit und Textverständnis von Grundschülern untersuchte, war die Genugtuung groß: Deutschen Grundschulen und damit auch denen in Hessen stellten die Autoren ein gutes Zeugnis aus. Die getesteten Kinder lagen vor denen aus Schweden und den Niederlanden, ferner über dem Mittelwert der EU-Staaten, insgesamt weit über dem Durchschnitt. Auch die damalige hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) freute sich und wertete, naturgemäß fast, das gute Abschneiden auch als ein Ergebnis ihrer Arbeit. Als die Ergebnisse des Bundesländer-Vergleichs dieser Studie öffentlich wurden, hat das Bild anders ausgesehen. Mit der Plazierung Hessens auf Rang 13 der 16 Länder ist wenig Staat zu machen.

          Jacqueline Vogt
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dies obwohl, wie Wolffs Nachfolger, der geschäftsführende hessische Kultusminister Jürgen Banzer (CDU), sagte, das gute Ergebnis von einem schlechten ungerechtfertigt überstrahlt werde. Dennoch gelte es zu handeln, so der Minister, der den Grundschulen für das nächste Jahr umfassende Änderungen und kleinere Klassen in Aussicht stellte.

          Festlegung der hessischen Schulen

          Nach den vorgestellten Ergebnissen lesen Thüringens Schüler am besten, Hessen erreichte das schlechteste Ergebnis der Flächenbundesländer. Niedriger sind die Werte nur für die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen. An der Iglu-Studie hatten insgesamt 35 Staaten und zehn Regionen teilgenommen.

          Am Rande eines Arbeitsbesuchs bei der Landesdirektorenkonferenz sagte Banzer, die Ergebnisse müssten sorgfältig betrachtet werden und dürften nicht dazu führen, die Arbeit an Grundschulen schlechtzureden. Auch habe es bei der Festlegung der hessischen Schulen für die Studie „wenig Losglück gegeben“. 40 Prozent der ausgewählten Einrichtungen hätten einen besonders hohen Anteil von Schülern aus Zuwandererfamilien, während der Anteil dieser Jungen und Mädchen an der Schülerschaft landesweit nur 31 Prozent betrage.

          Heftige Auseinandersetzungen

          Unstrittig ist, dass sich aus der Plazierung Handlungsbedarf ablesen lässt, was auch Sprecher aller Parteien im derzeit aufgelösten Landtag hervorhoben. Für die SPD stellte sich der Spitzenkandidat zur Landtagswahl, Thorsten Schäfer-Gümbel, neben Heike Habermann, die schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag war. Schäfer-Gümbel nannte die Tatsache, dass die hessischen Schüler in der Iglu-Studie von 2006 im Gegensatz zu einer fünf Jahre früheren schlechter abschnitten, „einen Beweis für das totale Scheitern der CDU-Bildungspolitik in unserem Bundesland“. 2001 war Hessen in der Bundesländer-Tabelle auf dem dritten Platz gewesen. Allerdings hatten damals nur zwölf der 16 Länder teilgenommen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt waren nicht dabei.

          „Es hat keinen Sinn, sich zu lange mit statistischen Dingen zu befassen, schauen wir nach vorne“, sagte der Kultusminister. Vom Schuljahr 2009/10 an werde die Schülerzahl in den Eingangsklassen der Grundschulen auf 25 reduziert; die umstrittene Verordnung, die eine Erhöhung der Regelgröße 25 um drei erlaubt, soll also entfallen. „Damit ziehen wir einen Schlussstrich unter die Schritt für Schritt zur Regel gewordene Klassenbildung auf der Grundlage von 28 Schülern“, so Banzer – um die Klassengrößen an Grundschulen hatte es vor allem in Frankfurt in diesem Jahr heftige Auseinandersetzungen gegeben. Außerdem könnten Grundschulen künftig bei Überschreitung des Klassenteilers selbst über die Zusammenlegung von Klassen entscheiden.

          Leseerfolg abhängig vom Elternhaus

          Um den Platz Hessens im Ländervergleich 2006 zu relativieren, wies der Minister auch auf Neuerungen hin, die in den vergangenen fünf Jahren zur Stärkung der Grundschulen eingeführt worden seien und die es jetzt „auf den Prüfstand zu stellen“ gelte. Dazu gehöre auch die Vorverlegung der Schulanmeldung, verbunden mit der Einführung der Sprachstandserhebungen und die Einrichtung der Deutsch-Vorlaufkurse im Jahr 2002.

          Der Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Jochen Nagel, sprach unterdessen von einem „katastrophalen Zeugnis für zehn Jahre Bildungspolitik unter Ministerpräsident Roland Koch“. Hessen sei unter den Flächenländern bei Iglu auf dem letzten Platz gelandet, während es 2001 Land noch deutlich vor Nordrhein-Westfalen und Brandenburg gelegen habe. Die Abhängigkeit des Leseerfolgs vom Elternhaus habe sich weiter verstärkt. Die GEW, der Landeselternbeirat und die Landesgruppe Hessen des Grundschulverbands traten erstmals als ein „Bündnis zugunsten der Grundschulen“ auf. Die Vorsitzende des Grundschulverbands in Hessen, Ilse-Marie Krauth, beklagte, dass das Land zwar nicht tatenlos gewesen sei, die Verbesserungen aber offenbar nicht gefruchtet hätten.

          Mehr Förderung

          Die vom geschäftsführenden Kultusminister in Aussicht gestellte Änderung der Klassengrößen setzt den Hebel an einer Stelle an, die offenbar weithin als die richtige anerkannt ist. „Das ist ein einfaches Rechenexempel: Unterrichtsstunde geteilt durch Schülerzahl ist gleich Zeit, die der Lehrer für den Schüler hat“, sagte der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Helmut Deckert. Problematisch sei, dass von den für Grundschulen vorgesehenen zwei Förderstunden je Klasse und Jahrgang im Schnitt weniger als die Hälfte zugewiesen werde – auch das, so Banzer, werde sich ändern.

          Ungeachtet dessen bezeichneten auch die Grünen die bisherige Schulpolitik als falsch. Erschreckend viele Schüler könnten am Ende der vierten Klasse nicht richtig lesen und schreiben, sagte der Grünen-Politiker Mathias Wagner: „Nach zehn Jahren schwarzer CDU-Pädagogik fällt Hessen immer mehr zurück.“ Für die FDP machten der Landesvorsitzende Jörg-Uwe Hahn und Dorothea Henzler, die schulpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Landtag war, die CDU-Alleinregierung für das Abschneiden bei Iglu verantwortlich. Die FDP erneuerte ihre Mahnung nach mehr Förderung von Kindern im Vorschulalter.

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