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Schüler-Mobbing im Internet : Suche nach dem Betreiber der „Lästerseite“

„Das Internet ist kein rechtsfreier Raum”: Leitender Oberstaatsanwalt Günter Wittig Bild: Helmut Schwan

Die neue Internetseite, auf der Schüler über andere Jugendliche herziehen konnten, ist nach Protesten abgeschaltet worden. Zwar soll sie bald wieder online sein - doch wollen Polizei und Staatsanwaltschaft dem Betreiber das Handwerk legen.

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          Der Betreiber der Internetseite, die es angeblich möglich machte, „hundertprozentig anonym“ Mitschüler zu beleidigen, hat nach einer Welle der Empörung das Forum mittlerweile abgeschaltet. Es soll aber demnächst wieder ans Netz gehen – dann auf einem „juristisch unangreifbaren“ Server, wie es im übergangsweise erscheinenden Blog hieß.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Anbieter des stark frequentierten Forums sollte sich freilich nicht zu sicher fühlen. In mehreren deutschen Städten arbeiten Polizei und Staatsanwaltschaft daran, ihm und anderen Betreibern ähnlicher Seiten auf die Spur zu kommen und sie wegen Beihilfe zur Beleidigung, übler Nachrede oder auch zur Bedrohung zu verfolgen.

          Generalstaatsanwaltschaft ermittelt

          In Hessen, wo die Seite vor allem von Schülern aus dem Rhein-Main-Gebiet genutzt wurde, hat die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt die Ermittlungen an sich gezogen. Zum einen, weil man zeigen wolle, wie ernst man solche Entwicklungen nehme, selbst wenn für die in Betracht kommenden Delikte meist nur geringe Strafen drohten, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Günter Wittig.

          Die Schmähungen hätten ein Ausmaß erreicht, das selbst für die großzügigen Maßstäbe des Internets ungewöhnlich sei. Mitunter könne man durchaus von einer „virtuellen Steinigung“ sprechen. Aus England seien Fälle bekannt, in denen Opfer solcher Kampagnen in den Suizid getrieben worden seien. Als besonders perfide hat es Wittig deswegen empfunden, dass auf dem deutschen Cybermobbing-Portal ein Link zur Telefonseelsorge geschaltet gewesen sei – für Opfer, die mit den Anwürfen nicht selbst klar kommen.

          Internet kein rechtsfreier Raum

          Man wolle nicht die Jugendlichen kriminalisieren, die Mitschüler mobbten, stellt der Strafverfolger klar. Ziel sei es allein, dem menschenverachtenden Unwesen ein Ende zu bereiten und den Betreiber zu identifizieren. Es müsse deutlich werden, dass entgegen einer immer noch weitverbreiteten Ansicht das Internet kein rechtsfreier Raum sei.

          Wittig bewertet es daher als ersten Erfolg, dass die Seite abgeschaltet wurde. Die Generalstaatsanwaltschaft hat sich aber auch deshalb für zuständig erklärt, weil in der Behörde Juristen arbeiten, die sich darauf verstehen, vermeintlich gut getarnte Kriminelle im Netz aufzuspüren. Das haben sie zuletzt im Ermittlungsverfahren gegen einen Kinderporno-Ring bewiesen, gegen dessen Mitglieder derzeit in Darmstadt verhandelt wird.

          Schritt mit den Straftätern halten

          Oberstaatsanwalt Wittig hat seine Karriere in Frankfurt als Ermittler gegen Korruption und organisierte Kriminalität begonnen. Danach sammelte er Erfahrungen im Ministerium und als stellvertretender Behördenleiter in Fulda, „auf dem flachen Land“, wie er sagt. Die Mobbing-Seite ist für ihn ein weiteres Indiz dafür, wie sehr die Justiz sich anstrenge müsse, Schritt mit den Straftätern zu halten. Nicht nur gesellschaftlich fragwürdige Erscheinungen seien zunehmend in der virtuellen Welt zu beobachten; dort zeige sich auch Kriminalität in schwerer Form. Viele illegale Schusswaffen, die man früher nur über gute Kontakte ins Milieu habe bekommen können, würden inzwischen über das Internet vermittelt.

          Ob im Fall der „Hass-Homepage“ die Recherchen seiner Spezialisten erfolgreich sein werden, vermag Wittig noch nicht zu sagen; er sei entgegen der Meinung sogenannter Experten aber vorsichtig optimistisch. Dutzende Eltern hätten in der vergangenen Woche bei den Polizeidienststellen angerufen, bis Montag seien rund zehn formale Anzeigen und Strafanträge eingegangen.

          Ansprache des Direktors an die Schüler

          An den meisten Schulen hat sich die Aufregung jedoch inzwischen gelegt. Schon bevor die Mobbing-Plattform vom Netz ging, hätten ihre Schüler dort nicht mehr „gepostet“, sagt etwa Petra König, Leiterin der Frankfurter Anna-Schmidt-Schule. Sie führt dies auf die Aufklärung durch das Kollegium und die Eltern zurück.

          Am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium in Frankfurt hatte Direktor Thomas Mausbach eine Veranstaltung genutzt, um sich mit einer Ansprache direkt an die Schüler zu wenden. „Ich habe ihnen klargemacht, dass sich jeder, der bei so etwas mitmacht, selbst von der Gemeinschaft unserer Schule ausschließt.“ Allerdings bleibe das Verhalten in sozialen Netzwerken und der Umgang mit dem Internet im Allgemeinen ein wichtiges Thema für die schulische Erziehung, darin sind sich König und Mausbach einig.

          Eltern auf Cyber-Mobbing schlecht vorbereitet

          Hilfe für ratsuchende Eltern bieten der Frankfurter Stadtelternbeirat und der Verein „Eltern für Schule“ an. Meist seien Eltern ebenso wie Kinder auf das Thema Cyber-Mobbing schlecht vorbereitet, sagt Wilfried Volkmann vom Verein. Die Eltern wüssten zu wenig über die Möglichkeiten des Web 2.0, während die Schüler sich zwar oft mit der Technik auskennten, aber die Konsequenzen des Agierens im weltweiten Netz unterschätzten.

          Schon vor der jüngsten Diskussion um die mittlerweile abgeschaltete Läster-Seite hatten die Elternvertreter eine Reihe von Workshops organisiert, in denen Erziehungsberechtigte lernen können, wie sie ihre Kinder vor Gefahren im Internet schützen können. Diese Schulungen sollen nach Volkmanns Worten auch künftig alle zwei bis drei Monate stattfinden. Aufklärung verspricht überdies eine Vortragsveranstaltung unter dem Titel „Cyber-Mobbing“, zu der der Stadtelternbeirat für Mittwoch, 23. Februar, von 19.15 bis 21.45 Uhr in die Aula des Frankfurter Lessing-Gymnasiums einlädt.

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