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Rechtsradikalismus : Die geheimen Zeichen der Neonazis

Schwarz-rot-braun: NPD-Anhänger auf einer Kundgebung in Wiesbaden. Bild: DDP

Der Rechtsradikalismus ist längst in die Jugendkultur eingedrungen. Nicht nur in der Provinz finden Nazi-Konzerte statt, auf Schulhöfen werden Kinder als „Juden“ beschimpft. Doch Polizei und Kommunen spielen die Schwierigkeiten allzu gern herunter.

          Auf Dorffesten und Feuerwehr-Saufereien in der hessischen Provinz kommen sie mit Rechtsextremen in Kontakt. Man fasst Vertrauen, hilft sich gegenseitig, findet Halt und Gemeinschaft in der Gruppe. Und irgendwann haben die so gewonnenen Novizen ein geschlossenes rechtsradikales Weltbild im Kopf. „Deutschland den Deutschen“ oder „Der Jude versklavt uns“. Die jungen Nazis leben in einer abgeschotteten Parallelwelt, in der nur noch wahrgenommen wird, was ins vorgefasste Bild passt. „Tunnelblick“, nennen das die Psychologen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der junge Mann mit dem modischen schwarzen Ohrring in der dritten Reihe hier im Jüdischen Museum hat in einer solchen Parallelwelt gelebt. Fühlte sich wahnsinnig stark, wenn er und seine Kameraden auf Demonstrationen den „Aufbruch ins nächste Reich“ probten. Gleichzeitig sahen er und seine Gesinnungsgenossen in einer Art Paranoia überall Staatsschützer und Antifaschisten, die sie verfolgten. Schon mit zwölf Jahren, so erzählt dieser wortgewandte junge Mann, sei er in die rechtsradikale Szene des Wetteraukreises geraten. Seine und seiner Kameraden Utopie lautete: „Was jetzt ist, muss weg. Was wir wollen, muss her.“

          Ideologie nicht schlüssig

          Mit Propaganda im Internet hätten sie möglichst viele Leute erreichen wollen, berichtet der frühere Rechtsradikale, der vor einiger Zeit aus der Szene ausgestiegen ist. An zwei Videoprojekten hat er damals mitgearbeitet. Derartige Propagandafilmchen werden in „Youtube“ eingestellt, über soziale Netzwerke verbreiten Gesinnungsgenossen dazu die Links. Einige Videos seien auf 400.000 Zuschauer gekommen, sagt der Aussteiger. Das Internet ist die ideale Propagandaplattform für die rechtsextreme Szene. Dort zu werben und zu agitieren kostet fast nichts.

          Der Aussteiger hat seinen Weg aus der Nazi-Szene aus eigenem Entschluss gefunden. Die Ideologie erschien ihm irgendwann nicht mehr schlüssig. Zum Beispiel die Antikap-Strategie. „Wie bitte?“, fragt Ulrike Holler, die Moderatorin an diesem Abend, an dem es um den Rechtsextremismus in Deutschland geht. „Antikap?“ Das sei die Abkürzung von Antikapitalismus, klärt sie der junge Mann auf. Der Feind sei für Rechtsradikale der amerikanische Ostküstenkapitalismus mit dem Judentum an der Spitze.

          Schwer zu überschauende Szene

          Da ist es wieder, das urnazistische Motiv vom Juden als Feind. „Antisemitismus“, so klärt Heinz Fromm die Zuhörer auf, „gehört immer dazu.“ Fromm muss es wissen, denn er besitzt als Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz alle relevanten Informationen über Deutschlands Rechtsradikale.

          Die lassen sich längst nicht mehr über einen Kamm scheren. Die Szene ist schwerer zu überschauen geworden in den beiden vergangenen Jahrzehnten: NPD und DVU als Parteien, eine große Zahl von Kameradschaften, autonome Nationalisten. Der Rechtsradikalismus sei nach der deutschen Vereinigung in die Jugendkultur eingedrungen, sagt Michael Weiss vom antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin. Er zeigt Bilder von jungen Männern, die auf hessischen Dorffesten ungeniert in T-Shirts mit aufgedruckten rechtsradikalen Parolen erscheinen: „Nationaler Widerstand“, „Rassenkrieg“ „Combat 18“. 18 steht für A, den ersten Buchstaben im Alphabet, und H, dem achten. AH – Adolf Hitler. Weiss zufolge entwickelt der Rechtsradikalismus in den hessischen Dörfern und Städten wie eine Hydra immer wieder neue Köpfe.

          In die Jugendkultur eindringen - dies ist eine der Strategien

          Doch muss man seine Einschätzungen und die seiner antifaschistischen Freunde mit Vorsicht nehmen. Denn für sie ist beispielsweise ein Journalist ein Nazi-Freund, weil er den Antifaschisten einmal in einem Kommentar vorgeworfen hat, sie werteten mit ihren Gegendemonstrationen die Rechtsradikalen auf. Wer wie Weiss jedem, dessen Meinung einem nicht passt, einen Nazi-Sympathisanten nennt, der ist nicht gerade dafür prädestiniert, beim Thema Rechtsradikalismus als Autorität zu gelten.

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