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Rabatte und Babysitter-Hotline : Hessen will mit Familienkarte punkten

Alles auf eine Karte: Familien in Hessen werden zurzeit umworben. Bild: Jens Gyarmaty

Mit der Familienkarte können Eltern vom 11. September an unter anderem günstiger bei Rewe einkaufen und haben Zugriff auf eine Babysitter-Hotline. 15.000 Familien haben sich schon registriert.

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          Von täglich dreistelligen Antragszahlen berichtet Regierungssprecher Dirk Metz. Dabei sind die Landespolitiker noch gar nicht ausgerückt, um die Trommel für die Karte zu rühren. Die Werbetour beginnt erst in der nächsten Woche. Mit 35.000 Anmeldungen bis Jahresende rechnet man in Wiesbaden.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hessen ist bisher das einzige Bundesland, das eine Familienkarte nach einem Vorbild aus Oberösterreich einführt. Familien und Alleinerziehende mit mindestens einem Kind, das jünger als 18 Jahre ist, bekommen die Gratis-Karte, unabhängig von ihrem Einkommen. Die Landesregierung nimmt dafür in diesem Jahr 400.000 und im nächsten Jahr 600.000 Euro in die Hand. Von diesem Geld werden laut Metz eine Unfallversicherung für jedes Kind von der Geburt bis zum ersten Schuljahr finanziert, die Vermittlungsgebühren für die Babysitter-Hotline sowie Werbemaßnahmen. Mit einem kleinen finanziellen Beitrag beteiligten sich auch die Unternehmen, die als sogenannte Premiumpartner auftreten, etwa Rewe, Hipp, Tank & Rast.

          Fünf Prozent beim Einkauf

          Neben diesen gibt es rund 30 gewöhnliche Partner. Die Liste reicht vom ADAC über Dony‘s Lieblingsschuhe in Linsengericht-Altenhaßlau bis hin zum Wildpark Fasanerie in Hanau. Auch Ausflugsziele wie die Saalburg, die dem Land gehört, oder der Opel Zoo sind als Partner gelistet. Die Angebote der Teilnehmer können Interessierte im Internet nachlesen. In der Regel gibt es ein bis zwei Euro Rabatt auf Familien-Eintrittspreise und fünf bis zehn Prozent Rabatt auf Kaufpreise oder Kursangebote. Die Partner der Familienkarte werden sich im nächsten Jahr erstmals in einem Familienkarte-Magazin präsentieren. Das soll einmal im Jahr erscheinen.

          Die fünf Prozent die der Rewe-Konzern Familienkarten-Besitzern auf seine Eigenmarken bietet, dürfte für Familien zu den lohnendsten Angeboten gehören. Die sechsköpfige Familie aus Kronberg zumindest, die im Monat für rund 1000 Euro bei Rewe einkauft und davon etwa 300 Euro für Rewe-Artikel ausgibt, hat nicht lange gezögert, spart sie mit der Karte doch rund 180 Euro im Jahr.

          Vermittlungsservice für Kinderbetreuung

          Die Teilnahme an dem Programm war laut Landesregierung öffentlich ausgeschrieben. Dass man Familien-Treffpunkte wie Ikea nicht unter den Partnern findet, mag daran liegen, dass die Möbelhauskette auf ihre eigene Familienkarte setzt. Auch Tegut, Supermarkt-Betreiber aus Fulda, winkte ab mit Verweis auf die ohnehin schmalen Margen im Lebensmittel-Einzelhandel und das eigene Kunden-Bonusprogramm, wie es auf Anfrage heißt.

          Attraktiver als Rabatte – die Portemonnaies der Verbraucher sind ja schon dick mit Bonuskarten gefüllt – dürfte für viele Familien der Vermittlungsservice für Kinderbetreuung sein. Er wird von der Örag GmbH in Düsseldorf organisiert, dem Servicepartner für die öffentlichen Versicherer und die Sparkassen-Finanzgruppe. Zu diesen gehört auch die SV Sparkassenversicherung, bei der Kinder von Karten-Inhabern automatisch unfallversichert sind. Die Örag arbeitet nach eigenen Angaben mit Agenturen in der Region zusammen, die auf die Vermittlung von Kinderbetreuung spezialisiert sind. Die vermittelten Betreuer seien „qualitätsgeprüft“ und könnten auf Wunsch ein Babysitter-Diplom oder ein Erste-Hilfe-Zertifikat für Säuglinge und Kleinkinder vorweisen.

          Keine Einkommensgrenze

          Wie sich das Konzept im Alltag und vor allem in ländlichen Regionen bewährt, muss sich erst noch zeigen. „Eine Vermittlungsgarantie können wir nicht übernehmen“, sagt ein Unternehmenssprecher. Doch gehe man nicht davon aus, dass in einer Stadt alle Babysitter ausgebucht seien, „weil dazu alle Inhaber der Familienkarte zum gleichen Zeitpunkt einen Babysitter anfragen müssten“.

          Die Familienkarte kann online oder per Post beantragt werden. Der Antragsteller haftet für die Richtigkeit der Angaben. Überprüft werden diese jedoch bei Antragstellung nicht – unter anderem deshalb, weil der Bürokratieaufwand möglichst gering gehalten werden soll, wie Metz hervorhebt. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund habe man sich dafür entschieden, keine Einkommensgrenze zu ziehen. Ziel sei es, die Familie in der Gesellschaft zu unterstützten. „Und die Suche nach einem Babysitter macht vor keiner Gruppe halt“, sagt Metz.

          Boni und Babysitter

          Die Familienkarte Hessen bietet Familien mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren unabhängig vom Einkommen Vorteile beim Einkaufen und in der Freizeit. Auch können Kartenbesitzer über einen Dienstleister Kinderbetreuung organisieren. Hier einige Beispiele.

          Rabatte: Unter anderem bekommen Kartenbesitzer bei Rewe fünf Prozent Rabatt auf alle Eigenmarken (auch Bio, Feine Welt). Bei der Tankstellenkette Tank&Rast kostet die Tasse Cappuccino einen Euro, zehn Toiletten-Besuche pro Karte sind frei, wobei insgesamt nur 100.000 gratis sind. Die Tankstelle verlangt inzwischen 70 Cent pro Toilettengang, 50 Cent davon werden beim Verzehr angerechnet.

          Versicherung: Die Karte schließt automatisch eine Basis-Unfallversicherung für Kinder von der Geburt an bis zum Schuleintritt ein. Das Angebot gilt auch für den Elternteil, der in den ersten drei Lebensjahres des Kindes zuhause bleibt.

          Eintrittspreise: Reduzierte Eintrittspreise gelten etwa im Hessenpark. Dort kostet der Eintritt für Familien mit Familienkarte zurzeit zehn Prozent weniger, das heißt 9,90 Euro statt elf Euro. Im Januar wird die Familienkarte aber um einen Euro erhöht.

          Kinderbetreuung: Eltern können über die Karte rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr telefonisch Betreuung anfordern. Einen Babysitter (stundenweise, maximal eine Übernachtung) etwa bekommt eine Familie laut Karten-Info mit einer Vorlaufzeit von einem Tag. Die Babysitter seien „qualitätsgeprüft“, auf Wunsch mit Diplom. Als Richtwert für die Kosten, die Familie und Sitter zu verhandeln haben, werden sechs bis elf Euro die Stunde angegeben. Die Babysitter werden landesweit von der auf Dienstleistung spezialisierten Örag GmbH in Düsseldorf organisiert. Diese vermittelt auch Au-Pairs an Karten-Inhaber (Vermittlungsgebühr circa 1000 Euro) und vermittelt Kinderferienbetreuung. Ein Beispiel: Ein Indianercamp in den Sommerferien 2011 mit sechs Übernachtungen im Indianerdorf auf der Wasserkuppe kosten bei eigener Anreise inclusive Vollverpflegung und Betreuung 187 Euro. (hoff.)

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