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Prügel-Opfer Tugce A. : „Gewalt gegen Frauen ächten“

In Gedenken: Nach dem Angriff auf Tugce Albayrak sprechen sich Freunde, Angehörige und Politiker gegen Gewalt und Pöbelei gegen Frauen aus. Bild: Eilmes, Wolfgang

Sie soll sich für zwei bedrängte Mädchen eingesetzt haben und musste dies mit ihrem Leben bezahlen. Der Fall der Studentin Tugce Albayrak hat im hessischen Landtag eine Debatte zu Gewalt gegen Frauen und Mädchen losgetreten.

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          Unter dem Eindruck des Todes der 22 Jahre alten Gelnhäuser Studentin Tugce Albayrak hat sich der Landtag am Donnerstag einmütig dafür ausgesprochen, Gewalt gegen und Diskriminierung von Frauen entschiedener zu bekämpfen. „Wir leben in einer zutiefst frauenfeindlichen Welt“, sagte die SPD-Abgeordnete Lisa Gnadl. Jede fünfte Frau in Deutschland habe körperliche oder sexuelle Gewalt von ihrem derzeitigen oder einem früheren Partner erfahren, der Anteil der über 15 Jahre alten Frauen, die bereits mit Gewalt konfrontiert gewesen seien, liege mit 35 Prozent sogar über dem Durchschnitt in der Europäischen Union. Die Konsequenz aus derart schockierenden Zahlen müsse der Ausbau von Schutz- und Hilfsangeboten sein.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Studentin Albayrak war Mitte November vor einem McDonald’s-Restaurant in Offenbach von einem serbischstämmigen Mann niedergeschlagen worden und beim Sturz mit dem Kopf auf den Boden geprallt. Nach Aussagen von Freundinnen war sie zuvor zwei Mädchen zu Hilfe gekommen, die auf der Toilette von dem späteren Täter und zwei weiteren Männern bedrängt wurden. Am Mittwoch hatten die Ärzte im Sana-Klinikum Offenbach die Patientin für hirntot erklärt, wie die Klinik bestätigte. Die Eltern entscheiden nun darüber, wann die Geräte abgeschaltet werden. Aus Familienkreisen war zu hören, dass dies am Freitag, am 23. Geburtstag Albayraks, geschehen soll. Freunde der Familie haben dazu aufgerufen, sich von 18 Uhr an vor dem Klinikum zu einer Mahnwache zu versammeln.

          In den sozialen Netzwerken bringen weiterhin Tausende ihre Trauer und Fassungslosigkeit über die Tat zum Ausdruck. Auf einer von Tugces Freunden und Familie angelegten Facebook-Seite haben mehr als 84.000 Personen ihren Respekt für die Zivilcourage der jungen Studentin ausgedrückt. Einige Unterstützer fordern mit einer Internetpetition das Bundesverdienstkreuz für Tugçe.

          Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) habe große Sympathie für eine Internet-Petition mit der entsprechenden Forderung und werde auf den Bundespräsidenten zugehen, bestätigte die Staatskanzlei am Freitag entsprechende Angaben des Hessischen Rundfunks. Auch Dominik Brunner, ein Mann der vor fünf Jahren umkam, als er einen Streit schlichten wollte, war posthum damit ausgezeichnet worden.

          Offenbachs Bürgermeister Peter Schneider (Die Grünen) verurteilte den Angriff als „absolut inakzeptabel“. Frank Goldberg, Leiter des Frankfurter Präventionsrats, sagte, es gebe „Männer, die keinen Respekt vor Frauen zeigen“. Er hoffe, dass der Täter eine angemessene Strafe erfahre. Dieser Fall sei abschreckend, dürfe aber nicht die Debatte über Zivilcourage beeinflussen. Es sei weiterhin wichtig, anderen zu helfen. Man dürfe sich aber dabei nicht selbst in Gefahr begeben.

          Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Gewalt als Mittel in persönlichen Auseinandersetzungen zu ächten, forderte die Linken-Abgeordnete Marjana Schott im Hessischen Landtag. Rednerinnen der Regierungsfraktionen CDU und Grüne wiesen darauf hin, dass für Frauenhäuser und Beratungsstellen nach sexueller Gewalt in dieser Legislaturperiode mehr Geld zur Verfügung stehe als bisher. Nicht alle Ausprägungen von Gewalt gegen Frauen ließen sich allerdings mit staatlichen Mitteln bekämpfen, sagte Sigrid Erfurth (Die Grünen). Der Stellenwert der Frauen müsse auch im alltäglichen Dialog und Umgang erhöht werden.

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