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Marode deutsche Straßen : „Reparaturen wurden jahrelang hinausgezögert“

Nichts geht mehr auf der Schiersteiner Brücke - und auch auf so manchen anderen Brücken in Deutschland Bild: dpa

Die Sperrung der Schiersteiner Brücke trifft das Rhein-Main-Gebiet ins Mark - doch das Problem maroder Straßen und Brücken ist hausgemacht, sagt ADAC-Experte Wolfgang Kugele im FAZ.NET-Gespräch. Die Politik habe viel zu lange weggesehen.

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          Herr Kugele, die Sperrung der Schiersteiner Brücke legt fast das gesamte Rhein-Main-Gebiet lahm - und ist beileibe kein Einzelfall. Wie marode ist die deutsche Verkehrsinfrastruktur?

          Oliver Georgi
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kugele: Eine Gesamtzahl zum Zustand der Bauwerke gibt es nicht, die Überprüfungen laufen in vielen Gebieten noch. Klar ist aber: Der Nachholbedarf ist sehr groß. Das sieht man jetzt an der Schiersteiner Brücke, aber auch an der Rader Hochbrücke, den Brücken an der A 45 oder der Rheinbrücke in Leverkusen. Diese Fälle zeigen deutlich, dass der Sanierungsstau immens ist, weil notwendige Reparaturen über Jahre hinweg immer wieder hinausgezögert wurden.

          Die Bodewig-Kommission spricht von einem Fehlbetrag von 7,2 Milliarden Euro für die Sanierung von Straßen, Schienennetz und Wasserwegen. Halten Sie diese Zahl für valide?

          Kugele: Die Zahlen sind plausibel. Allein für die Sanierung der Bundesfernstraßen werden nach der Bodewig-Kommission 500 Millionen Euro benötigt. Das Verkehrsministerium hat die Gesamtausgaben für die Erhaltung der Verkehrsinfrastruktur ja nicht ohne Grund deutlich nach oben korrigiert. Vor kurzem lag die Summe noch bei 2,6 Milliarden Euro; jetzt liegt sie für den Zeitraum von 2011 bis 2025 schon bei rund 3,7 Milliarden Euro.

          Ein Hauptgrund für den maroden Zustand vieler Straßen ist das enorm gestiegene Verkehrsaufkommen in den letzten Jahrzehnten. Hätte man das besser vorhersehen können?

          Kugele: Nein, als man in den 1960er Jahren Brücken wie die Schiersteiner Brücke geplant und gebaut hat, war nicht absehbar, wie gigantisch der Güterverkehr in den kommenden Jahrzehnten wachsen würde, vor allem der mit schweren Lkw. Die Politik hat es aber definitiv versäumt, sehr viel früher auf diese Entwicklung zu reagieren. Hätte man früher mehr Mittel in Sanierung und Ertüchtigung gesteckt, wäre die Lage heute nicht so katastrophal.

          Wie wird überprüft, ob eine Brücke sanierungsbedürftig ist oder nicht?

          Kugele: Es gibt für jede Brücke ein so genanntes  Brückenbuch, das akribisch geführt werden muss. Das  schreibt ganz klare Intervalle für die Begehungen vor. Für den Brückenzustand gibt es außerdem Warnwerte, die einen dringenden Handlungsbedarf auslösen. Dieser Warnwert ist an der Schiersteiner Brücke jetzt offenbar überschritten worden.

          Auch ziemlich morsch: die Rader Hochbrücke in Schacht-Audorf (Schleswig-Holstein)
          Auch ziemlich morsch: die Rader Hochbrücke in Schacht-Audorf (Schleswig-Holstein) : Bild: dpa

          Lohnt es sich überhaupt noch, marode Brücken mit viel Aufwand zu sanieren?

          Kugele: Das hängt immer vom Einzelfall ab. Je nach Zustand der Brücke kann eine Sanierung lohnen und auch über Jahre halten. An Stellen, an denen ohnehin ein Ausbau der Autobahn geplant ist, wird man lieber neu bauen, um die wachsende Verkehrsbelastung möglichst vorausschauend abzudecken.

          Braucht Deutschland jetzt einen Masterplan für marode Brücken und Straßen?

          Ja, das hat die Politik mittlerweile ja auch erkannt. Wichtig ist aber, dass die Planungen endlich langfristiger sind und für alle Beteiligten auch Finanzierungssicherheit herrscht. Das Geld für den Bau und den Erhalt von Bauwerken muss dann verfügbar sein, wenn es gebraucht wird - das geht nur, wenn man im Verkehrshaushalt nicht mehr jährlich plant wie bisher, sondern mehrjährlich.

          Der ADAC ist gegen eine allgemeine Maut, mit deren Einnahmen die maroden Straßen und Brücken saniert werden könnten. Warum?

          Kugele: Weil aus unserer Sicht das Geld nicht das Problem ist. In den letzten Jahren wurden pro Jahr 53 Milliarden Euro an spezifischen Autofahrerabgaben erhoben - das reicht für den Bau und die Instandhaltung der Verkehrswege. Leider hat bislang  der politische Wille gefehlt, diese Mittel auch für die Verkehrsinfrastruktur einzusetzen. Die Bodewig-Kommission hat mit ihren Vorschlägen eines Finanzierungsfonds und eines Sondervermögens für die Sanierung maroder Straßen jetzt aber einen guten Weg vorgegeben.

          Durch die Sperrung der Schiersteiner Brücke fällt eine von drei Mainzer Straßenverkehrsverbindungen über den Rhein vorerst aus
          Durch die Sperrung der Schiersteiner Brücke fällt eine von drei Mainzer Straßenverkehrsverbindungen über den Rhein vorerst aus : Bild: F.A.Z.

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