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Musterprozess für Polizeibewerber : Tätowierte Respektsperson

Für Polizisten tabu: Großflächige Tätowierungen können nachteilig für die Karriere sein. Bild: AP

Wie muss ein guter Polizist aussehen? Diese Frage beschäftigt derzeit den Hessischen Verwaltungsgerichtshof – am Beispiel eines Tattoos.

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          Als Tatiana V. beschloss, Polizistin zu werden, hätte sie nicht gedacht, dass ihr ausgerechnet das Tattoo auf dem Unterarm einen Strich durch die Rechnung machen würde. Sie hatte die Bewerbungsunterlagen bei der Bundespolizeiakademie eingereicht, mit einem Foto, einem Lebenslauf und einigen zusätzlichen persönlichen Angaben. Auf die Frage nach Tätowierungen gab die Darmstädterin an, den Spruch „S’il te plaît apprivoise-moi“ auf ihrem Unterarm zu tragen.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vielleicht lag es an der Größe (acht mal dreißig Zentimeter), vielleicht aber auch am Inhalt – jedenfalls erhielt Tatiana V. eine Absage. Der Spruch, ein Zitat aus dem Buch „Der kleine Prinz“, heißt übersetzt: „Bitte bezwinge mich.“ Die Bundespolizei begründete ihre Entscheidung damit, dass jede Tätowierung, die bei angelegter Uniform noch sichtbar sei, den Beamten angreifbar mache. Die Uniform sei Ausdruck der Neutralität. Die könne durch eine Tätowierung beeinträchtigt werden.

          Der Fall beschäftigt nun den Hessischen Verwaltungsgerichtshof. Wie dort entschieden wird, ist ungewiss. In jedem Fall aber wird der Ausgang des Verfahrens bundesweit von Bedeutung sein – denn es entscheidet letztlich über die Frage: Wie muss ein Polizist aussehen, um ein guter Polizist sein zu können?

          Respekt gegenüber Polizisten sinke bei Tätowierung

          In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Fälle gegeben, in denen angehende Polizisten geklagt haben, weil sie sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt sahen. 2002 hatte das Verwaltungsgericht Frankfurt verfügt, dass ein Polizeibewerber aus Hessen zur Ausbildung zugelassen werden müsse. Die Tatsache, dass er großflächige Tätowierungen an den Unterarmen habe, war nach Ansicht des Gerichts nicht ausreichend, um ihn von der Polizeiausbildung auszuschließen und ihn „in persönlicher Hinsicht als ungeeignet erscheinen zu lassen“. Ähnliche gerichtliche Entscheidungen gab es auch in anderen Bundesländern.

          Allerdings haben die Innenministerien im Bund wie in den Ländern gute Gründe, bei tätowierten Bewerbern genauer hinzusehen. Sie argumentieren, ein Polizeibeamter repräsentiere nicht nur den Staat, sondern dürfe auch keinen Anlass für persönliche Missachtung bieten, wie sie durch eine sichtbare Tätowierung oder auffällige Piercings hervorgerufen werden könnte. Die Polizeihochschule des Landes Baden-Württemberg hatte in einer Studie festgestellt, dass der Respekt gegenüber Polizisten weitaus geringer sei, wenn das Erscheinungsbild nicht zum erwarteten Auftreten passe.

          Was aber ist „anstößig“ und „ehrverletzend“?

          Das hessische Innenministerium hat vor einigen Jahren klar geregelt, welche „optischen Auffälligkeiten“ toleriert würden und welche nicht. Generell sei eine Tätowierung kein Ausschlusskriterium, sofern es sich um eine Darstellung handele, die weder anstößig oder ehrverletzend sei noch sonst gegen Rechtsvorschriften verstoße.

          Was aber ist „anstößig“ und „ehrverletzend“? Diese Frage beantwortet jedes Bundesland offenbar anders. In Hessen hat man einen Kompromiss gefunden, auch wegen der Rechtsprechung der vergangenen Jahre. Bei einer „großen, auffallenden Tätowierung im sichtbaren Bereich“, also beispielsweise am Unterarm, werde dem Bewerber auferlegt, sich zwischen drei Möglichkeiten zu entscheiden: Entfernung des Tattoos, Überdecken durch Tragen eines Langarmhemdes oder aber Bedecken des Bildes, etwa durch hautfarbene Stulpen.

          Damit zeigt sich Hessen toleranter als etwa Baden-Württemberg. Dort wurde jüngst beschlossen, dass Polizisten keine Ohrringe tragen und auch keine anderen Arten von Piercings haben dürfen. Vor allem aber wurden sichtbare Tätowierungen gänzlich untersagt. Polizeigewerkschaften warnten daraufhin vor einer „Prozesslawine“.

          Neutrale Tätowierungen seien unbedenklich

          Im Bund blickt die Polizei gespannt auf die anstehende Entscheidung des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs und bleibt bis auf weiteres bei ihren Leitlinien. Tätowierungen könnten – unabhängig von Größe und Plazierung am Körper – als Einstellungshindernis gewertet werden, wenn durch sie „das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland oder der Bundespolizei beeinträchtigt wird“, so eine Sprecherin. Das gelte vor allem für Motive mit radikalem Inhalt und für „entwürdigende, sexistische, gewaltverherrlichende oder menschenverachtende Darstellungen“.

          Unbedenklich seien hingegen Tätowierungen neutraler Art, „die von der normalen Dienstkleidung vollständig verdeckt werden“. Allerdings sei sich die Bundespolizei „des Wandels und der zunehmenden Akzeptanz in der Gesellschaft insbesondere hinsichtlich bestimmter optischer Erscheinungsbilder durchaus bewusst“. Daher sei die Behörde regelmäßig bemüht, „gegebenenfalls notwendig gewordene Anpassungen in ihren Regularien vorzunehmen“.

          Tatiana V. will die Entscheidung des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs zunächst abwarten, bevor sie entscheidet, ob sie das Tattoo entfernen lässt. Wie ihr Anwalt sagt, erwägt sie diesen Schritt, sollte das Gericht zu dem Schluss kommen, dass es rechtens sei, sie nicht zum Dienst zuzulassen.

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